IQNA

13:21 - September 04, 2026
Nachrichten-ID: 3015366
Neuntes Jahr der Vertreibung

Anhaltende Krise der Rohingya-Muslime im Schatten rückläufiger internationaler Hilfe

IQNA- Ein UN-Vertreter erklärte, dass Geberländer und internationale Organisationen in den vergangenen Jahren erhebliche Mittel zur Unterstützung der Rohingya-Flüchtlinge bereitstellten. Nun gingen diese Hilfen jedoch zurück, während die Zahl der Flüchtlinge in den Lagern Bangladeschs steigt.

IQNA: Auch im neunten Jahr der Vertreibungskrise der Rohingya-Muslime leben weiterhin mehr als eine Million Flüchtlinge in Bangladesch.

Trotz jahrelanger internationaler Bemühungen gibt es für diese Krise weiterhin keine dauerhafte politische Lösung. Während die Auslandshilfe zurückgeht und die Konflikte in Myanmar andauern, wächst die Sorge, dass sich die Krise zu einer dauerhaften und vergessenen Situation entwickelt.

Der Sender Al-Dschasira sprach in einer Sendung zu diesem Thema mit dem Vertreter des UN-Hochkommissariats für Flüchtlinge in Bangladesch Ivo Freijn über die Lage der Rohingya-Flüchtlinge, Rückgang internationaler Hilfen, Bedingungen in den Lagern Bangladeschs, Zukunft der Rohingya-Kinder und Möglichkeit Rückkehr nach Myanmar.

In dem Gespräch wies Freijn die Ansicht zurück, dass die internationale Gemeinschaft die Rohingya-Krise vollständig aufgab. Er sagte: Geberländer und internationale Organisationen stellten in den vergangenen Jahren weiterhin erhebliche Mittel zur Unterstützung der Flüchtlinge bereit, doch geht der Umfang dieser Hilfe nun zurück, während die Zahl der Flüchtlinge in den Lagern Bangladeschs zunimmt.

Seiner Aussage zufolge hat die Verlängerung der Krise viele Flüchtlinge an der Möglichkeit ihrer Rückkehr nach Myanmar zweifeln lassen. Der Vertreter der Vereinten Nationen betonte, dass die Mitgliedstaaten eine gemeinsame Position einnehmen müssen und mit den verschiedenen Akteuren und Parteien in Myanmar sprechen, wenn die internationale Gemeinschaft eine weitere Verlängerung der Krise verhindern will. So müssen Bedingungen geschaffen werden, die den Flüchtlingen Hoffnung auf eine Rückkehr eines Tages geben.

 

Anhaltende Krise der Rohingya-Muslime im Schatten rückläufiger internationaler Hilfe

 

Bangladesch kann Last der Krise nicht für immer tragen

Bangladesch beherbergt seit 2017 mehr als eine Million Rohingya, die nach Massakern durch die myanmarische Armee im Bundesstaat Rakhine aus ihrem Land flohen. Auch fast ein Jahrzehnt später ist ihre sichere und dauerhafte Rückkehr noch nicht verwirklicht.

Freijn sagte: Bangladesch zeigte, dass es fähig und bereit ist eine große Zahl von Rohingya-Flüchtlingen aufzunehmen. Doch auch dieses Land muss das Licht am Ende des Tunnels sehen.

Er fügte hinzu: Die Nachbarländer der Konfliktgebiete tragen den größten Teil der Last der Flüchtlingsaufnahme. Die Fortsetzung dieser Lage für einige weitere Jahre wäre eher tragbar, wenn Bangladesch sehen kann, dass die internationale Gemeinschaft das Erreichen dauerhafter Lösungen tatsächlich zur Priorität machte.

Aus Sicht der Vereinten Nationen ist die Rückkehr der Rohingya nach Myanmar die wichtigste dauerhafte Lösung. Diese Rückkehr darf sich jedoch nicht lediglich auf Verlagerung von Menschen von einer Seite der Grenze auf die andere beschränken.

Freijn warnte, dass solange die Ursachen der Flucht der Rohingya fortbestehen, kann eine Rückkehr nicht dauerhaft sein. Die Menschen könnten erneut Bedrohung, Vertreibung und Flucht aus dem Land ausgesetzt werden.

 

Derzeitige Modell gefährdet

Eine der wichtigsten aktuellen Herausforderungen ist Rückgang der internationalen Finanzhilfe. Der gemeinsame UN-Hilfsaufruf für 2026 in Höhe von 710,5 Millionen Dollar liegt 26 Prozent unter dem Aufruf für 2025; dieser Betrag deckt nur die dringendsten lebensnotwendigen Bedürfnisse.

Freijn sagte: Die Vereinten Nationen und andere humanitäre Organisationen reduzierten ihren Finanzierungsaufruf und konzentrierten sich auf notwendigste Bedürfnisse. Dennoch wurde selbst dieser begrenzte Aufruf nicht vollständig finanziert.

Ihm zufolge lag der Finanzierungsgrad zum Zeitpunkt des Gesprächs bei etwa 66 Prozent. Es besteht die Sorge, dass in den letzten Monaten des Jahres nicht ebenso viele finanzielle Mittel wie zu Jahresbeginn zur Verfügung stehen könnten.

 

95 Prozent Rohingya auf humanitäre Hilfe angewiesen

Die Lebensbedingungen in den Rohingya-Lagern von Cox’s Bazar sind weiterhin prekär. Der UN-Vertreter sagte, dass etwa 95 Prozent der Rohingya-Flüchtlinge in diesen Lagern vollständig oder weitgehend auf verschiedene Formen humanitärer Hilfe angewiesen sind. Diese Hilfe umfasst Unterkünfte, Wasser, Lebensmittel, Hygiene, medizinische Versorgung und Bildung.

Freijn verwies außerdem auf die Anfälligkeit der Lager und sagte: Sie befinden sich unter schwierigen klimatischen Bedingungen in einer empfindlichen Umgebung. Die Instandhaltung von Infrastrukturen wie Entwässerungskanälen erfordert finanzielle Mittel. Die jüngsten starken Regenfälle zeigten, dass jede Störung bei Instandhaltung die Lebensbedingungen der Flüchtlinge unmittelbar beeinträchtigen kann.

Er betonte außerdem: Auch die Unterstützung der bangladeschischen Aufnahmegemeinschaften ist notwendig damit sich die Kluft zwischen den Bedingungen in den Lagern und der wirtschaftlichen und sozialen Lage der örtlichen Bevölkerung nicht weiter vergrößert.

 

Anhaltende Krise der Rohingya-Muslime im Schatten rückläufiger internationaler Hilfe

 

Rohingya-Kinder: Gefahr verlorener Generation

Eine der wichtigsten in dem Gespräch geäußerten Sorgen galt der Zukunft der Rohingya-Kinder und Jugendlichen. Viele Kinder wachsen in den Lagern ohne klaren rechtlichen Status, begrenztem Zugang zu formaler Bildung, eingeschränkter Bewegungsfreiheit und ohne klare Zukunftsperspektive auf.

Freijn sagte: Die Vereinten Nationen verstehen die Sorgen über die Entwicklung der Rohingya-Kinder zu einer verlorenen Generation vollkommen. Seiner Aussage zufolge haben zahlreiche Kinder und Jugendliche keine Möglichkeit eine Schule zu besuchen und verbringen einen erheblichen Teil ihres Tages ohne Bildungs- oder berufliche Tätigkeit.

Er bezeichnete Bildung nicht nur als Mittel um Kinder zu beschäftigen, sondern auch als wesentlichen Faktor für Schaffung von Hoffnung.

Freijn zufolge gibt es Hoffnung solange Menschen an einer Tätigkeit beteiligt sind, die als Investition in die Zukunft betrachtet werden kann. Bildung hilft Flüchtlingen außerdem unter den gegenwärtig schwierigen Bedingungen widerstandsfähiger zu sein und das nötige Wissen die erforderlichen Fähigkeiten und Selbstvertrauen zur Bewältigung von Problemen zu erwerben.

Er bezeichnete Bildung auch als Investition in die Zukunft Rückkehr der Rohingya, da die Fähigkeiten und Kenntnisse der jungen Generation im Fall einer möglichen Rückkehr für den Wiederaufbau ihrer Gemeinschaften in Myanmar genutzt werden kann.

 

Rückkehr ohne volle Rechte keine dauerhafte Lösung

Ein zentraler Schwerpunkt des Gesprächs war Staatsangehörigkeit der Rohingya und ihre gesetzlichen Rechte in Myanmar. Die Rohingya werden von Myanmar weiterhin nicht als eine der offiziellen ethnischen Gruppen des Landes anerkannt; die Frage der Staatsangehörigkeit ist eine der Hauptursachen ihrer Krise.

Freijn sagte: Bei der Prüfung der Möglichkeit einer dauerhaften Rückkehr müssten die Gründe berücksichtigt werden, die die Menschen zur Flucht veranlassten – darunter Konflikte, Unfähigkeit den Lebensunterhalt zu sichern, Zwangsrekrutierung, Diskriminierung, Entrechtung und Probleme im Zusammenhang mit der Staatsangehörigkeit.

Er betonte: Eine dauerhafte Rückkehr ist mehr als die physische Verlafgerung von Menschen über eine Grenze. Wenn jemand zwar die Erlaubnis zur erneuten Einreise nach Myanmar erhält, aber keine Staatsangehörigkeit besitzt, keine Bewegungsfreiheit hat oder in einem begrenzten Lager beziehungsweise einer eingeschränkten Siedlung festgehalten wird, sind solche Bedingungen aus Sicht der Vereinten Nationen nicht akzeptabel.

Freijn stellte außerdem klar: Wenn Flüchtlinge in Kenntnis solcher Einschränkungen nicht zurückkehren wollen, muss diese Entscheidung respektiert werden. Andernfalls kann die Rückkehr zu einer Zwangsrückführung werden – eine Maßnahme, die die Vereinten Nationen nicht billigten.

 

Rohingya-Krise hat tiefe Wurzeln

In der Sendung wurde außerdem betont, dass die Rohingya-Krise weitaus tiefer verwurzelt ist als die große Vertreibungswelle von 2017.

Freijn sagte: Die gegenwärtige Krise besteht praktisch seit einem Jahrzehnt, doch ist das öffentliche Bewusstsein für ihre historischen Dimensionen und ihre Komplexität in vielen Teilen der Welt begrenzt, insbesondere westlichen Ländern.

Er sagte, verschiedene Generationen der Rohingya erlebten Vertreibung und Unterdrückung. Die älteren Generationen wollen in ihre Heimat zurückkehren um in ihrem eigenen Land zu sterben; die junge Generation will nach Myanmar zurückkehren um ihre Gemeinschaft aufzubauen und sich vom auf humanitärer Hilfe beruhenden Leben in den Lagern zu befreien.

Derzeit ist jedoch keine gegenläufige Migrationsbewegung zu beobachten. Freijn zufolge gelangen jede Woche durchschnittlich etwa 150 Rohingya in die mit den Vereinten Nationen verbundenen Verfahren in Bangladesch. Dies zeigt, dass die Bedingungen in Myanmar weiterhin nicht für eine Rückkehr geeignet sind.

 

Anhaltende Krise der Rohingya-Muslime im Schatten rückläufiger internationaler Hilfe

 

309.000 Rohingya rückkehrberechtigt

Ein weiteres Diskussionsthema war die Erklärung Myanmars etwa 309.000 in den Lagern Bangladeschs lebende Rohingya als ehemalige Bewohner des Bundesstaats Rakhine als rückkehrberechtigt anerkannt zu haben.

Freijn sagte: Die Vereinten Nationen waren an der Ermittlung dieser Zahlen nicht beteiligt und können daher keine Aussage über die Berechnung oder Bestätigung dieser Angaben machen.

Andererseits verkomplizierte sich die Lage weiter, da Teile der Gebiete aus denen die Rohingya flohen nun unter der Kontrolle einer nichtstaatlichen bewaffneten Gruppe stehen. Daher muss jeder Rückkehrplan ein breites Spektrum von Akteuren einbeziehen.

 

Flucht aus Lagern über das Meer

Der schwindende Hoffnungsschimmer und schwieriger werdenden Lebensbedingungen in den Lagern trieben einige Rohingya zu äußerst gefährlichen Möglichkeiten.

Freijn sagte zum Anstieg der Seereisen, dass einige Flüchtlinge sich trotz ihres Wissens um die Gefahren an Schlepper und illegale Netzwerke wenden um die Lager zu verlassen.

Er bezeichnete diesen Seeweg als eine der tödlichsten Migrations- und Fluchtrouten der Welt und sagte, dass etwa zehn Prozent der Menschen diese Route einschlagen, aber erreichten ihr Ziel nicht. Einige Überlebende wurden nach ihrer Ankunft in Ländern wie Malaysia und Thailand festgenommen oder gerieten in ausbeuterische Netzwerke, die sie zur Arbeit zwingen, um die Kosten der Schlepper zu bezahlen.

Aus Sicht der Vereinten Nationen ist die Zunahme dieser Reisen klares Zeichen wachsender Verzweiflung in den Lagern: Flüchtlinge kommen trotz ihrer Kenntnis der Gefahren zu dem Schluss, dass ein Verbleib im Lager keine erträgliche Option ist.

 

Mögliches Urteil des Internationalen Gerichtshofs

In einem weiteren Teil des Gesprächs wurden die Klage Gambias gegen Myanmar vor dem Internationalen Gerichtshof und Vorwurf des Völkermords an den Rohingya erörtert.

Freijn sagte: Die Rohingya-Gemeinschaft verfolgt dieses Gerichtsverfahren aufmerksam und ein mögliches Urteil ist für sie wichtig. Er betonte jedoch, dass selbst ein solches Urteil die unmittelbaren alltäglichen Probleme der Flüchtlinge in den Lagern nicht lösen kann.

Seiner Aussage zufolge muss die internationale Gemeinschaft gleichzeitig die schwierigen Lebensbedingungen in den Lagern, Mangel an Möglichkeiten und Fehlen einer Hoffnung auf eine dauerhafte Lösung in den Mittelpunkt stellen.

 

Anhaltende Krise der Rohingya-Muslime im Schatten rückläufiger internationaler Hilfe

 

Sorge und Hoffnung

Der UN-Vertreter sagte abschließend: Eine der wichtigsten Quellen sowohl der Sorge als auch der Hoffnung in den Lagern sind die jungen Rohingya.

Er sagte: Viele junge Menschen bemühen sich weiterhin Wissen und Fähigkeiten zu erwerben, ihrer Gemeinschaft zu helfen und sich ehrenamtlich zu engagieren.

Die Bildungsbeschränkungen setzen ihrer Zukunft jedoch eine enge Grenze. Der größte Teil der Flüchtlinge kann bestenfalls bis zur Sekundarstufe lernen und nur sehr wenige haben Zugang zu höherer Bildung.

Freijn sagte: Es ist schmerzhaft, dass viele junge Rohingya trotz ihres Talents, Ehrgeizes und Wunsches sich einzubringen ihre Fähigkeiten nicht nutzen können.

Die Rohingya-Krise befindet sich inzwischen an einem Punkt an dem der Rückgang der humanitären Hilfe, wachsende Lagerbevölkerung, anhaltende Unsicherheit in Myanmar und eingeschränkten Bildungschancen das Risiko einer weiteren Verschärfung der Krise erhöhen.

Aus Sicht der Vereinten Nationen ist Bewältigung der humanitären Lage in Bangladesch notwendig. Ohne ernsthafte Bemühungen die Bedingungen für eine sichere, freiwillige und dauerhafte Rückkehr zu schaffen wird die Krise jedoch lediglich um weitere Jahre verlängert.

 

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