IQNA

Das Ramadan-Journal
22:53 - June 02, 2019
Nachrichten-ID: 3001299
Der Ramadan ist bald vorbei. Die meisten haben ihn in der Gemeinschaft verbracht. Nicht unsere Autorin Debora Mendelin. Die konvertierte Muslimin verbringt den Fastenmonat, sowie das Ramadanfest oft alleine. Das weist auf ein Problem hin, hat aber auch Vorteile.

Für die meisten Muslime gehört das gemeinsame Fastenbrechen mit der Familie zum Ramadan wie das Fasten selber. Die ganze Familie kommt zumeist im Elternhaus zum Iftar zusammen. Es gibt bestimmte Gerichte, die ausschließlich in diesem Monat gekocht werden, deren Geschmack man mit dem Fastenbrechen im Ramadan verbindet und die niemand so hinbekommt wie die eigene Mutter. Erwachsene Kinder kommen abends nach Hause zu den Eltern, obwohl sie schon längst ausgezogen sind. Geschwister, die sich selten sehen, weil sie in verschiedenen Städten leben, kommen am Wochenende bei ihren Eltern zu einem gemeinsamen Iftar wieder zusammen. Für manch einen macht genau diese familiäre Atmosphäre und die Tradition des gemeinsamen Fastenbrechens den Ramadan aus.

Nicht so für mich. Das alles kenne ich nicht. Es sind nur Bilder in meinem Kopf aus Erzählungen meiner Freunde und aus dem Fernsehen. Es sind nur Geschichten für mich, Vorstellungen, wie es wohl sein könnte. Ich bin zum Islam konvertiert. Habe keine große muslimische Familie. Zugegeben, ich bin schon ein bisschen neidisch dass andere große Familien haben, mit denen sie gemeinsam die Abende im Ramadan verbringen. Denn für mich bedeutet der Ramadan vor allem eins: viel allein zu sein, vor allem beim Essen. Normalerweise esse ich tagsüber gemeinsam mit anderen: ob das Mittagessen bei der Arbeit oder das Stück Kuchen am Nachmittag im Café. Klar, den einen oder anderen Iftar habe ich in Gesellschaft verbracht. Genau vier sind es in diesem Jahr.


Ramadan alleine verbringen

Eigentlich finde ich es aber auch ganz praktisch, mein Iftar alleine Zuhause zu verbringen, auch wenn ich manchmal etwas wehmütig beim Fastenbrechen bin. Die Nächte im Ramadan alleine zu verbringen hat nämlich viele Vorteile: Ich kann mein Iftar sehr einfach halten und werde nicht in die Versuchung gebracht, meinen Magen zu überfüllen, weil das Essen einfach zu lecker ist und ich mich nicht für ein Gericht entscheiden kann. Genau das Gegenteil von dem, was ich im Ramadan will. Zuhause kann ich mir mein Butterbrot aus Vollkornmehl schmieren. Ich esse viel Gemüse und wenn ich doch mal eine Suppe koche, dann dient diese nicht als Vorspeise, sondern reicht mir zur Sättigung völlig aus. All das leckere Essen überreizt den Magen und überfordert den Metabolismus beim Fasten am nächsten Tag. Das wirkt sich auf das Wohlbefinden während des Fastens am Tage aus. Der Unterschied macht sich bei mir nach einem Abend im Restaurant sofort bemerkbar. Kopfschmerzen, Magenprobleme und Müdigkeit sind keine notwendigen Übel des Fastens, sondern ein Resultat von falscher Ernährung. Tatsächlich ist es leichter, sich im Ramadan gesund zu ernähren, wenn man keine leckeren Speisen vorgesetzt bekommt. Jedenfalls geht es mir so.


Keine Einladungen zum Iftar bei Familien

Was ich allerdings nie verstanden habe ist, dass Muslime in Deutschland so exklusiv ihre Abende verbringen. Ich kenne es aus Malaysia, dass Menschen, die ohne Familie sind, eingeladen werden zum Fastenbrechen in die Familie. Die Definition von Familie ist dort viel weiter gefasst. Jeder gehört irgendwie dazu, niemand wird allein gelassen. Ein Gast ist ein Geschenk, ein Segen und eine Möglichkeit für mehr Sadaka. Ich habe von anderen gehört, dass auch in der Türkei beispielsweise – ich denke in vielen muslimisch geprägten Ländern – diese Tradition herrscht, dass Menschen, die alleine sind, eingeladen werden, beim Fastenbrechen dabei zu sein, egal wie arm der Gastgeber ist.

Die muslimische Exklusivität in Deutschland erinnert mich ein bisschen an die deutsche Weihnachtstradition, die ausschließlich den engen Familienkreis vorsieht. Ich verstehe das als eine Form der Integration. Die Muslime haben sich den deutschen Sitten meines Erachtens nach stark angepasst. Zumindest nach dem, was ich aus christlichen Familien in Deutschland kenne. Es fehlt aber auch einfach an dem Bewusstsein dafür, dass es Menschen gibt, die im Ramadan alleine sind und keine Familie haben, mit der sie das Fasten brechen können. Das gleiche gilt übrigens auch für das Ramadanfest. Muslime, die konvertiert sind oder aus anderen Gründen keine Familie in Deutschland haben, sind häufig auf sich allein gestellt, wenn sie die Feste feiern wollen. Ich würde mir wünschen, dass wir Muslime uns mehr als eine Familie verstehen und die Floskeln von “Bruder” und “Schwester” etwas ernster gemeint wären und wir alle zusammen die Feste feierten.


Es ist vorbei

Und bis dahin zähle ich die Tage des Fastens herunter. Ich habe mir aber fest vorgenommen, im nächsten Monat noch einige Tage nach zu fasten, damit ich es nicht das ganze Jahr vor mir her schiebe. Ich möchte meine freiwilligen Gebete beibehalten, die ich für den Ramadan eingeführt habe und hoffe, dass mein Glaube nach dem Ramadan wächst und nicht durch den Alltag ausgebremst wird. Gleichzeitig freue ich mich aber auch auf mehr Konsum. Endlich wieder einen Film zu sehen und dabei eine Tüte Chips zu futtern. Endlich wieder in der Sonne zu sitzen und dabei ein Eis zu essen oder mit Freundinnen zu picknicken. Ich freue mich auf Grillabende und ein ausgiebiges Frühstück. Vor allem aber freue ich mich auf meinen Becher Kaffee am morgen und auf ganz viel Schlaf!

Das war der letzte Text des Ramadan-Journals von Debora Mendelin. In insgesamt neun Texten hat sie uns ihren Ramadan näher gebracht. Die anderen Journal-Beiträge finden Sie als Links in den jeweiligen Texten.

 

http://www.islamiq.de/2019/06/02/gemeinschaft-im-ramadan-ist-ein-privileg/

Stichworte: IQNA ، Gemeinschaft ، Fastenbrechen ، Iftar ، Familie ، Ramadan
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