IQNA

18:47 - July 24, 2020
Nachrichten-ID: 3002869
Teheran (IQNA)- Uns Muslime macht es traurig, wenn die Christen und Juden hierzulande ihre Religion vergessen. Sind wir Muslime davor geschützt? Eine über einhundertjährige Erfahrung, welche die deutschen Juden in Deutschland machten, kann uns bei dieser Frage eine Lehre sein.... Ein Beitrag von Mahmoud Ayad

Ein Beitrag von Mahmoud Ayad

 

In meiner Grundschulzeit hatte ich keinen muslimischen Mitschüler, praktisch alle Kinder wurden christlich erzogen und hatten die Wahl zwischen katholischem oder evangelischem Religionsunterricht. Wie viele von ihnen sind wohl heute noch Kirchenmitglieder?

Ein anderes Thema, das sich mir in den letzten Jahren immer wieder aufdrängt und das auf den ersten Blick nichts mit dem Thema Kirchenaustritt zu tun hat, ist das Thema der Assimilation, der Anpassung von uns Muslimen an das, was als deutsche Leitkultur wahrgenommen wird. Die deutsche Leitkultur, ein von rechten Kreisen geprägter Begriff, bezeichnet dabei gar nicht unbedingt die traditionellen Vorstellungen über das Deutschtum – preußische Tugenden, Tatort, Schunkeln im Festzelt –, sondern insbesondere in den letzten Jahren verstärkt linksideologische Positionen, deren Ablehnung in westlichen Medien und sozialen Räumen inzwischen als politisch inkorrekt gilt. Homosexualität, Abtreibung und Feminismus gehören dabei zu den Themen, bei denen von muslimischer Seite am penetrantesten Anpassung eingefordert wird.

Zurück in die Grundschulzeit. Diese ist gerade mal drei Jahrzehnte her und schon damals war die Erosion der deutschen Kirchen, ja des deutschen Christentums im Gange. Wegen der niedrigeren Zahl an Anhängern weniger bemerkbar, aber dennoch vorhanden, spielt sich das gleiche Phänomen auch bei einem Großteil der deutschen Juden ab. Viele betrachten sich lediglich als atheistische Anhänger eines „Religionsvolks“, häufig auch einfach als Kinder oder Nachkommen von Juden, ohne weiteren Bezug zum Judentum.

Woher kommt dieses Religionssterben in Deutschland und der westlichen Welt? Und warum waren wir Muslime von dieser Entwicklung noch nicht betroffen? Droht uns mit der Zeit ebenfalls, dass wir unsere Religion aushöhlen oder gar ablegen?

Eine göttliche Religion verliert in den Augen ihrer Anhänger an Ausstrahlung und Anziehungskraft, wenn sie sich von Gott entfernt, um jemand anderen als Gott zufrieden zu stellen. Eben in diese Richtung sind aber die jüdischen und christlichen Institutionen in Deutschland, jede auf ihre Art und Weise, jahrzehntelang und länger gegangen. Kritiker werfen dem Christentum vor, nicht mit der Zeit zu gehen. Man müsse das Christentum reformieren oder wenigstens modernisieren. Ich beobachte aber das Gegenteil: Je weiter in Deutschland die anti-biblischen kulturellen Entwicklungen insbesondere von der Evangelischen Kirche akzeptiert und auch verinnerlicht werden – Bremer Pfarrer im Regenbogengewand sprechen hier für sich –, desto stärker zweifeln die Gläubigen an der Religion. Wenn doch nicht einmal ihre Würdenträger die Glaubensinhalte ernst nehmen, warum sollte darin eine Wahrheit liegen, die mein diesseitiges und jenseitiges Leben bestimmt? Ich hoffe nicht, dass es dazu kommt, aber ihre Kirchen laufen in Deutschland Gefahr, ähnlich wie die Göttertempel der Römer, zu historischen Stätten einer vergangenen Religion zu verkommen.

Und die Juden? Seit eh und je eine Minderheit, zeigt ihre Geschichte eine gewisse Lehre auf, die uns Muslimen, die wir auch in der Minderheit leben, eine Lehre sein muss. Sie hängt mit bestimmten Worten des heiligen Qurans zusammen, die sich direkt auch auf unsere jüdischen und christlichen Mitbürger beziehen und ebenso unsere aktuelle Lage besonders ansprechen.

Diese Worte lauten zu Deutsch: „Die Juden und die Christen werden nicht mit dir zufrieden sein, bis du ihrer Milla[1] folgst. Sprich: Nur die Rechtleitung Gottes ist die (wahre) Rechtleitung. Und wenn du ihren Neigungen folgst nach dem, was dir an Wissen zugekommen ist, so wirst du vor Gott weder Freund noch Helfer haben.“ [Heiliger Quran, 2:120]

Das Heilige Buch spricht hier explizit nicht etwa davon, dass die Juden oder die Christen von den Muslimen in einer gemeinsamen Gesellschaft die Übernahme ihrer Religion erwarten; was sie erwarten, ist, dass Muslime ihre Gesellschaftsideologie verinnerlichen, übernehmen und ihr folgen.

Ich denke, es ist nicht weit hergeholt zu behaupten, dass diese Regel nicht nur für Muslime, sondern schon immer auch für Juden in christlich geprägten Gesellschaften und andersherum gegolten hat. Im vorletzten Jahrhundert gab es eine gesellschaftspolitische Entwicklung in Deutschland und Europa, die in diesem Zusammenhang steht. Viele Juden haben sich bis kurz vor der Selbstaufgabe ihrer Identität im Zuge der Judenemanzipation (ab Anfang des 19. Jahrhunderts) in der deutschen (und europäischen) Gesellschaft assimiliert. Auch damals war es Ziel der Staaten, die Juden in die Staatsideologie hineinzuerziehen. Zugeständnisse an Juden und ihren Gemeinschaften in Richtung gesetzlicher Gleichberechtigung und Gleichstellung hingen in den damals verschiedenen deutschen Staaten immer, wenn auch unterschiedlich stark ausgeprägt, vom Erfolg der Erziehungspolitik ab.

Viele Juden und Kinder von Juden ergaben sich dem Druck und legten so viel von ihrem Jüdischen ab, wie sie nur konnten. Sie gaben sich nicht-jüdisch klingende Namen, sondern Namen, die auch das Christentum kannte, wie Abraham, Josef, Sarah und Elisabeth. Auch trugen sie die gleiche Kleidung wie ihre Mitbürger und waren optisch häufig nicht von ihren christlichen Mitbürgern zu unterscheiden. Selbst ihre Gotteshäuser, wie etwa die 1939 abgerissene Bornplatzsynagoge, hätten von der Optik her für ein ungeschultes Auge auch Kirchen sein können. Einige Juden verzichteten selbst auf ihre Sabbatregeln, ja manch einer, wie der große Dichter Heinrich Heine, nahm sogar pro forma das Christentum an. Aber nicht alle assimilierten sich in dem Ausmaß.

Ja, die Juden waren ein integrativer Teil der deutschen Gesellschaft, also das, was man heute als integriert bezeichnen sollte. Dort, wo es möglich war, waren sie Beamte, sie interagierten in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft, gründeten Zeitschriften und Verlage, arbeiteten in allen Branchen und schufen dort auch als Arbeitgeber Arbeitsplätze und engagierten sich in Parteien aller Couleur: liberal, sozialistisch, wahrscheinlich auch christlich (interessanterweise nur nicht in eigens jüdischen Parteien). Die Loyalität zum Deutschen Nationalstaat war immens: Im Ersten Weltkrieg dienten von ca. einer halben Million jüdischen Deutschen 100.000 in der Armee. 12.000 deutsche Juden fielen für das Deutsche Kaiserreich unter Wilhelm II.

Zwei parallel laufende Bewegungen beschreiben die etwa einhundert Jahre vom Beginn der sogenannten Judenemanzipation bis zur vollen Anerkennung als gleichberechtigte Bürger in der Weimarer Republik: Auf der einen Seite das staatliche Bemühen, die Juden in Deutschland vollends in das Volk zu assimilieren, auf der anderen Seite ein Balanceakt der jüdischen Bevölkerung zwischen dem Streben um Anerkennung durch Anpassung und dem gleichzeitigen Versuch, ihren Glauben sowie ihre Identität zu bewahren. 1918 trug diese Strategie ihre Früchte in Form der endgültigen gesetzlichen Gleichstellung. Diese Früchte waren aber von Beginn an faul: Nur fünfzehn Jahre später gelang die NSDAP an die Macht, der deutsche Staat entrechtete die Juden nach und nach wieder, bis hin zu ihrer drohenden physischen Auslöschung im deutschen Herrschaftsgebiet.

Was lehrt uns Muslime diese grausame Erfahrung der deutschen Geschichte? Wer glaubt, dass er sich selbst oder für die deutschen Muslime irgendeinen Nutzen dadurch erhoffen kann, dass er versucht, den Nichtmuslimen anstelle von Gott zu gefallen, wird enttäuscht werden. Das heißt nicht, dass wir uns nicht an die Gesetze halten sollen, sondern vielmehr, dass wir uns nicht den Neigungen der herrschenden Ideologie unterwerfen dürfen. Die Neigung der herrschenden Ideologie zeigt sich in den Themen, um derentwillen der Staat direkten Druck auf die Muslime und ihre Verbände ausübt, und zwar mittels Staatsverträge (oder deren Aussetzung), Fördergeldanreize (oder deren Aussetzung) bis hin zur Stürmung von Moscheen und dem Drohen, diese zu schließen.

Gekämpft wird um die Assimilierung der Muslime bei Themen, deren Ablehnung eigentlich im Rahmen der Meinungsfreiheit gedeckt sein müsste, dennoch sollen sie hier um jeden Preis hineinerzogen werden: Sie sollen Abtreibung und LGBTI gut finden, den Unterschied von Mann und Frau auf das Vorhandensein einer Gebärmutter reduzieren und deshalb auch ihre Sprache und Texte deren Gender-Ideologie anpassen (Stichwort Gender-Sternchen). Sie sollen politisch Iran, Russland und China fürchten, Nordkorea belächeln, Europa lieben und im Nahostkonflikt „beide Seiten verstehen“ und natürlich niemals das Existenzrecht des rassistischen Apartheidregimes Israel anzweifeln. Sie sollen kein Kopftuch tragen und wenn doch, dann zumindest nur, wenn die herrschende Ideologie es in Ordnung findet, also nicht zu früh, nicht als Lehrerin, nicht im Gerichtssaal – nein, am besten gar nicht.

Wehren wir uns gegen diesen Druck, wird unser Einsatz uns und Deutschland langfristig betrachtet sehr von Nutzen sein und das Wohlgedeihen der deutschen Gesellschaft fördern. Unsere Standpunkte werden sicher nicht überall akzeptiert werden, aber wir werden statt als Spielball als mündige Bürger mit Rückgrat und Sendungsbewusstsein wahrgenommen und unsere Religion genauso glaubwürdig und nachvollziehbar vertreten, wie sie es auch ist.

Was wir aktuell tun, könnte sicher mehr sein und unsere muslimischen Dachverbände haben sich in dieser Hinsicht in der Vergangenheit sicher nicht mit Ruhm bekleckert. Aber zumindest für die Zukunft dürfen wir auf keinen Fall, nur um das eine oder andere Fördergeld zu erlangen oder nur um in diesem oder jenem Gremium zu bleiben oder einfach nur um vermeintlich mächtigen Gruppen im Land zu gefallen, unsere Glaubensinhalte und Prinzipien verleugnen oder über Bord werfen. Denn die Aufgabe dieser Inhalte und Prinzipien um der Neigungen der herrschenden Ideologie willen wird dazu führen, dass wir oder spätestens unsere Nachkommen über kurz oder lang entweder komplett aus dem Islam austreten oder dass wir trotz der Soweit-es-geht-Assimilierung langfristig in den Untergang schreiten.

In jedem Fall aber würden wir auf einem solchen Pfad (und das ist das Schlimmste) gemäß dem heiligen Quran [2:120] „vor Gott weder Freund noch Helfer haben“.

 

1- Milla: nationaler Ideologie / herrschenden Volks-Doktrin. ↩︎

 

offenkundiges.de

 

Nombre:
Correo electrónico:
* Kommentar:
* captcha: