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Folge Waffenstillstand Eskalation der Schlacht oder Sieg

18:50 - April 15, 2026
Nachrichten-ID: 3014640
IQNA- Verhandlungen sind die Fortsetzung und Verlängerung des Krieges und ihre Rolle in der Dynamik bewaffneter Auseinandersetzungen wird neu definiert. Verhandlung ist nicht der Gegenpol zum Krieg, sondern eines seiner Instrumente.

Aus der Feder von des libanesischen Schriftstellers und politischen Analysten Michail Awad

Verhandlungen sind die Fortsetzung und Verlängerung des Krieges und ihre Rolle in der Dynamik bewaffneter Auseinandersetzungen wird neu definiert. Verhandlung ist nicht der Gegenpol zum Krieg, sondern eines seiner Instrumente. Das militärische Feld ist der Hauptfaktor, der Verlauf und Ergebnis der Verhandlungen bestimmt. Verhandlung ist in komplexen Kriegen ein Mechanismus zur Konfliktsteuerung, nicht zu seiner Beendigung und Waffenstillstände sind Übergangsphasen in einem längerfristigen Konfliktprozess, der mit Veränderungen auf dem Schlachtfeld verbunden ist.

 

Erstens: Verhandlung in der Geschichte: strukturelle Kontinuität

Die Geschichte zeigt, dass Verhandlung nie außerhalb der Struktur des Krieges standen, sondern untrennbarer Bestandteil seiner inneren Dynamik waren. Die Schlacht von Kadesch im Jahr 1274 vor Christus ist als grundlegender Moment auf diesem Weg zu erwähnen; ein frühes Beispiel eines großen Krieges, der zur Regelung der Beziehungen zwischen den Konfliktparteien durch ein bindendes Abkommen führte. In diesem Zusammenhang liegt der Schwerpunkt weniger auf den Details des militärischen Sieges, sondern mehr auf der Etablierung der nachfolgenden Verhandlung als einem Prinzip der Konfliktbewältigung, das zu dem führte was als erster „internationaler“ Friedensvertrag gilt, der die Beziehungen zwischen den beteiligten Parteien regelte, Grundlagen schuf und dessen Wirkung bis heute anhält.

Das, was in Kadesch geschah, ist nicht als Übergang vom Krieg zum Frieden zu verstehen, sondern als Wechsel vom offenen Krieg zum organisierten Krieg; dort, wo der Konflikt durch Gesetze neu geregelt wurde, die das Verhalten der Parteien kontrollierten, ohne ihre grundlegenden Widersprüche zu lösen.

Daraus kann gefolgert werden, dass Verhandlung keine außergewöhnliche oder Notfallhandlung ist, sondern ein dem Krieg innewohnendes Instrument das dann eingesetzt wird wenn die Konfrontation einen Punkt erreicht an dem die verfeindeten Mächte ihre Strategien neu bewerten, ihre Errungenschaften festigen, die Lage des Feindes genau einschätzen oder weitere Kosten vermeiden müssen, ohne ihre Ziele aufzugeben.

Auf dieser Grundlage lassen sich drei zentrale Ergebnisse nennen: Erstens ist Verhandlung ein integraler Bestandteil der Konfliktsteuerung und kein Ausdruck seines Endes; zweitens beenden Abkommen den Krieg nicht sondern ordnen ihn in indirektere Formen neu und bewahren damit die Möglichkeit seiner Wiederbelebung und drittens ist das was heute als Völkerrecht und Verhandlungsregeln bekannt ist, lediglich die historische Fortsetzung jenes grundlegenden Moments, das heißt das Produkt eines Kräftegleichgewichts, das sich vor Ort durchgesetzte, nicht ein unabhängiges System. Aus dieser Perspektive wird Verhandlung zur politischen Ausdrucksform der Ergebnisse von Macht, nicht zu deren Ersatz.

 

Zweitens: Aufbrechen der Dichotomie „Verhandlung“ bedeutet „Niederlage“

Es gilt sich auf einen verbreiteten Begriff im arabischen Diskurs zu konzentrieren, wonach Verhandlung gleichbedeutend mit Niederlage ist. Der Begriff Verhandlung ist seit langem in der arabischen politischen Literatur mit negativen Konnotationen verbunden, die oft auf Niederlage oder Rückzug hinweisen. Dieses Verständnis steht jedoch angesichts der aktuellen geopolitischen Veränderungen, in denen harte Kriegsinstrumente und Verhandlungsmechanismen in einem komplexen, dynamischen Rahmen ineinandergreifen, vor ernsthaften Herausforderungen. Verhandlung ist kein Ausstieg aus dem Krieg, sondern eine Veränderung innerhalb desselben von einem Zustand in einen anderen.

Dieser Ansatz zum Krieg stützt sich auf die These von Carl von Clausewitz, der der Ansicht ist, dass „Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln ist“. Auf dieser Grundlage schlägt er eine strategische Gleichung vor: Verhandlung ist ein Instrument des Krieges, der Waffenstillstand ist eine kriegerische Handlung und ein taktisches Manöver zur Veränderung der Position, während Politik die Fortsetzung des Schlachtfeldes mit anderen Mitteln ist.

Dieser begriffliche Wandel verweist auf die Überlappung zwischen militärischen und politischen Bereichen und auf den Zusammenbruch der traditionellen Trennung zwischen Krieg und Frieden nach dem Aufkommen des „hybriden Krieges“ und „komplexer Konflikte“.

 

Drittens: Schlachtfeld als Referenzpunkt für Verhandlung und letztes Wort

Der Verhandler ist lediglich der Sprecher des Schlachtfeldes. Das bedeutet, dass die Ergebnisse von Verhandlungen nicht am Verhandlungstisch erzielt werden, sondern durch das Kräfteverhältnis auf dem Schlachtfeld aufgezwungen werden und sich diese Ergebnisse anschließend am Verhandlungstisch widerspiegeln. Hier ist auf die Begrenzungen des verhandelnden Akteurs hinzuweisen:

Der Verhandler ist nicht der endgültige Entscheidungsträger, sondern der Übermittler der Ergebnisse des Schlachtfeldes. Dies führt zu drei strategischen Schlussfolgerungen:

– Jedes Abkommen ohne Grundlage auf dem Schlachtfeld ist wertlos.

– Temporäre Waffenstillstände bedeuten nicht das Ende des Krieges.

– Sieg wird daran gemessen, dass der Feind an der Erreichung seiner Ziele gehindert wird.

 

Viertens: Ukrainekrieg als erklärendes Modell

Der Ukrainekrieg lässt sich als Gegenargument nutzen, denn er stellt ein zeitgenössisches Modell für die Verflechtung von Krieg und Verhandlung dar. Jahrelange Verhandlungen bedeuteten weder eine Niederlage Russlands noch ist Russland deshalb zu tadeln; vielmehr spiegelten sie Konfliktmanagement, Positionswechsel und Testen von Absichten wider. Die militärischen Operationen wurden trotz mehrerer Verhandlungsrunden fortgesetzt und Verhandlungen wurden sogar als Instrument zur Steuerung der Eskalation genutzt. In diesem Krieg ist ein entscheidender Sieg trotz der langwierigen Konfrontation bis heute unerreichbar geblieben.

Dieses Modell bestätigt, dass Verhandlung in großen Kriegen nicht deren Ende bedeutet, sondern eine Veränderung der Form ihres Verlaufs. Verhandlung in großen Kriegen ist ein natürliches Verhalten aufstrebender Mächte, nicht ein Zeichen des Zusammenbruchs.

 

Fünftens: Pakistan; zentrale strategische Variable

Erneut betonen wir die besondere Bedeutung Pakistans als eines sunnitisch-muslimischen Atomstaates, der Israel nicht anerkannte und begann eine entschlossenere Haltung und festere Positionen gegenüber der Aggression der USA und Israels einzunehmen. Dies ist von strategischer Bedeutung, denn der tatsächliche Eintritt Pakistans in diese Gleichung bedeutet die Ausweitung des islamischen Charakters dieser Auseinandersetzung, Stärkung der strategischen Tiefe dieser Achse und Verschiebung des Kräftegleichgewichts von regional auf global. Dies gilt insbesondere im Hinblick auf das Entstehen der eurasischen Achse (China, Russland, Iran, Pakistan) im Angesicht der sich im Niedergang befindlichen angelsächsischen Achse, die den Höhepunkt ihrer Aggression erreichte. Was geschieht ist nicht eine Veränderung der internationalen Ordnung, sondern Geburt einer völlig neuen Weltordnung in der das angelsächsische Modell zusammenbricht und ein multipolares Modell entsteht in dem die Landkarten von Macht und Einfluss sich verändern.

 

Die endgültige Gleichung lässt sich wie folgt zusammenfassen:

Der Krieg geht weiter ...

Verhandlung ist eines seiner Felder ...

Und das endgültige Ergebnis wird nur auf dem Schlachtfeld erzielt werden.

 

Sechstens: Vier künftige Szenarien

Dieser Waffenstillstand kann seinerseits zu Folgendem werden:

– vorübergehender Waffenstillstand der genutzt wird um Positionen zu verändern, Fähigkeiten wiederherzustellen und Ergebnisse der Auseinandersetzung zu bewerten. Das bedeutet, dass das Aussetzen des Krieges im Umfang des taktischen Bedarfs zu seiner Steuerung nicht einen Willen zur Beendigung des Krieges ausdrückt.

– Es könnte auch ein strategischer Trick im Spiel sein bei dem der Feind möglicherweise zu Verhandlungen als Deckmantel greift, um seine Kräfte erneut zu mobilisieren, Einsatzbereitschaft zu verbessern und Bedingungen für einen nachfolgenden, umfassenderen und wirkungsvolleren Angriff vorzubereiten.

– Wenn der Waffenstillstand kein dauerhaftes Gleichgewicht herstellen kann bewegt sich der natürliche Verlauf der Auseinandersetzung in Richtung einer „nächsten Eskalation“, jedoch nicht notwendigerweise mit denselben Mitteln. Vielmehr wird er Entwicklungen bei Mitteln und Taktiken umfassen – sei es hinsichtlich der Waffenarten, Ausweitung der Fronten oder Einführung neuer Akteure –, was den Übergang des Krieges auf eine höhere Komplexitätsstufe widerspiegelt.

– Das vierte Szenario ist ein langfristiges, entscheidendes Ergebnis, das nur dann erreichbar ist wenn die Voraussetzungen für einen Sieg auf dem Schlachtfeld klar gegeben sind und eine neue Realität schaffen, die das gesamte strategische Umfeld umgestaltet und einen Sieger und einen Besiegten im historischen, nicht nur im taktischen Sinn hervorbringt.

Daher sollten diese Szenarien nicht als alternative Optionen verstanden werden, sondern als ein zusammenhängendes Bündel, das mit einem Waffenstillstand beginnen, über Täuschung und Eskalation weitergehen und zu einem endgültigen Ergebnis führen kann. Dies stärkt die zentrale Idee, dass der Krieg nicht beendet wurde sondern in eine komplexere Phase eintrat in der Verhandlung zu einem seiner Felder wird, nicht zu seinem Ergebnis.

 

Schlussfolgerung:

Diesen Krieg kann man nur als Teil eines langen historischen Prozesses verstehen, der das globale Kräftegleichgewicht umgestaltet. Verhandlung, Waffenstillstand und Eskalation sind lediglich unterschiedliche Erscheinungsformen eines einzigen, andauernden Konflikts, dessen Mittel sich ändern ohne dass sich sein Wesen ändert. Der methodische Fehler liegt daher darin diese Phänomene als Anzeichen für ein Ende zu deuten, während sie in Wirklichkeit Indikatoren für den Übergang von einer Phase des Krieges in eine andere sind.

Das Grundprinzip dieser Sichtweise bleibt bestehen: Das Schlachtfeld diktiert die Lage und Verhandlung setzt sie anstatt einer Beilegung lediglich um. Daher ist jeder Versuch die Ergebnisse eines Konflikts losgelöst von der Realität des Schlachtfeldes zu verstehen unzureichend und sogar irreführend. Große Kriege werden nicht in einer einzigen Schlacht entschieden und auch nicht durch ein Abkommen gelöst. Vielmehr häufen sie sich in Phasen der Zermürbung, Positionsveränderung und Bündniswechsels an bis der Moment der entscheidenden Konfrontation eintritt.

In diesem Zusammenhang erhalten Waffenstillstände und vorläufige Verständigungen ihre eigentliche Bedeutung als Instrumente zur Steuerung strategischer Zeit, nicht als endgültige Lösungen. Darüber hinaus bleibt die Möglichkeit von Täuschung und Eskalation des Konflikts bestehen was die Akteure dazu zwingt Verhandlung als Teil des Feldes der Konfrontation zu betrachten nicht als Ersatz.

Der Konflikt ist seinem Wesen nach weiterhin allen Möglichkeiten ausgesetzt – von der Wiederherstellung des Kräftegleichgewichts bis hin zu einem völligen Ausbruch.

Auf einer tieferen Ebene geht das was geschieht über geopolitische Grenzen hinaus und spiegelt einen Wandel in der Struktur des internationalen Systems selbst wider. Aus dieser Sicht bewegt sich die Welt nicht auf einen Wiederaufbau im Rahmen der bestehenden Ordnung zu sondern auf Geburt einer „neuen Welt“ in der die Regeln der Macht, Entscheidungszentren und Muster der Hegemonie sich verändern.

Auf dieser Grundlage lässt sich die strategische Schlussfolgerung dieses Arguments in einer komplexen Gleichung zusammenfassen: Weder beendet ein vorübergehender Waffenstillstand den Krieg noch lösen Verhandlungen ihn. Vielmehr häuft sich das Schlachtfeld an und die Zeit reift bis das endgültige Ergebnis feststeht.

Daher wird die nächste Phase eher eine Phase der Prüfung von Willen und Fähigkeiten sein als eine Phase des Einvernehmens in der sich die Gleichgewichte im Zuge der anhaltenden Auseinandersetzungen neu zeichnen bis eine Seite ihre endgültige Gleichung durchsetzt und das letzte Kapitel dieses endlosen Krieges mit einem eindeutigen, unmissverständlichen Sieger und einem eindeutigen Besiegten geschrieben wird. Oder anders ausgedrückt: Dieser Krieg wird nicht enden solange nicht eine Seite die andere vollständig besiegte.

 

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Stichworte: Waffenstillstand ، Krieg ، Frieden
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