IQNA

10:22 - November 07, 2018
Nachrichten-ID: 3000356
Die Welt befindet sich in einer großen Übergangsphase. Die Alleinherrschaft der USA neigt sich langsam, aber sicher dem Ende zu, neue Pole, neue Mächte befinden sich im Aufbruch.

Von Ali Chaukair

 

„Das sollt ihr aber wissen: Wenn ein Hausvater wüsste, zu welcher Stunde in der Nacht der Dieb kommt, so würde er ja wachen und nicht in sein Haus einbrechen lassen.“ [1] So heißt es in einer bekannten Überlieferung über die Rückkehr des Erlösers.

Ja, richtig erkannt, das ist keine muslimische Überlieferung, und es handelt sich auch nicht um den Erlöser Imam Mahdi. Es ist ein Zitat aus der Bibel und gemeint ist der Prophet Jesus. Er selbst sagt, dass seine Rückkehr plötzlich und überraschend sein wird, wie ein Dieb in der Nacht eben. Deswegen sollen seine Anhänger stets wachsam sein. Er wird „plötzlich, in einem Augenblick“ [2] zurückkommen. Aber diese Aussagen in der Bibel ähneln den muslimischen Überlieferungen zur Rückkehr des zwölften Imams aus der großen Verborgenheit in enormer Weise. Interessant hierbei: Muslime sind der Überzeugung, dass Imam Mahdi zusammen mit Jesus zurückkehren wird.

Eine Reihe von Aussagen des Propheten Muhammad und der Imame sprechen darüber, dass die Rückkehr von Imam Mahdi überraschend und plötzlich sein wird. Damit die Muslime sich nicht zu sehr überrumpelt fühlen, wurden sie durch den Propheten und ihre Imame auf Vorzeichen seiner Rückkehr hingewiesen: Der Ruf vom Himmel, das Kommen des Sufyani, vermehrte Naturkatastrophen in einem Jahr, Unterdrückung und Leid der Anhänger der Ahlulbayt sowie das Kommen des Yamani sind einige dieser Vorzeichen. Unter den Experten gibt es einen breiten Diskurs darüber, welche Zeichen tatsächlich eintreten müssen und somit die Rückkehr ankündigen, und welche Zeichen lediglich eintreten könnten und somit keine notwendige Bedingung der Rückkehr darstellen.

Muslime sind Profis darin, diese Zeichen zu deuten. Bei jeder Krise in Saudi-Arabien spekuliert man über den baldigen Untergang dieses Herrscherhauses, was auch eines der Vorzeichen der Rückkehr des zwölften Imams sein soll – überliefert wird der Übergang von einer jahrelangen Herrschaft eines Königs hin zu einer kürzeren Herrschaft, über eine Herrschaft der Monate, zu einer Herrschaft der Wochen usw. Derzeit befänden wir uns wohl irgendwo zwischen der Amtszeit eines Herrschers zwischen wenigen Jahren und einem Herrscher von wenigen Monaten.

Aber was bringt es, sich mit der Deutung der politischen Ereignisse aufzuhalten, wenn die Rückkehr des zwölften Imams jederzeit eintreten kann? Ja, es kann vom Blick auf das Wesentliche ablenken. Eins nämlich ist offenkundig und bedarf keiner Expertise, um es zu erkennen und zu verstehen: Die Welt befindet sich in einer großen Übergangsphase. Die Alleinherrschaft der USA neigt sich langsam, aber sicher dem Ende zu, neue Pole, neue Mächte befinden sich im Aufbruch. Das bestätigen westliche Experten und Politiker mehr denn je, umso pessimistischer fällt ihr Urteil über die aktuellen Entwicklungen und über die Zukunft aus. „Der Abstieg des Westens“ (Joschka Fischer), „Welt in Gefahr“ (Wolfgang Ischinger), „Das Ende der Diplomatie“ (Ronan Farrow) oder „Nachruf auf Amerika“ (Klaus Brinkbäumer) sind einige der aktuellen Buchtitel, die sich mit dieser Übergangsphase und mit einem Ende der westlichen Vorherrschaft unter der Führung der USA beschäftigen. Der ehemalige Außenminister Deutschlands, Joschka Fischer, zeichnet ein düsteres Bild von der Zukunft der USA und plädiert dafür, dass Europa und Deutschland sich in diesem Europa neu aufbauen und ausrichten, unabhängiger von der USA werden und auch in Richtung China schauen. Der Chef der Münchener Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, ist hinsichtlich der Zukunft der USA etwas differenzierter und warnt eindringlich vor einer „Abnagelung“ von den USA. Es könne auch in Zukunft keinen besseren Sicherheitsgaranten für Europa und Deutschland geben als die USA. Die aktuelle Präsidentschaft Trumps müsse man hierbei ertragen und letztlich auf ihr Ende warten, um die transatlantischen Beziehungen hiernach wieder aufzufrischen.


Erwartet das Unerwartete

Ischinger macht in seinem Buch einige Ausführungen zur aktuellen Weltlage und nennt fünf entscheidende Gründe dafür, weshalb es zur Zeit so schwierig, gar unmöglich sei, Frieden und Stabilität in der Welt zu sichern. Einer dieser Gründe sei die mangelnde Möglichkeit langfristiger Zukunftsprognosen. Früher sei es möglich gewesen, strategische Prognosen für mehrere Jahre im Voraus mit relativem Erfolg aufstellen zu können, heute sei dies nicht mal mehr für wenige Monate möglich. Er nennt hierzu Beispiele: Fehleinschätzung der Lage in der Ukraine; man dachte Anfang 2014, es sei nur ein inneres Politikum, sechs Wochen später aber marschierten russische Truppen auf der Krim ein. Ebenso falsch schätzte man im selben Jahr das Gefahrenpotenzial des IS ein. Weitere Fehlanalysen gingen der Brexit-Entscheidung und der US-Präsidentschaftswahl im Jahr 2016 voraus. Auch die plötzliche Katar-Krise im Jahr 2017 überraschte die Experten.

Interessant ist bei seinen Ausführungen, dass er letztlich von einem Umkippen der politischen Lage von einem Tag auf den anderen spricht (Stichwort Katar-Krise), und dass in einem solchen Moment sämtliche Analysen und Prognosen hinfällig würden. Dieses Eingeständnis eines westlichen Experten und bekannten Diplomaten, der auf eine jahrzehntelange Erfahrung verweisen kann, ist im Hinblick auf die eingangs zitierten und erwähnten Überlieferungen zur Art und Weise der Rückkehr von Imam Mahdi und Jesus äußerst bemerkenswert. Faktisch wird bestätigt, was man uns bereits vor 1400 bzw. 2000 Jahren sagte, und womit Ischinger den Abschnitt über diesen Punkt auch abschließt: „Erwartet das Unerwartete.“ Das könnte glatt aus der Feder eines muslimischen Gelehrten stammen.


Seien wir optimistisch

Nimmt man all dies zusammen, kann es für Muslime und Erwartende der Rückkehr nur einen Schluss geben: Sie müssen optimistischer sein denn je. Die Zeichen der Zeit sprechen für sie. Wann gab es eine Zeit seit dem Jahr 61 nach der Hidschra, als Imam Hussein in der Wüste von Karbala ermordet wurde und als die Anzahl der treuen Schiiten nach diesem Verbrechen laut Aussagen von Imam Ali Al-Sadschad an einer Hand abzuzählen war, wie heute, in der jährlich Millionen von Menschen zum Arbain[3] pilgern und weltweit hunderte Millionen von Menschen jährlich um Imam Hussein trauern? Wann gab es jemals eine Phase mit einem Staat in der islamischen Welt, der seit nunmehr vierzig Jahren allen Widerständen und Sanktionen des Westens zum Trotz besteht und stärker denn je ist, und der laut seiner eigenen Verfassung den zwölften Imam als sein offizielles Oberhaupt ansieht? Wann gab es in der Geschichte der Muslime eine islamische Führungsinstanz (Wilayat-ul-Faqih), die in der Lage ist, über eine Milliarde Muslime zu Frieden, Sicherheit und Wohlstand zu führen, würden die Muslime es selbst wollen?

Wann hatten wir zuletzt in der islamischen Welt ein Sicherheitsbündnis – Westler sprechen sowohl spöttisch als auch ängstlich gerne vom „schiitischen Halbmond“ –, das mehr denn je in der Lage ist, muslimische Völker vor Angriffen westlicher oder anderer Mächte zu schützen, wie zuletzt in Syrien und im Irak? Der Westen hat unter der Federführung der USA die NATO gegründet – warum sollten islamische Länder nicht offiziell einen Gegenpakt gründen, den es faktisch bereits gibt? Wann hatten wir zuletzt eine Situation, in der der Islam und auch der schiitische Islam sich so rasant in der Welt verbreiteten? Und wann hatten wir auf der anderen Seite jemals eine Phase, in der die Welt sich so im Umbruch befand, in der Mächte, deren Herrschaft als selbstverständlich galt, dem Untergang geweiht sind, sie ablösende Mächte, die dieses Vakuum füllen könnten, nicht in Reichweite sind und die Menschen sich einerseits mehr denn je dem Materialismus zuwenden, andererseits aber auch mehr denn je auf der Suche nach einem Glauben und einer Ideologie sind, welche ihre innere spirituelle Leere auffüllen könnten?

Natürlich, wir haben Tote und Verletzte, Kranke und Hungernde zu beklagen. Wir haben Unterdrückung in jedweder Hinsicht in der islamischen Welt zu beklagen, kein Zweifel. Aber noch nie standen die Zeichen in einer derart dramatischen Form auf Umbruch wie in der heutigen Zeit. Die Muslime werden seit Jahrhunderten vom Westen unterdrückt. Seit der Islamischen Revolution im Iran im Jahr 1979 wehren sie sich Jahr für Jahr effektiver. Dieser Unterschied zu den vergangenen Jahrhunderten ist entscheidend, und dieser Unterschied ist es auch, der die Lage für den Westen insbesondere in den islamischen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens, trotz ihrer militärischen und medialen Überlegenheit, so ausweglos macht.

Und das gibt Hoffnung jenseits des Vorstellbaren, wie man eindrucksvoll am Jemen und seiner Bevölkerung erkennen kann. Die Lage und der Ausgang des Krieges im Jemen könnten tatsächlich eine neue und entscheidende Phase der Islamischen Revolution im Nahen Osten einleiten, so wie die Befreiung des Südlibanon im Jahr 2000 von der israelischen Besatzung, die Verteidigung des Libanon im Juli-Krieg 2006 und die Befreiung des Iraks und Syriens vom IS und vieler weitererer Terrorgruppen jeweils neue Phasen der islamischen Revolution mit sich brachten. Es gibt also allen Grund für Zukunftsoptimismus.

Matthäus 24,43 ↩︎

1.Korinther 15,51–54 ↩︎

http://eslam.de/begriffe/a/ap/arbain_husain.htm ↩︎

 

https://offenkundiges.de/der-westen-furchtet-die-zukunft-umso-optimistischer-mussen-die-muslime-sein/

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