IQNA

21:28 - October 20, 2018
Nachrichten-ID: 3000278
Was ist der Zusammenhang zur Freilassung des US-„Pfarrers“ Brunson nur wenige Tage nach dem Verschwinden von Khashoggi?

von Ali Chaukair

Die Entwicklungen im Polit-Thriller Khashoggi, oder auch Chaschuqdschi[1], überschlagen sich nahezu stündlich. In der letzten Nacht äußerte US-Präsident Trump, dass er vom Tod Khashoggis ausgehe und dass dies Konsequenzen nach sich ziehen müsse.

Angesichts dieses Statements sowie des Gesamtgeschehens drängen sich etliche Fragen auf: Warum sollten die Saudis so dumm sein und einen vermeintlichen Dissidenten in einem ihrer Konsulate ermorden? Warum das Konsulat in Istanbul? Warum zu diesem Zeitpunkt? Was ist der Zusammenhang zur Freilassung des US-„Pfarrers“ Brunson[2] nur wenige Tage nach dem Verschwinden von Khashoggi? Gibt es überhaupt einen solchen Zusammenhang? Welche Deals laufen im Hintergrund? Was wusste Khashoggi, dass er sterben musste? Ist er wirklich tot oder ist er nur verschwunden? Hat er gar das saudische Regime zu erpressen versucht? Warum ist Khashoggi so dumm und geht in das Konsulat? Wurde er wirklich mit dem Versprechen eines Ministerpostens gelockt? Wie wurde Khashoggi getötet? Wurde er noch verhört oder wurde er sofort nach Betreten des Konsulats ermordet? Warum gelangen solche Details seiner mutmaßlichen Tötung an die Öffentlichkeit? Wurde seine Leiche tatsächlich zerteilt? Sind die Saudis gar in eine Falle getappt?

Fragen über Fragen, aber letztlich ist es, wie allzu oft, nicht so kompliziert, wie es zunächst den Anschein hat. Man nehme die Fakten: Wir haben einen saudischen Journalisten, Inhaber einer amerikanischen Green Card, Kolumnist der Washington Post, welcher am 2. Oktober in das saudische Konsulat in Istanbul ging und hiernach nicht mehr auftauchte. Eine Woche nach seinem Verschwinden wurden mehr und mehr Stimmen laut, die von einer Ermordung Khashoggis im saudischen Konsulat sprachen. Sein Körper soll in Stücke zerteilt und entsorgt worden sein.

Sind die Saudis in der Lage, eine solch abscheuliche Tat zu begehen? Ja, zweifelsohne. Sie töten seit mehr als drei Jahren täglich unschuldige Jemeniten, haben allein in diesem Jahr etliche Massaker an Kindern und anderen Unschuldigen begangen und haben in diesem Krieg bereits tausende Menschen getötet. Sie haben den Jemen umzingelt und isoliert. Die jemenitische Bevölkerung wird ausgehungert. Der Krieg ist völkerrechtswidrig und das saudische Regime begeht dort Kriegsverbrechen. Jeder weiß es, niemand stoppt es.

Sind die Saudis auch so dumm, so eine Tat zu begehen? Ebenfalls ja. Auch hier kann auf den Jemen verwiesen werden. Und nicht nur der Jemen zeigt die Barbarei und Dummheit der Saudis auf. Anfang des Jahres 2016 haben sie vor den Augen der Weltöffentlichkeit den schiitischen Geistlichen und Regime-Kritiker Scheich Nimr al-Nimr hingerichtet.[3] Gab es nennenswerte Proteste aus dem Westen? Nein. Im Jahr 2015 richteten die Saudis ein Massaker an Hadsch-Pilgern an. Mehrere tausend Pilger wurden hierbei ermordet, vornehmlich Iraner. Hauptziel des Massakers soll der hochrangige iranische Diplomat und ehemalige Botschafter seines Landes im Libanon Ghadanfer Ruknabadi gewesen sein. Seine Familie berichtete nach der Überführung seines Leichnams in den Iran, dass man Ruknabadi zudem Organe entnommen habe.[4] Nennenswerte Proteste aus dem Westen? Fehlanzeige.

Brauchen die Saudis einen Grund, um einen solchen Mord zu begehen? Nein, sie benötigen keinen (schwerwiegenden) Grund, insbesondere nicht der impulsive Regent Muhammad bin Salman. Der gesamte Jemen-Krieg und das Vorgehen der Saudis im Nahen Osten zeigen, dass dieses Regime völlig unstrategisch und von den Emotionen ihres Kronprinzen geführt umherirrt und fern jeglicher Vernunft agiert und reagiert. Genannt sei hier auch die Reaktion des Regimes auf die harmlosen Äußerungen der kanadischen Außenministerin im Sommer diesen Jahres über die Menschenrechtslage in Saudi-Arabien. Es handelte sich um einen Tweet, wohlgemerkt. Reaktion von Bin Salman? Abzug der diplomatischen Delegation Saudi-Arabiens aus Kanada, Rückruf saudischer Studenten aus Kanada, Abbruch jeglicher Beziehungen.[5]

Hieran anschließend: Müssen die Saudis nennenswerte Sanktionen nach einem solchen Mord befürchten? Nein, it’s all about Cash: Je mehr Schutzgeld sie an ihre „Freunde“ zahlen, desto geringer fallen etwaige Sanktionen aus. 100 Millionen Dollar sollen bereits an die USA geflossen sein, angeblich zum Wiederaufbau Syriens. Welche Ironie: Seit sieben Jahren sind die Saudis mit ihren Lakaien des IS und anderen Terror-Gruppen maßgeblich an der Zerstörung Syriens beteiligt und jetzt zahlen sie einen lächerlichen Betrag von 100 Millionen Dollar zur Beteiligung am Wiederaufbau. Da der Wiederaufbau Syriens wohl tausendmal teurer ausfallen dürfte[6], reicht eine solche Summe nicht mal, um als symbolisch durchzugehen.

Und US-Außenminister Pompeo flog prompt nach Saudi-Arabien, um einen Deal in dieser Sache auszuhandeln oder auch zu diktieren, was die Saudis jetzt zu tun haben (also wie viel Geld sie tatsächlich zu zahlen haben), um Sanktionen zu entgehen.

Verfolgen die Saudis irgendeine Strategie? Eher nicht. Es ist möglich, dass man der türkischen Regierung mit der Ermordung Khashoggis eine Falle stellen wollte. Die Türkei und Saudi-Arabien befinden sich bereits seit längerer Zeit in einem Zwist. Aber die Türkei scheint etwaige Pläne dieser Art jedenfalls zunichte gemacht zu haben, zumindest mit der Behauptung, Audio-Aufnahmen aus dem Konsulat zu haben, die aktuelle Spekulationen bestätigen könnten. Der Vorwurf der Spionage dürfte weitaus weniger schlimm sein als der Mordvorwurf. Klingt alles subtil, nach einem billigen Krimi, aber wie bereits aufgezeigt: Die Saudis planen nicht allzu vorausschauend.

Möglich ist aber auch, dass den Saudis selbst eine Falle von den USA gestellt wurde, welche das Ziel haben könnten, die Saudis weiter zu erpressen, um noch weitere Milliardenzahlungen zu erhalten. Immerhin kam die Behauptung von einem angeblich „schief gegangenen Verhör“, in dessen Folge Khashoggi gestorben sein soll, vornehmlich aus Richtung USA – der US-Nachrichtensender CNN berief sich auf namentlich nicht genannte Quellen.[7] Insofern schließt sich wohl auch der Kreis mit den Äußerungen Trumps in der letzten Nacht.

Warum Khashoggi? So viele saudische Dissidenten von seinem Bekanntheitsgrad im Ausland gibt es offenbar nicht, sodass seine Ermordung, die man der Türkei bzw. den Saudis anhängen wollte, hätte für die Welt von Interesse sein können.

Auffällig ist aber auch die Zurückhaltung anderer Länder in der Affäre, insbesondere von Großbritannien, Frankreich, Deutschland und vom zionistischen Regime Israel. Einzig aus Frankreich kam gestern Nacht die Meldung, dass Macron alle kommenden Reisen nach Saudi-Arabien gecancelt habe.

Fazit: Die USA und Saudi-Arabien spielen ein übles Spiel im Nahen Osten. Die Saudis denken hierbei, sie seien mit den USA auf Augenhöhe, aber letztlich sind sie nur eine Marionette, wie bereits andere vor ihnen. Die USA wollen sie offensichtlich als „Partner“ Schritt für Schritt loswerden, und melken in diesem Zuge noch so viel Geld wie möglich, bevor sie die Saudis komplett fallen lassen. Der Nahe Osten befindet sich offenkundig in einem Umbruch, der für das saudische Regime, insbesondere für Muhammad bin Salman, sehr böse ausgehen kann und hoffentlich auch wird.

 

https://offenkundiges.de/zum-polit-krimi-khashoggi-wurde-er-ermordet/

Stichworte: IQNA ، Khashoggi ، USA ، Saudi-Arabien ، Bin Salman
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