IQNA- Die Geschichte der Koranrezitation in der islamischen Welt, besonders in Ägypten, reicht weit über das Zeitalter der Tonaufnahmen und des Rundfunks hinaus. Es handelt sich um eine tief verwurzelte Kunst, die sich seit den ersten Jahrhunderten des Islam auf Grundlage der melodischen Rezitation allmählich zu einer der wirksamsten Ausdrucksformen der kulturellen Soft Power der Muslime entwickelte und durch Freitagskoranrezitationen, Gebetsruf, religiöse Zeremonien und staatliche Unterstützung künstlerische und gesellschaftliche Reife erlangte.
IQNA: Ägypten ist zwar die wichtigste Wiege der Rezitationskunst in der islamischen Welt, zeigt jedoch in heutigen Medien allmähliches Vergessen der ursprünglichen Schulen und einen Bruch zwischen der neuen Generation von Rezitatoren und dem Erbe der Vorgänger. Heute ersetzten einige kommerzielle und oberflächliche Rezitationen die kunstvollen und nachdenklichen Rezitationen. Die präzisen Techniken der Pausensetzung, Beginns, Melodie und Tadschwid aus Jahrhunderten ägyptischer Lehrerfahrung werden nicht angemessen dokumentiert und vorgestellt.

In einer Reihe von Berichten will IQNA die Entwicklung dieser Kunst vom alten Stil bis zum Auftreten der Genies der Rezitation nachvollziehen. Zugleich soll die gegenwärtige Lage analysiert und eine Brücke zwischen den ursprünglichen ägyptischen Techniken und den künstlerischen Bedürfnissen des heutigen Koranpublikums geschaffen werden. So soll die Rezitationskunst von einem rein nachahmenden Ritual zu einer lebendigen und dynamischen Strömung zurückkehren. Denn die heutigen anspruchsvollen Rezitationen sind aus der traditionellen ägyptischen Schule hervorgegangen. Die Kenntnis dieser historischen Entwicklung ist daher zum Verständnis der Authentizität der Rezitation notwendig. Die Vorstellung der Stile und Neuerungen der ägyptischen Pioniere bietet jungen Rezitatoren außerdem die beste Orientierung zur Verbesserung der technischen und geistigen Standards ihrer Rezitation.
Al-Youm al-Sabea schrieb dazu: Obwohl die Technik der Tonaufnahme 1903 nach Ägypten gelangte, profitierte die Rezitationskunst erst Jahrzehnte später von der Moderne. Die großen ägyptischen Rezitatoren lehnten in den ersten Jahren Aufnahmen ihrer Rezitationen durch entsprechende Firmen ab. Das galt auch für Sänger, die diesem neuen Verfahren nicht vertrauten und lieber mehrere Jahre warten wollten, bis sie sich anhand der Stimmen zweitklassiger Sänger von seinem Erfolg überzeugt hatten.
Bei der Koranrezitation war die Sache komplizierter. Sobald eine neue Erfindung im Zusammenhang mit dem Koran auf Zweifel stieß, bestanden stets religiös-rechtliche Bedenken und man verzichtete darauf bis die Zeit die Existenz und Tauglichkeit der neuen Erfindung bestätigte und sie zu einer anerkannten Tatsache jener Epoche wurde.
Auch die kurze Aufnahmedauer in den ersten Jahren könnte die Verzögerung bei der Aufnahme von Rezitationen verursacht haben. Sie überschritt zunächst drei Minuten und wurde später auf sechs Minuten verlängert. Das war ohne Zweifel nicht lang genug um eine Rezitation aufzunehmen, die die tatsächliche Rezitationskunst ihrer Zeit repräsentierte.
Die älteste erhaltene Aufnahme einer Koranrezitation stammt aus dem Jahr 1905 und enthält die Rezitation von Scheich Mohammed Salim aus der gesegneten Sure Maryam. Im folgenden Jahr nahm er eine weitere Rezitation der Sure Yusuf auf.
Über diesen Mann, von dem auch Schallplatten mit seinen Liedern erhalten sind, liegen nur wenige Informationen vor. Daher wissen wir nicht sicher, ob er ein bedeutender professioneller Rezitator oder ein Sänger war, der diese Aufnahmen für erste Tests der Tonaufnahmefirmen einspielte.
Die Erforschung der Geschichte der großen Rezitatoren in den ersten 25 Jahren des 20. Jahrhunderts führt zu vier Namen, deren Rezitationsaufnahmen heute verloren sind: Mahmoud al-Qaysuni, Hussein al-Sawaf, Hanafi Barai und Scheich Ahmed Nada. Letzterer war ein herausragender Vertreter dieser Kunst und starb 1932, zwei Jahre vor der Eröffnung des Rundfunks.
Die Eröffnung des Rundfunks war das wichtigste Ereignis, das die erste Erinnerung an Rezitatoren wie Scheich Mohammed Rifaat (1882–1950) festhielt. Er eröffnete den ägyptischen Rundfunk am 31. Mai 1934 mit seiner Stimme und gilt in der Geschichte der Koranrezitation als Begründer dieser Kunst.
Obwohl Rifaat bereits Jahrzehnte vor der Eröffnung des Rundfunks bekannt war und eine einzigartige Stimme und tiefe Gefühle besaß verlieh ihm das Radio Unsterblichkeit. Etwa ein Jahrzehnt lang war er hinsichtlich Präsenz und Beliebtheit der stärkste Rezitator und größte Radiostar. Nur Umm Kulthum und Abdelwahab konnten mit ihm konkurrieren bis ihn seine Krankheit 1943 an weiteren Rezitationen hinderte. Bei den Hörern behielt er eine besondere Stellung, bis heute von niemandem bestritten.
Zur Generation von Scheich Rifaat im Rundfunk gehörte auch ein älterer Rezitator, der als ältester berühmter Rezitator gilt, dessen Stimme ist uns überliefert: Scheich Ali Mahmoud (1878–1943). Er war Rezitator, Sänger und Naschid-Sänger und nahm in den 1920er-Jahren mehrere Schallplatten mit Liedern auf. Von seinen Rezitationen sind dagegen nur sechs Aufnahmen erhalten, entstanden wahrscheinlich bei privaten Zusammenkünften.
Der wichtigste Name nach Scheich Rifaat in jener Generation ist Scheich Abd al-Fattah al-Scha scha'i (1890–1962). Er rezitierte als Zweiter im Rundfunk. Zunächst war er Sänger und wurde später Rezitator. Von ihm sind nur wenige Rezitationen erhalten. Er besaß eine gewaltige Stimme und herausragende Stellung in der Rezitationskunst. Er wurde alt und ein Schatz seiner Aufnahmen ist überliefert, in denen er seine Kraft und Glanz bis zu seinem letzten Lebenstag bewahrte.

Im Verlauf der 1930er-Jahre kamen mehrere Rezitatoren der folgenden Generationen zum Rundfunk. Die bedeutendsten waren Scheich Taha al-Faschni (1900–1971) und Scheich Abd al-Azim Zahir (1904–1971). Später rezitierten zwei junge Rezitatoren, die noch vor ihrem 20. Lebensjahr in diesem Bereich tätig wurden, Scheich Abu al-Ainain Scha ischa (1922–2011) und Scheich Kamil Yusuf al-Bahtimi (1922–1969), eine Zeit lang im Rundfunk. Danach verließen sie ihn und kehrten in den 1940er-Jahren zurück.
In den 1940er-Jahren und Beginn des folgenden Jahrzehnts kamen mehrere herausragende Rezitatoren zum Rundfunk. Heute werden sie wegen ihrer künstlerischen Weiterentwicklung der Rezitationsgeschichte, ihrer Beliebtheit und des Reichtums ihrer Aufnahmen gewürdigt.
Zu den berühmtesten Rezitatoren gehören Mahmoud Khalil al-Husari (1917–1980), Mahmoud Ali al-Banna (1926–1985), Abd al-Basit Muhammad Abd al-Samad (1927–1988) und Muhammad Siddiq al-Minshawi (1920–1969), zusammen mit Scheich Scha ischa und Scheich al-Bahtimi, die vor ihnen zum Rundfunk gekommen waren. Die zentrale Figur dieser Epoche und der einflussreichste und vielseitigste Rezitator war Scheich Mustafa Ismail (1905–1978).
Scheich Mustafa Ismail kam aus einer höheren Position zum Rundfunk, nämlich aus dem Königspalast. 1944 wurde er aus seinem Dorf bei Tanta in den Palast eingeladen, nachdem er einmal in Kairo rezitiert und dort Bewunderung hervorgerufen hatte. Acht Jahre lang war er der Rezitator des Königspalastes bis der ägyptische König 1952 gestürzt wurde. Der Rundfunk sendete seine Stimme aus dem Palast noch bevor er als Rezitator im Rundfunk tätig wurde. Schließlich wurde er selbst einer der Rundfunkrezitatoren.
Die größte künstlerische Entwicklung der Rezitation ist Scheich Mustafa Ismail zuzuschreiben. Er machte diese Kunst ansprechender und verwandelte lange melodische Phrasen in eine angenehme Rezitation, die das Publikum erwartete.
Durch die künstlerischen Entwicklungen Mustafa Ismails dank seines von Gott verliehenen großen Stimmumfangs veränderte sich die Form der Rezitation. Das Publikum setzte sich bei öffentlichen Versammlungen, Moscheen, Trauerfeiern und an anderen Orten intensiver mit dem Koran auseinander. Dies zeigt sich deutlich in den aufgezeichneten Rezitationen von Scheich Mustafa Ismail.
Die Zeitgenossen Scheich Mustafa Ismails standen unter dem Einfluss seiner künstlerischen Entwicklungen und machten sie zu Regeln. Seit den 1950er-Jahren wurde die Rezitationskunst zu einem der wichtigsten Soft-Power-Instrumente für den Islam und Ägypten. Die Rezitatoren wurden zu gesellschaftlichen Stars und jährlich zur Rezitation in arabische, islamische und sogar nichtislamische Länder eingeladen. Sie erlangten in Marokko und Indonesien große Beliebtheit. Durch diese Generation wurde die ägyptische Rezitation zur offiziellen Rezitationsform der islamischen Welt, überall gehört und nachgeahmt.

Die 1960er-Jahre brachten eine weitere Blüte der Aufnahme religiöser Zeremonien sowie neue Produkte der Rezitationskunst hervor, etwa den „Tartil-Koran“, 1960 erstmals von Scheich Mahmoud Khalil al-Husari aufgenommen. In den folgenden Jahren folgten vier große Rezitatoren diesem Beispiel was einen neuen Weg zum Hören von Rezitationen eröffnete. Außerdem wurde erstmals eine vollständige Audio-Dokumentation des Korans produziert, die weitere Dokumentationen dieser Art nach sich zog.
Der Rundfunk stellte dem Publikum in den 1960er-Jahren auch mehrere talentierte Rezitatoren mit unterschiedlichen Fähigkeiten vor. Sie erreichten jedoch nicht das Niveau der Kreativität und Beliebtheit früherer Rezitatoren. Das könnte an der Veränderung der technischen Bedingungen des Rundfunks oder an der Weiterentwicklung des Hörgeschmacks der Menschen gelegen haben. Zu den bekanntesten Rezitatoren, die in den 1960er-Jahren zum Rundfunk kamen, gehörten Ibrahim al-Scha scha i, Mohammed Abd al-Aziz Hassan, Ahmed Mohammed Amer und Mohammed Ahmed Schabib.
In den folgenden Jahren, den 1970er-Jahren, kam es zu einer Entwicklung durch die der Rundfunk seine zentrale Stellung verlor. Kassettenrekorder verbreiteten sich in den Dörfern und spielten die Stimmen aller Rezitatoren auf unterschiedlichen Niveaus ab. In den ägyptischen Provinzen wurden Kassettenfirmen gegründet, die sich auf lokale Rezitatoren konzentrierten, die vom Rundfunk nicht bestätigt worden waren. Einige von ihnen waren sogar von Rezitationen durch al-Azhar ausgeschlossen. Der Rundfunk wurde damit nur noch zu einem Verbreitungskanal. Dies geschah noch vor der weiteren Verbreitung des Internets. Jeder Rezitator hatte nun eigene Websites und YouTube-Kanäle sowie Seiten in sozialen Netzwerken und begann seine Rezitationen in höchster Bildqualität live zu übertragen ohne Aufsicht und Genehmigung spezieller Ausschüsse, künstlerische Einordnung oder wissenschaftliche Anleitung. Zweifellos beseitigte diese Öffnung des Raumes die bisherigen Einordnungen, schadete dem allgemeinen künstlerischen Niveau und gab allen Rezitatoren gleiche Chancen.
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