IQNA

18:06 - September 07, 2026
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Kunst der Koranrezitation in Ägypten / 2

Wie Ägypten zur „Hauptstadt der Koranrezitation“ wurde

IQNA- Was die ägyptische Schule der Koranrezitation von anderen Strömungen der Rezitation unterscheidet, insbesondere den im Golfraum verbreiteten Stilen ist die enge Verbindung zwischen den Grundsätzen und Lehren der Rezitation des edlen Korans und einem präzisen Verständnis der musikalischen Maqāmāt, die ägyptische Rezitatoren herstellen.

IQNA: Ägypten ist zwar die wichtigste Wiege der Rezitationskunst in der islamischen Welt, doch im heutigen Medienumfeld erleben wir eine „allmähliche Vergessenheit der ursprünglichen Schulen“ und eine „Entfremdung der neuen Generation von Rezitatoren vom Erbe ihrer Vorgänger“. Heute ersetzten einige kommerzielle und oberflächliche Rezitationen die kunstvollen und zum Nachdenken anregenden Rezitationen, während die präzisen Techniken der Pausen, Beginne, Melodieführung und Tadschwīd, aus Jahrhunderten ägyptischer Gelehrtentradition hervorgegangen, nicht angemessen dokumentiert und vorgestellt werden.

 

Wie Ägypten zur „Hauptstadt der Koranrezitation“ wurde

 

IQNA will in einer Reihe von Berichten die Entwicklung dieser Kunst – von der „alten Schule“ bis zum Auftreten der „Genies der Rezitation“ – neu nachvollziehen. Dabei soll der gegenwärtige Zustand kritisch analysiert und eine Brücke zwischen den authentischen ägyptischen Techniken und den künstlerischen Bedürfnissen des heutigen Koranpublikums geschlagen werden, damit die Rezitationskunst von einem „rein nachahmenden Ritual“ zu einer „lebendigen und dynamischen Strömung“ zurückkehrt. Denn die heutigen herausragenden Rezitationen sind aus der traditionellen ägyptischen Schule hervorgegangen; die Kenntnis dieser historischen Entwicklung ist daher für das Verständnis der Authentizität der Rezitation unerlässlich. Im Sinne einer künstlerischen Vorbildbildung ist außerdem die Vorstellung der Stile und Innovationen der ägyptischen Pioniere das beste Vorbild für junge Rezitatoren, um die technischen und geistigen Standards der Rezitation zu verbessern.

Al-Mayadeen schrieb in einem Bericht zu diesem Thema: Die ägyptische Schule der Koranrezitation ist ein prachtvolles Gefüge von herausragenden Rezitatoren über mehrere Generationen hinweg geschaffen. Was sie von anderen Rezitationsströmungen unterscheidet – insbesondere von den in der Golfregion verbreiteten Stilen, die im vergangenen Jahrzehnt mithilfe sozialer Netzwerke und des Satellitenfernsehens populär geworden sind –, ist die enge Verbindung, die ägyptische Rezitatoren zwischen den Grundsätzen und Lehren der Rezitation des edlen Korans und einem präzisen Verständnis der musikalischen Maqāmāt herstellen.

Dabei geht es keineswegs um Gesang oder Erlernen eines Musikinstruments. Vielmehr geht es um das Verständnis des Rezitators für das Potenzial seiner Stimme und seines Kehlkopfs und darum diese während der Rezitation mit der Vermittlung der Bedeutungen der Koranverse zu verbinden – begleitet von Ehrfurcht, Furcht und der Hoffnung auf Erleichterung Gottes, Sieg und Paradies. Die großen Meister der ägyptischen Rezitationsschule verstanden dies sehr gut und waren darin sogar herausragend, sei es aus natürlicher Begabung oder durch Studium.

 

Bekanntschaft mit Abdelwahab und Muhammad Rifʿat

Die meisten großen ägyptischen Rezitatoren liebten die Musik und erlernten sie professionell. Scheich Muhammad Rifʿat besaß beispielsweise Werke von Beethoven und Mozart. Auch Scheich Mahmūd al-Bannā erlernte die musikalischen Maqāmāt professionell unter der Anleitung des dem Musiklehrers Muhammad Abdelwahabs Scheich Darwīsch al-Harīrī.

Abdelwahab und auch Umm Kulthum suchten dagegen Rezitatoren auf, um Kunst des Gesangs und musikalischen Maqāmāt zu erlernen und standen einigen Scheichs nahe.

Ayman al-Hakīm hielt in seinem Buch „Die Psalmen des Korans“ Einzelheiten dieser Verbindung fest. Er berichtet unter Berufung auf den Sohn Scheich Mustafa Ismāʿīls: Einmal nahm mein Vater im Rundfunkgebäude seine wöchentliche Rezitation auf. Als er das Gebäude verließ war er überrascht Umm Kulthum eintreten zu sehen. Als Umm Kulthum ihn erblickte ging sie zu ihm um ihn zu einem Lied zu befragen das sie gerade aufgenommen hatte, weil sie das Gefühl hatte darin gebe es ein Problem. Als mein Vater ihre Worte gehört hatte erklärte er ihr worin das Problem des Liedes lag.“

Auch Abdelwahab wurde jedes Mal wenn er Scheich Muhammad Rifʿat aufsuchte zu dessen Schüler oder wie er selbst sagte zum „Diener des Scheichs“. Zugleich blieb er ein Zuhörer und Bewunderer großer Rezitatoren wie Scheich Mustafa Ismāʿīl und ʿAbd al-Bāsit ʿAbd al-Samad.

Der Spezialist für Maqāmāt (Pausen) und Stimmen internationaler, Juror in Ägypten und der arabischen Welt sowie Doktor der Koran-Maqāmāt Tāhā Muhammad Abdelwahab war Lehrer mehrerer herausragender Rezitatoren. Abdelwahab studierte bei Scheich Muhammad Rifʿat und ʿAlī Mahmūd. Umm Kulthum lernte bei Scheich Abū al-ʿAlā Muhammad und Zakariyyā Ahmad, beide ursprünglich Rezitatoren, sowie bei dem Begründer der modernen ägyptischen Musik, dem ägyptischen Scheich und Rezitator ʿUthmān Hasan, geboren 1800.

In diesem Zusammenhang bietet Scheich Muhammad Mutawallī al-Schaʿrāwī eine schöne Einteilung der ägyptischen Rezitationsschule: Wer die Beherrschung der Rezitation anstrebt soll Scheich al-Husarī zuhören; wer eine reine Stimme sucht soll Scheich ʿAbd al-Bāsit zuhören; wer Ehrfurcht sucht soll al-Minshāwī zuhören; wer Kunst in der Rezitation sucht soll Scheich Mustafa Ismāʿīl zuhören. Und wer all dies möchte soll Scheich Muhammad Rifʿat zuhören, denn er ist eine Schule der Musik.“

 

Wie Ägypten zur „Hauptstadt der Koranrezitation“ wurde

 

Muhammad Rifʿat

Der Scheich der Rezitatoren Muhammad Rifʿat zeichnete sich durch eine starke, unverwechselbare und wandlungsfähige Stimme aus. Er konnte einen Vers mühelos mit den passenden musikalischen Maqāmāt und einer angemessenen Rezitationsweise vortragen und den Eindruck erwecken als verkörpere er den Koranvers selbst.

Der Fachmann für musikalische Maqāmāt Safwat ʿUkāsha sagt: Die Stimme Scheich Muhammad Rifʿats kommt dem „Alto“ nahe, einer der Stimmlagen des Operngesangs. Seine Stimme umfasste 18 Tonstufen und konnte bisweilen 21 erreichen. Er harmonisierte die Tonstufen nach dem Stil musikalischer Sinfonien miteinander; besonders deutlich zeigt sich dies bei seiner Rezitation der Verse mit koranischen Erzählungen.

Der Musikkritiker Kamāl al-Najmī sagte über Scheich Mustafa Ismāʿīl: Er besaß eine einzigartige, umfassende und kraftvolle Stimme und sein Wissen über die Maqāmāt war unter den Rezitatoren, einschließlich Scheich Rifʿat, beispiellos. Scheich Mustafa nutzte jedoch seine Stimme und sein Wissen um die Schönheit und wundersamen Charakter der Verse sichtbar zu machen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Umm Kulthum und Abdelwahab Scheich Mustafa Ismāʿīl zuhörten, eine persönliche Freundschaft mit ihm schlossen und schließlich von seiner Beherrschung der Maqāmāt und der Vortragspraxis lernten.

Die Stimme Scheich ʿAbd al-Bāsit ʿAbd al-Samads dagegen glänzt mit ihrer besonderen Trauer und Ehrfurcht im Maqām Ṣabā. Wegen ihrer Kraft und der Wirkung seiner Rezitation verwendete der verstorbene Regisseur Mustafa Akkad die Stimme Scheich ʿAbd al-Bāsits in seinem bekannten Film „Muhammad, der Gesandte Gottes (S)“ als Stimme des Gebetsrufers des Propheten Bilāl al-Habaschīs. Dieser Gebetsruf war aufgrund der eindrucksvollen Qualität von ʿAbd al-Bāsits Stimme einzigartig.

 

„Kunst des Zuhörens“ bei Koranrezitation

Scheich Mahmūd al-Husarī nannte neben dem Erlernen der Geheimnisse der musikalischen Maqāmāt, die die großen Meister der Rezitationsschule instinktiv erkannt hatten und bei der melodischen Darstellung der Bedeutungen des edlen Korans eine Rolle spielten noch eine weitere Erklärung für die Verbreitung der ägyptischen Rezitationsschule.

Al-Husarī führt diese Besonderheit – ohne Voreingenommenheit oder Parteinahme für Ägypten – auf einen alten und überlieferten ägyptischen Brauch zurück, der möglicherweise bis in die Zeit der Pharaonen reicht: die besonderen Bräuche und Rituale der Totenfeier, die nach der Einführung des Islam in Ägypten angepasst wurden. Bei den Trauerzeremonien verabschiedete sich die Familie des Verstorbenen durch die Koranrezitation von ihrem Angehörigen; später weitete sich dieser Brauch auch auf Festlichkeiten aus. Denn, so Scheich al-Husarī: Wer sich einer Sache widmet wird darin herausragend sein.

 

Wie Ägypten zur „Hauptstadt der Koranrezitation“ wurde

Rezitation Mustafa Ismāʿīls in Anwesenheit König Faruqs

 

Kein Rezitator auf der Welt erreicht das Niveau der ägyptischen Rezitatoren. Die Rezitation bei Beerdigungen und Hochzeiten gab diesen Rezitatoren die Möglichkeit ihren Vortrag zu verfeinern und machte die Koranrezitation für den ägyptischen Rezitator zu einer Erwerbsquelle.

Was Ägypten in dieser Hinsicht auszeichnet und es zur Hauptstadt der Koranrezitation und seine Rezitatoren zu den einflussreichsten und bekanntesten Rezitatoren macht ist der einzigartige Vortragsstil. So sehen wir unter den Zuhörern manche aufstehen um den Rezitator zu würdigen und auf eine Weise rufen oder applaudieren, die für das ägyptische Publikum von Koranrezitationen typisch ist.

Die Rolle dieser Zuhörer beschränkt sich nicht darauf ihre Freude an der Stimme des Rezitators auszudrücken; manchmal greifen sie auch ein um den Verlauf der Rezitation zu korrigieren. Dieses Phänomen erregte die Aufmerksamkeit der amerikanischen Forscherin Kristina Nelson in ihrem Buch „Die Kunst der Koranrezitation“, dem sie ein ganzes Kapitel über dieses Phänomen im Leben der Ägypter widmete. Sie schreibt: Es geht über den Rahmen des akustischen Hintergrunds hinaus und wurde zu einem Teil des Kerns religiöser Gottesdienste sowie Geist kultureller und gesellschaftlicher Praktiken.

Erwähnenswert ist, dass Ägypten zu den ersten Ländern gehörte, die den edlen Koran über das erste ausschließlich dem Koran 964 gegründete gewidmete Rundfunknetz ausstrahlten. Scheich Mahmūd al-Husarī war der Erste, der den gesamten Koran vollständig in der Form des Tartīl aufnahm. Das Aufkommen des Koranradios verhalf Menschen mit außergewöhnlichen Stimmen und hoher Fertigkeit zu Bekanntheit und bewahrte die ägyptische Schule der Koranrezitation vor dem Aussterben.

 

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