IQNA

0:09 - June 26, 2020
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Teheran (IQNA)- Imam Chamenei empfahl den Roman „Roots“ (Wurzeln) von Alex Haley aus dem Jahr 1976 als Leselektüre. Das Buch wird trotz seiner aktuellen Relevanz kaum wahrgenommen. Was macht dieses Buch so besonders und wo liegt der Bezug zu den neuesten Ereignissen?

Ein Beitrag von Jafar Bilal

 

Wie bin ich zum Buch gekommen?

Das Buch wird im deutschen Raum trotz der Relevanz des Themas recht selten behandelt. Ich bin erst darauf aufmerksam geworden, nachdem ich ein Video von Imam Chamenei gesehen hatte, in dem er den Roman lobt und empfiehlt. Zudem motivierte mich die Tatsache, dass Alex Haley als Co-Autor der Autobiographie von Malcolm X eine gute Beziehung mit diesem hatte. Den letzten Schritt tat ein guter Freund, der mir ebenfalls ans Herz legte, das Buch zu lesen.


Kurze Zusammenfassung

Der Roman beginnt mit der Geburt des Kindes Kunta Kinte im afrikanischen Gambia. Aus der Sicht des Jungen wird zunächst der Alltag im Dorf beschrieben und der Leser wird ausführlich in die Kultur des Mandinka-Stamms eingeführt. Außerdem durchlebt man mit Kunta seine Entwicklung von einem Schulkind bis zum selbstständigen Jugendlichen. Neben den alten Bräuchen, den Aufgaben der verschiedenen Menschen und wichtigen Werten wie Gastfreundschaft findet ein Thema ständig Erwähnung: Die Verschleppung von Menschen benachbarter Dörfer durch weiße Menschen. Auch Kunta wird eines Morgens von solchen Leuten gefangen und landet zunächst auf einem Schiff. Hier werden die Qualen des 17-Jährigen und der hunderten anderen versklavten Afrikaner detailliert geschildert, sodass ich sie beim Lesen beinahe verstörend real nachempfand.

In Nordamerika angekommen und als Versklavter an einen „Master“ verkauft, empfindet er höchstes Unverständnis und Verachtung für die anderen Sklaven, die beinahe zufrieden und selbstverständlich auf den Feldern arbeiten. Er riskiert durch mehrere Fluchtversuche sein Leben, verliert dabei jedoch seinen Fuß und landet bei einem neuen Plantagenbesitzer. Hier passt er sich über die Zeit den anderen Sklaven an, hält aber an seiner Kultur fest. So verzichtet Kunta bis zum Ende als gläubiger Muslim auf Schweinefleisch und Alkohol.

Er heiratet die dortige Köchin und bekommt eine Tochter namens Kizzy. Nachdem diese als schreibkundiges Mädchen einem anderen Sklaven bei einem Fluchtversuch hilft, wird sie als Bestrafung von ihren Eltern und Freunden getrennt und an einen Kampfhahnzüchter verkauft. Es findet ein Perspektivwechsel statt und nun wird aus Sicht von Kizzy erzählt. Als Ergebnis von Vergewaltigungen ihres Besitzers gebärt sie einen Sohn, der geschickt mit den Kampfhähnen umgehen kann und Hühner-George genannt wurde. Als Inhaber einer wichtigen Position und Begleiter seines Masters zu den Wettkämpfen baut er schnell eine gute Beziehung mit diesem auf. Finanzielle Schwierigkeiten zwingen den Hahnzüchter aber, seine Sklaven zu verkaufen. So muss die Familie, die inzwischen mit den Kindern Hühner-Georges vergrößert wurde, umsiedeln und harter Feldarbeit nachgehen. Sie sind gezwungen, dort zu verweilen, bis die Gesetzeslage und ihre finanzielle Situation es ihnen erlauben, selbstständig und frei zu leben. Als dies geschah, zogen die Nachfahren Kunta Kintes in ein ärmlich bevölkertes Dorf und bauten es gemeinsam auf. Mit jeder neuen Generation wechselt die Perspektive, bis man zu Alex Haley selbst gelangt und von der Entstehung dieses Romans erfährt.


Rezension

Das Buch ist in vieler Hinsicht anders als klassische Romane. So wird eine lange Geschichte auf recht wenigen Seiten wiedergegeben und es finden zahlreiche Perspektivwechsel statt. Dennoch ist es Haley gelungen, sehr genau auf die Empfindungen und Sichtweisen der einzelnen Personen einzugehen und somit eine Entwicklung zu skizzieren. Besonders herausragend ist seine hohe Kenntnis über die Kultur des Mandinka-Stamms, aber auch über die Vegetation und Sprache seines Heimatlandes.

Im letzten Kapitel erfährt der Leser, wodurch dies möglich wurde. Die Familiengeschichte wurde bis zu ihm in den gröbsten Zügen weitergegeben. Mit diesen wenigen Informationen und zwölf Jahren Recherche gelang es ihm, einen Roman zu schreiben, der zwar fiktive Inhalte wie Dialoge oder Namen von Nebencharakteren beinhaltet, im Ganzen jedoch eine auf Fakten beruhende Geschichte wiedergibt. Somit steht diese Erzählung nicht nur für die Herkunft Haleys, sondern bildet einen Teil der Identität von Millionen Schwarzen in Nordamerika. Besonders interessant ist es, sich den Unterschied zwischen der ersten und der letzten Generation anzugucken und zu erkennen, wie stufenweise Veränderungen zu einem Menschen mit anderer Religion, Weltsicht und Aussehen geführt hat.


Aktualität

Das Thema Rassismus ist besonders heute von großer Relevanz in den USA. Dieses Buch bietet für dieses Problem zwar keine Lösung, beschreibt aber die Ursachen dessen. Denn mit der Versklavung des afrikanischen Kontinents wurden nicht nur Millionen unterdrückt, sondern auch ihrer Heimat und Identität entzogen. Dieses Buch zeigt die Identität und Abstammung eines einzelnen Menschen und macht klar, dass ein jeder Nachkomme von versklavten Afrikanern in Nordamerika von einer so alten und reichen Kultur stammt. Eine solche gemeinsame Identität muss für Zusammenhalt und Einigkeit unter den Afroamerikanern sorgen, wodurch der Rassismus effektiver bekämpft werden kann.

Zudem ist es sehr wichtig, die Erinnerung an diese grausamen Verbrechen aufrechtzuerhalten, um zu vermeiden, dass Grausamkeiten relativiert und Sklavenhalter verehrt werden. Politiker, die zwar von Freiheit und Gleichheit reden, selbst aber Menschen versklaven und wie Objekte behandeln, verdienen keinen Respekt oder Würdigung. Ein Beispiel hierfür sind die sogenannten Gründerväter der USA, die eine Verfassung entwickelten, in der Gleichheit und Freiheit an erster Stelle standen, die auf ihren eigenen Felder aber schwarze Sklaven schuften ließen und ihre Sklavinnen vergewaltigten.

Egal ob Schwarzer oder nicht: Uns allen muss bewusst sein, dass die Afrikaner keineswegs aus einer unzivilisierten Gesellschaft stammen, sondern Strukturen entspringen, die in vieler Hinsicht den europäischen überlegen waren.

Dieses Werk bereichert auch unsere Sicht auf den aktuell wieder aufflammenden Konflikt, denn es erlaubt uns, das kollektive Bewusstsein der Afroamerikaner über die Verschleppung ihrer Vorfahren auf einer persönlichen Ebene wahrzunehmen.

 

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