IQNA

Belgien
9:23 - January 10, 2019
Nachrichten-ID: 3000656
Muslimische Frauen sehen sich im belgischen Flandern mit einem Kopftuchverbot konfrontiert. Die jüngste Studie zeigt die Wirkung des Kopftuchverbots im Land auf die muslimischen Frauen auf.Unsere Gastautorin Kawtar Bakir fasst die wichtigsten Punkte für IslamiQ zusammen.

Trotz der sichtbaren Folgen des Kopftuchverbots in Belgien wurde zu den Wirkungen des Verbots bisher keine Untersuchung durchgeführt. Daher habe ich mit der Unterstützung der Einrichtung Unia zur Bekämpfung von Diskriminierung und des Vereins PEP!, der Jugendliche mit ausländischen Wurzeln in der Bildung fördert, die Lebenswelt von etwa 100 junge Musliminnen untersucht. Ich habe die Wirkungen des Kopftuchverbots auf die psychologische und berufliche Entwicklung dieser Mädchen erforscht.

Das erste, was mir bei der Quellensuche aufgefallen ist, war, dass zuvor zu diesem Thema keine Untersuchung unternommen wurde. In meiner Feldstudie habe ich Gespräche mit jungen Mädchen verschiedener Gymnasien in Flandern durchgeführt, die in den letzten beiden Klassen waren. Die Ergebnisse der Untersuchung waren ebenso auffallend, wie betrübend. Denn das Kopftuchverbot hatte auf die psychologische und berufliche Entwicklung der jungen Mädchen recht negative Auswirkungen.


„Sie haben einen Teil meiner Identität gestohlen“

Die Wirkung des Kopftuchverbots auf die psychologische Entwicklung der Schülerinnen ist sehr vielfältig. Das Verbot demotiviert die Schülerinnen extrem, führt dazu, dass sie im Schulalltag Negatives erfahren und führt sie näher an eine Identitätskrise. Einige der auffallenden Daten der Studie sind folgende:

Für 54 % der Schülerinnen spielt das Kopftuch in der Identitätsentwicklung eine Rolle. 85 % der jungen Mädchen hingegen sind emotional vom Kopftuchverbot betroffen. Diese Mädchen erleben Emotionen wie Scham, Trauer, Wertlosigkeit und Diskriminierung.

57 % der Teilnehmerinnen beschreiben das Ablegen des Kopftuches als ein schweres Gefühl der „Demütigung“. 97 % der jungen Mädchen hingegen fühlen sich unsicher, wenn sie vor der Schule das Kopftuch ablegen. Muslimische Jugendliche fassen die Gefühle, die das Kopftuchverbot bei ihnen auslöst, wie folgt zusammen:

„Sie haben einen Teil meiner Identität gestohlen. Sie geben das Gefühl, dass wir nie in der Gesellschaft angenommen werden.“

„Du kannst nicht du selbst sein. Du muss sich anpassen und dich selbst als jemand anderes ausgeben. Damit andere glücklich sind. Während du selbst Schmerz und Unterdrückung erlebst.“

„Diese (Lage) führt dazu, dass ich mich unsicher und insbesondere nicht erwünscht fühle!“


Die Hürden eines Kopftuchverbots

Im Rahmen der Studie sind die Folgen, die in Bezug auf die berufliche Wahl und professionelle Entwicklung der Jugendlichen aufgedeckt wurden, hingegen noch viel auffälliger: Vor allem sind die beruflichen Wahlmöglichkeiten der Schülerinnen, die vom Kopftuchverbot betroffen sind, eingeschränkt. Zum Zweiten ist die Teilnahme an außerschulischen Aktivitäten durch diese Schülerinnen vermindert. Drittens sind die jungen Mädchen durch das Kopftuchverbot an der Schule demotiviert.

Die Daten der Folgen des Kopftuchverbots hinsichtlich der beruflichen und professionellen Entwicklung sind folgende: 42 % der Schülerinnen sind zum Thema außerschulische Aktivitäten nicht motiviert. 83 % lehnen auf Grund des Kopftuchverbots Arbeitsangebote ab und suchen nach Alternative. 85 % hingegen wählt den Studiengang nach dem Verbot des Kopftuches. Dies zeigt uns wiederum, dass das Kopftuch im Leben der jungen Mädchen eine sehr wichtige Rolle spielt. Das Kopftuch ist für diese jungen Mädchen nicht nur hinsichtlich der Identität und Spiritualität ein wichtiger Faktor, sondern hat auch zugleich Einfluss auf ihre psychologische Entwicklung, Persönlichkeit und Identität.

Junge muslimische Mädchen erzählen mit den folgenden Sätzen, wie sie zwischen Berufswahl und Kopftuch stecken bleiben:

„.Auf Grund des Verbots gehe ich nicht gerne in die Schule und möchte sogar die Schule abbrechen.“

„Eigentlich will ich Lehramt oder Jura studieren, aber da ich das Kopftuch ablegen müsste, suche ich nach einem anderen Studienfach.“

„Ich möchte studieren, damit ich in Zukunft mein eigenes Unternehmen gründen und mit Kopftuch arbeiten und auch Frauen mit Kopftuch beschäftigen kann. Natürlich können auch Frauen ohne Kopftuch arbeiten, ich würde niemanden diskriminieren, denn ich weiß selbst genau, wie sich das anfühlt.“


Gegenseitige Rücksichtnahme ist wichtig

Schülerinnen sind darauf angewiesen, sich bestmöglich zu entwickeln. Sie müssen ihre Fertigkeiten weiterentwickeln und bei der Ausbildung Unterstützung annehmen. Ein solcher Schritt hingegen ist nur möglich, wenn sie sich gut fühlen, denn die Leistung der Menschen ist mit der psychologischen Gesundheit eng verbunden.

Diese Lage gilt auch für die jungen Mädchen, die vom Kopftuchverbot betroffen sind. Auch diese sind in Bezug auf ihre Weiterentwicklung auf Möglichkeiten angewiesen. Diese Untersuchung sollte zum besseren Verständnis des Schulalltags der Mädchen mit Kopftuch gelesen werden. Diese 70-seitige Studie hat es zum Ziel, die Stimme der Mädchen erhören zu lassen, den Sachverhalt aus entwicklungspsychologischer Sicht zu betrachten und ein Bewusstsein für das Thema in den belgischen Medien zu schaffen. Dies ist zugleich eine Perspektive zum Kopftuchverbot, die zuvor nicht zur Sprache kam.

Die Ergebnisse der Studie zeigen insbesondere, dass wir den Fokus ändern müssen: Wir diskutieren nicht das „Kopftuch,“ sondern wir sprechen über die Gefühle, Wahlen, Kapazitäten, Emotionen, Schwierigkeiten, Erwartungen, Fähigkeiten und Identitäten junger Mädchen, die mit einem Kopftuch repräsentiert sind. Das Thema sind nicht Tücher, sondern Menschen. Anstatt diesen Menschen das Gefühl zu geben, sie seien unwichtig, sollte ihnen auch das Wort erteilt werden. Pädagogen und Lehrkräfte sollten auf die Wahl des Studiums der Abschlussjahrgänge achten. Die Jugendlichen sind auf Hilfen angewiesen, damit sie die richtige Wahl treffen und nicht von ihren Fähigkeiten und Träumen erdrückt werden.

Auf der anderen Seite sollte jedes Mitglied der Gesellschaft für eine tolerante Gesellschaft arbeiten, in der jedes Individuum „es selbst“ sein und sich auf die beste Art weiterentwickeln kann. Es sollte auf eine Gesellschaft hin gearbeitet werden, in der niemand diskriminiert wird, die Menschen verständnisvoll sind und die Jugendlichen selbstbewusst und unabhängig ihre Träume umsetzen können. In diesem Gesellschaftsideal sind auch muslimische Mädchen mit Kopftuch eingeschlossen!

 

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