IQNA

10:54 - September 08, 2026
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Auf Wiener Symposium betont:

Iranistik – untrennbarer Bestandteil des Verständnisses des Orients

IQNA- Die am wissenschaftlichen Symposium „Orientalistik ohne Iranistik – möglich oder unmöglich?“ anwesenden Wissenschaftler diskutierten die Stellung Irans im Zivilisationsraum des Orients und betonten die Bedeutung der Iranistik als einen erkenntnistheoretisch-kritischen Knotenpunkt.

IQNA: Das wissenschaftliche Symposium „Orientalistik ohne Iranistik – möglich oder unmöglich?“ wurde von der iranischen Kulturvertretung in Österreich (Haus der iranischen Weisheit in Wien) veranstaltet. Daran nahmen Professoren und Forscher aus den Bereichen Orientalistik, Iranistik, Philosophie, Islamwissenschaft und Kulturwissenschaft teil. Die wissenschaftliche Leitung hatte der bekannte österreichische Islamwissenschaftler und Forscher Rüdiger Lohlker inne. (Quelle: Kulturvertretung Irans in Österreich)

 

Iranistik – untrennbarer Bestandteil des Verständnisses des Orients

 

Der erste Hauptteil des Symposiums war dem Vortrag des Postdoktoranden der Iranistik an der Universität Erfurt Victor Florian Szabó gewidmet.

Szabó stellte die Ergebnisse einer qualitativen und vergleichenden Untersuchung zur Stellung der Iranistik in der Orientalistik vor. Seinen Angaben zufolge wurden darin die Ansichten von sieben international bedeutenden Persönlichkeiten aus den Bereichen Iranistik, Philosophie, Islamwissenschaft, Mythologie, Literatur und Kulturwissenschaft unabhängig voneinander und ohne Kenntnis der Antworten der jeweils anderen gesammelt und ausgewertet.

 

Sieben Experten, drei Leitfragen

Die sieben in der Untersuchung betrachteten Experten waren: Der emeritierte Professor für Islamwissenschaft an der George Washington University Dr. Seyyed Hossein Nasr; Der Professor für Weltliteratur an der Georgia State University Professor Ian Almond; Der pensionierte Iranist der Österreichischen Akademie der Wissenschaften Dr. Nosratollah Rostegar; Der Philosoph und ehemalige Vorsitzender der iranischen Gesellschaft für Weisheit und Philosophie Dr. Gholamreza Aʿvani; Der pensionierte Islamwissenschaftler der Universität Wien Professor Rüdiger Lohlker; Die Iranistin, Mythenforscherin und ordentliches Mitglied der Akademie für persische Sprache und Literatur Dr. Dschaleh Amuschar; sowie der Professor für politische Philosophie und Zivilisationsstudien Dr. Reza Gholami.

Szabó erläuterte den Anwesenden die drei Hauptfragen der Untersuchung: Erstens: in welchem Maß steht die Iranistik im Zentrum der Orientwissenschaften? Zweitens: können wichtige Teile des Orients, insbesondere der Nahe Osten, Zentralasien, Indien und Anatolien ohne Berücksichtigung des iranischen Erbes richtig verstanden werden? Drittens: welche Lücken und Defizite entstehen im Verständnis der Geschichte, Kultur, des Denkens und zivilisatorischen Entwicklungen des Orients, wenn Iran außer Acht gelassen wird?

 

Iranistik – untrennbarer Bestandteil des Verständnisses des Orients

 

Iran Verbindungskern nicht Randregion

Die Auswertung der Antworten der sieben Experten zeigte, dass trotz erheblicher Unterschiede in Fachgebiet und theoretischer Perspektive eine bemerkenswerte Übereinstimmung hinsichtlich der historischen und zivilisatorischen Rolle Irans bei Entstehung und Verbindung der verschiedenen Teile des Orients besteht.

 

Seyyed Hossein Nasr

Nach Szabós Darstellung von Nasrs Auffassung mag die Untersuchung mancher fernöstlicher Regionen bis zu einem gewissen Grad auch ohne Iranistik möglich sein. Das Verständnis des Nahen Ostens, Zentralasiens und insbesondere Indiens würde ohne Berücksichtigung des iranischen Erbes jedoch auf tiefgreifende Lücken stoßen.

Ian Almond unterschied aus der Perspektive der vergleichenden Literatur zwischen Iran und Persien. Unter Hinweis auf die Beziehung zwischen Hafis und Goethe hob er die Stellung der persischen Kultur und Literatur in der Geschichte der europäischen Begegnung mit Iran hervor.

Er warnte jedoch auch vor der Gefahr einer Romantisierung Irans. Die Konzentration auf das klassische Bild Persiens kann die Komplexität des heutigen Iran – darunter ethnische Vielfalt, Modernität und soziale Spannungen – in den Hintergrund drängen und ein vereinheitlichtes Bild des Landes erzeugen.

 

Nosratollah Rastegar

Szabó hob drei zentrale Argumentationslinien Rastegars hervor: die Rolle der altiranischen Sprachen in der vergleichenden indogermanischen Sprachwissenschaft; die fortdauernde Bedeutung des iranischen Hochlands als zivilisatorische und kommunikative Kreuzung; sowie Irans Rolle bei der Entstehung und Übertragung religiöser und geistiger Traditionen, darunter zoroastrische, manichäische und mazdakische Traditionen.

 

Gholamreza Aʿvani

Gholamreza Aʿvani betonte aus der Perspektive der Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte Irans Rolle in der Geschichte des Denkens. Unter Berufung auf griechische Quellen verwies er auf die Stellung der iranischen Magier in der Geschichte der Weisheit und betonte zudem Irans Rolle bei der Bewahrung, Übertragung und Neubewertung des klassischen philosophischen Erbes. In diesem Zusammenhang wurden auch die Anwesenheit griechischer Philosophen im sassanidischen Iran und die Rolle wissenschaftlicher Zentren wie Gundischapur bei der Übertragung und Entwicklung des Wissens in der antiken und später der islamischen Welt thematisiert.

 

Rüdiger Lohlker

Professor Rüdiger Lohlker konzentrierte sich auf die Zeit nach den Mongolen, insbesondere auf die Timuridenzeit. Er bezeichnete die persischsprachige Welt als einen lebenswichtigen und verbindenden Mittelpunkt des Denkens im Orient – eine Welt, die die heutigen politischen Grenzen überschreitet und sich vom Iran über Zentralasien bis zum indischen Subkontinent erstreckt. Seiner Ansicht nach bestand ein überregionales Netzwerk von Denkern, Mystikern und Philosophen dessen Verständnis ohne Beachtung der iranischen und persischen Tradition unvollständig bleibt.

 

Dschaleh Amuschar

Dschaleh Amuschar stellte Iran aus einer mythologischen, historischen und textbezogenen Perspektive als einen wichtigen Raum der Verbindung verschiedener Zivilisationen vor. Unter Hinweis auf strukturelle Ähnlichkeiten und Verbindungen zwischen iranischen Mythen und den Mythen anderer Zivilisationen betonte sie die Existenz eines komplexen Netzes kultureller Beziehungen in der antiken Welt. Zudem hob sie die Bedeutung des Begriffs „Weisheit“ in altiranischen Texten hervor und warnte, dass eine Reduzierung Irans auf Mythos und Mystik die rationalen und begrifflichen Schichten der iranischen Tradition verdeckt.

 

Reza Gholami

Auch Reza Gholami stellte Iran in seiner Antwort nicht als Randregion, sondern zentralen und schöpferischen Mittelpunkt von Zivilisation und Denken dar. Er bezeichnete Iran als einen grundlegenden Entstehungsort der menschlichen Zivilisation und verwies auf archäologische Zeugnisse wie Schahr-e Suchte und die Funde von Susa, um die eigenständige Rolle des iranischen Hochlands bei der Entstehung der Zivilisation zu betonen. Außerdem hob Gholami die umfassende Rolle der Iraner bei der Erzeugung und Übertragung von Wissenschaft und Denken in der islamischen Zeit sowie Bedeutung der Iranistik als erkenntnistheoretisch-kritischen Knotenpunkt hervor, der einer reduktionistischen Sicht auf den Orient entgegenwirkt.

 

Iranistik – untrennbarer Bestandteil des Verständnisses des Orients

 

Von Unvollständigkeit zur strukturellen Unmöglichkeit

Im zweiten Teil von Szabós Vortrag wurde gefragt ob das Verständnis großer Teile des Orients ohne Iranistik lediglich schwierig und unvollständig oder in manchen Bereichen grundsätzlich mit einer strukturellen Unmöglichkeit konfrontiert ist. Szabós Analyse zufolge betonten alle sieben Befragten – wenn auch in unterschiedlichem Maß –, dass das Verständnis vieler Regionen des Orients, insbesondere Zentralasiens, Indiens, Anatoliens und Teilen der islamischen Welt ohne Berücksichtigung des iranischen Erbes gravierende Defizite aufweisen würde.

 

Ohne Iran Erkenntnislücken

Anschließend untersuchte Szabó die Folgen des Ausschlusses Irans aus manchen orientalwissenschaftlichen Darstellungen. Eine der wichtigsten Sorgen war die Gefahr die islamische Zivilisation auf eine rein arabische Zivilisation zu reduzieren und den Beitrag Irans und anderer nichtarabischer Regionen zur Entstehung der Wissenschaften, Philosophie, Literatur und wissenschaftlichen Institutionen der islamischen Welt zu verdrängen. In diesem Zusammenhang wurden die Rolle der Iraner in den rationalen und tradierten Wissenschaften die Stellung iranischer Wissenschaftszentren und die Rolle der persischen Tradition bei der Entwicklung des islamischen Denkens betont.

Zum Abschluss seines Vortrags wies Szabó auf eine wichtige Einschränkung der Untersuchung hin: Alle sieben ausgewählten Experten erkannten die Bedeutung Irans für die Orientstudien bereits im Voraus an. Daher könnten die Ergebnisse der Untersuchung nicht als Konsens des gesamten Feldes der Orientalistik betrachtet werden. Nach Szabós Worten zeigt die Untersuchung eine Konvergenz innerhalb einer Denkrichtung, nicht jedoch einen alle konkurrierenden Sichtweisen vertretenden Konsens.

 

Ontologie des Orients und sieben Fragen zur Neuzeichnung der Karte der Orientalistik

Im weiteren Verlauf des Symposiums hielt der iranischer Kulturberater in Österreich und Professor für politische Philosophie sowie Kultur- und Zivilisationsstudien Reza Gholami einen Vortrag mit dem Titel „Die Ontologie des Orients: Sieben Fragen zur Neubetrachtung der Karte der Orientalistik“. Gholami begann mit einer methodologischen Warnung: Den Orient als einheitliche und homogene Welt zu betrachten ein grundlegender Fehler. Der Orient ist ein weitläufiger und vielfältiger Raum aus Kulturen, Zivilisationen, Sprachen, Religionen, Ritualen, Denktraditionen und historischen Erfahrungen; Iran, die arabische Welt, Indien, Zentralasien, Anatolien und Ostasien können nicht auf eine einzige Kultur oder Identität reduziert werden.

Aus dieser Vielfalt leitete Gholami jedoch eine tiefere Frage ab: Wenn der Orient so vielfältig ist, warum wurden im Lauf der Geschichte verschiedene Kulturen unter einem einzigen Namen – „der Orient“ – zusammengefasst? Er stellte die Möglichkeit eines unsichtbaren Schirms zur Diskussion, nicht im Sinne einer einheitlichen östlichen Kultur oder Identität, sondern als Hypothese eines tieferen Bedeutungshorizonts, der einige dieser Traditionen in ihrer Auffassung von Mensch, Natur, Gesellschaft, Ethik, Sinn und dem Heiligen verbinden könnte. Gholami betonte, dass er diese Idee nicht als endgültiges Ergebnis, sondern als Frage für vergleichende Forschung und akademischen Dialog vorstellt.

 

Sieben Fragen zur Neubetrachtung der Karte der Orientalistik

Gholami fragte, ob der „Orient“ eine historische und kulturelle Wirklichkeit ist, die unabhängig von unserer Beschreibung existiert oder ob ein Teil seiner Bedeutung in der Begegnung mit dem „Westen“ entstand. Er entfernte sich vom Gegensatz zwischen unabhängiger Wirklichkeit und reiner Konstruktion und schlug vor den Orient als komplexe, historische und mehrschichtige Wirklichkeit zu verstehen, deren mögliche Einheit – sofern sie existiert – auf der Ebene eines gemeinsamen Bedeutungshorizonts und nicht einer einheitlichen Kultur liegt.

Die zweite Frage lautete, ob sich unter dieser großen Vielfalt Ähnlichkeiten in der Weltsicht finden lässt ohne von einer einheitlichen östlichen Weltanschauung zu sprechen. Gholami zufolge muss die Antwort durch historische und vergleichende Forschung gewonnen werden, nicht durch vorgefertigte Annahmen.

Die dritte Frage lautete wie die verschiedenen Orients miteinander verbunden gewesen sind. Gholami hielt dies für besonders wichtig: Die Geschichte des Orients wird häufig durch das Verhältnis zum Westen erzählt, während die Beziehungen zwischen den östlichen Kulturen selbst weniger Beachtung finden. Er sprach in diesem Zusammenhang von einer Ungleichheit der Aufmerksamkeit: Welche östlichen Traditionen stehen im Zentrum, welche wurden an den Rand gedrängt? Außerdem fragte er ob die Orientalistik lediglich eine bereits vorhandene Wirklichkeit entdecke oder durch Begriffe, Klassifikationen und Darstellungen selbst an der Konstruktion bestimmter Bilder des Orients beteiligt ist.

Er hielt beide Prozesse für möglich und betonte, dass die Wissenschaftlichkeit der Orientalistik nicht allein auf die persönliche Unvoreingenommenheit der Forscher reduziert werden kann. Die Stabilität eines wissenschaftlichen Feldes beruht seiner Ansicht nach auf der Transparenz seiner Voraussetzungen, starken Methoden, Offenheit für Kritik, Vielfalt der Perspektiven und Fähigkeit zur Selbstkorrektur.

Gholami fragte ferner wie der Westen den Orient sieht und warum er ihn erkennen will: als Erkenntnis, die mit Überlegenheitsdenken, Kontrolle und Distanz zum Anderen verbunden sein kann oder als Erkenntnis die besseres Verständnis, Dialog, Austausch und Zusammenleben anstrebt.

Er unterschied zwischen zwei Geschichten: der langen Geschichte der östlichen Kulturen und Zivilisationen und der Geschichte der Orientalistik als akademischem und institutionellem Feld. Die Orientalistik ist in einem besonderen politischen, geistigen, wirtschaftlichen, kolonialen und institutionellen Kontext entstanden. Auf die siebte Frage was all dies für die Karte der Orientalistik bedeuter antwortete Gholami: Wenn der Orient als homogene Gesamtheit betrachtet wird, vereinfacht die Karte der Orientalistik seine Vielfalt. Wenn der Orient als Sammlung völlig voneinander getrennter Kulturen verstanden wird, verschwinden seine historischen und zivilisatorischen Verbindungen. Wird er jedoch als vielfältiges Netz von Kulturen und Zivilisationen mit Unterschieden, Verbindungen, Austausch und möglicherweise gemeinsamen Horizonten verstanden, so muss auch die Karte der Orientstudien komplexer, mehrschichtiger und dynamischer werden. Gholami fasste sein Hauptargument in der Aussage zusammen, dass die Ontologie des Orients, unsere Sicht auf den Orient und das Ziel seiner Erkenntnis drei wichtige Kräfte sind welche die Karte der Orientalistik prägten.

 

Iranistik – nicht nur Bestandteil, sondern die Karte infrage stellenden Faktor

Seiner Ansicht nach sollte die Hauptfrage nicht lediglich lauten: „Wo steht die Iranistik innerhalb der Orientalistik?“, denn diese Frage könnte die bestehende Karte der Orientalistik bereits voraussetzen. Die tiefere Frage sei vielmehr: „Was sagt Iran über die Idee des Orients selbst aus?“

Gholami betonte, dass der Iran nicht bloß ein östliches Thema, sondern eines der großen historischen Zentren von Philosophie, Literatur, Sprache, Religion, Kunst, Wissenschaft und zivilisatorischer Erfahrung, über Jahrhunderte mit Indien, Zentralasien, der arabischen Welt, Anatolien und anderen Zivilisationsräumen in Wechselwirkung stand.

Daher hat die Iranistik zwei Aufgaben: Sie ist erstens ein grundlegendes Feld zum Verständnis eines wichtigen Teils des Orients und besitzt zweitens – aus seiner Sicht noch wichtiger – die Fähigkeit die Karte der Orientalistik selbst infrage zu stellen und neu zu ordnen.

Aus dieser Perspektive kann die Iranistik zeigen, dass der Orient nicht homogen ist, dass sich östliche Kulturen in langen Prozessen des Austauschs und der gegenseitigen Beeinflussung herausbildeten und dass der einfache Gegensatz „Ost–West“ zur Erklärung der wirklichen Geschichte der Zivilisationen nicht ausreicht.

Gholami beschrieb dieses Verhältnis als wechselseitig: Die Ontologie des Orients beeinflusst die Stellung der Iranistik auf der Karte der Orientstudien, doch ein tieferes Verständnis Irans kann auch unser Bild vom Orient und damit die Karte der Orientalistik selbst verändern.

 

Aufruf zur Neuzeichnung der Karte statt bloß Suche nach einem Platz

Gholami betonte abschließend, dass die sieben in seinem Vortrag aufgeworfenen Fragen keine abgeschlossenen und endgültigen Antworten sind, sondern können Ausgangspunkt für einen umfassenderen Dialog unter Forschern verschiedener Fachgebiete bilden.

Die Zukunft der Iranistik liegt vielleicht nicht nur darin einen Platz auf der bestehenden Karte zu finden, sondern sich aktiv an ihrer Neuzeichnung zu beteiligen – an einer Karte die zivilisatorische Vielfalt, inneröstliche Beziehungen, gegenseitige Beeinflussung der Kulturen, unterschiedliche Arten der Weltbetrachtung und Möglichkeit von Erkenntnis zum Zweck des Verstehens, Dialogs und Zusammenlebens ebenso berücksichtigt werden wie die Kritik an Macht und erkenntnistheoretischen Vorannahmen.

 

Iranistik – untrennbarer Bestandteil des Verständnisses des Orients

Im weiteren Verlauf des Symposiums sprach der bedeutende Iranist und einflussreicher Akteur bei der Entstehung und Fortführung der Iranistik in Österreich Professor Nosratollah Rostegar über das Verhältnis von Iranistik und Orientalistik. Im Zentrum seiner Ausführungen stand die einfache, aber grundlegende Frage wie man an Universitäten Orientalistik lehren kann, wenn die Iranistik dort nicht ernsthaft vertreten ist.

Seiner Ansicht nach ist diese Frage ohne Beachtung der historischen und kulturellen Stellung Irans schwer zu beantworten. Iran ist im Lauf der Geschichte nicht nur ein Gegenstand der Orientstudien gewesen, sondern die Entstehung und Entwicklung zahlreicher politischer, kultureller, literarischer und geistiger Bereiche der östlichen Welt geprägt.

Zur Erläuterung verwies Rostegar auf große Reiche wie das Osmanische Reich und das indische Mogulreich. Ihre Geschichte kann nicht angemessen untersucht werden während man die persische Sprache und Kultur außer Acht lässt, da Persisch dort jahrhundertelang eine bedeutende Hof-, Verwaltungs- und Literatursprache war und viele Herrscher sowie politische und kulturelle Eliten dieser Gebiete direkten Kontakt zur persischen Sprache und Literatur hatten.

Rostegar verwies außerdem auf die im österreichischen Exil lebende iranische Gemeinschaft. Die beträchtliche Zahl von Iranern und ihren jüngeren Generationen kann selbst ein Grund dafür sein, dass Universitäten die Lehre der iranischen Sprache, Geschichte und Kultur stärker berücksichtigten. Auch die Kinder iranischer Familien in Europa sollten seiner Überzeugung nach an Universitäten die Sprache und historische Kultur ihrer Familie und ihres Landes wissenschaftlich studieren können.

 

Kritik an der Verdrängung der Iranistik an den Rand

Rostegar kritisierte anschließend die Lage einiger universitärer orientalwissenschaftlicher Gruppen. In manchen Fällen wird der größte Teil der Mittel, Budgets und wissenschaftliche Aufmerksamkeit Bereichen wie Turkologie und Arabistik zugewiesen, während die Iranistik entweder an den Rand gedrängt oder in größere Fachgebiete eingegliedert wird. Professor Lohlker übte scharfe Kritik an den Entscheidungsträgern der Orientalistik in Wien. In seiner Abschlussrede betonte der Leiter des Symposiums „Orientalistik ohne Iranistik – möglich oder unmöglich“ Iran und die persische Sprache sind das pulsierende Herz und Kultursprache der islamischen Welt. Die Missachtung persischer Quellen in jüngeren historischen Forschungen, etwa zur Geschichte der Safawiden, bezeichnete er als unwissenschaftlich und sinnlos.

Zur Darstellung der gewaltigen Reichweite des iranischen Kultureinflusses verwies er auf erstaunliche historische Belege: eine persischsprachige Gemeinschaft im Thailand des 16. Jahrhunderts, Rolle der Übersetzung persischer astronomischer Texte bei der Reform des chinesischen Kalenders, Einfluss der mystischen Lehren Abd ar-Rahman Dschamis am chinesischen Kaiserhof sowie Entdeckung persischer Inschriften in der Großen Moschee von Xi’an, die die Ausdehnung der iranischen Kultur bis an das Ende der Seidenstraße zeigt.

Mit dem zentralen Satz „über den Orient zu sprechen ohne die persische Sprache und Iran zu berücksichtigen ist unmöglich“ verglich Lohlker die gegenwärtige Lage der österreichischen Universitäten mit jener deutscher Universitäten an denen mehrere aktive Lehrstühle für Iranistik bestehen. Er erinnerte daran, dass die Vernachlässigung dieses Fachs an österreichischen Universitäten ausgerechnet in einem Land stattfinde das Persönlichkeiten wie Joseph von Hammer-Purgstall hervorgebrachte, den großen europäischen Dichter Goethe durch seine Übersetzung des Diwans von Hafis ins Deutsche inspirierte.

 

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