
IQNA: Der jordanische Autor und Analyst Lamis Andoni schrieb in einem Artikel auf der Website Al-Arabi Al-Jadeed über den Waffenstillstandsplan des US-Präsidenten für Gaza: Wir werden wohl nie den 18. Absatz von US-Präsident Donald Trumps Plan erreichen, den Völkermordkrieg in Gaza zu beenden und den Weg für „Frieden“ zwischen Israel und Palästina zu ebnen oder gar Verhandlungen aufnehmen. Doch die Einbeziehung des sogenannten „interreligiösen Dialogs“ als eine der Säulen der „Eröffnung des Horizonts für das Volk Palästina zur Ausübung seines Selbstbestimmungsrechts“ ist keine bloße leere Rhetorik. Vielmehr zielt sie darauf ab die Wurzeln des Konflikts zu verändern und sich von den Folgen eines rassistischen Kolonialprojekts und Vertreibung einer Nation aus ihrer Heimat zu distanzieren, um stattdessen religiöse Unterschiede und Konflikte zu thematisieren – ein Stereotyp, das zu Hass und Feindseligkeit führt und nichts mit Ungerechtigkeit, Besatzung oder Völkermord zu tun hat.
Gemäß dem achtzehnten Punkt des „Zwanzig-Punkte-Plans“ wird Washington einen „interreligiösen Dialog“ einleiten um die Konfliktparteien – Juden und Muslime – zu verstehen und so Denkweisen und Narrative zu verändern sowie die Werte der „friedlichen Koexistenz“ in das verzerrte Konzept der „Akzeptanz des Anderen“ einzubringen. In diesem Plan und mit Blick auf die Israel-Palästina-Frage erfordert die Akzeptanz des anderen keine Änderung des zionistischen Projekts, sondern vielmehr muss Palästina seine Bereitschaft beweisen den Hass aufzugeben und das zu akzeptieren, was Israel ihnen auferlegt.
Selbst wenn die Verhandlungen dieses Stadium nicht erreichen, bestätigt die Aufnahme dieses Punktes in den Plan, dass die USA die Wurzeln des Konflikts beseitigen und Israel von jeglicher Verpflichtung gegenüber Rechten Palästinas sowie internationalem Recht und Normen befreien wollen. Denn die USA weigerten sich und weigern sich weiterhin Israel für seine Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen und die Rechte des Volkes Palästinas anzuerkennen. Anders ausgedrückt: Diese Sichtweise, unabhängig wer sie für Trump formulierte, erkennt das Recht des Volkes Palästinas auf Selbstbestimmung weder an noch führt dazu, sondern betrachtet dieses Recht vielmehr als Gunst und Geschenk Israels an das Volk Palästinas nachdem es sich wohlwollend verhielt.
Am wichtigsten ist jedoch, dass unsere Zustimmung zu einer von den USA initiierten „interreligiösen Dialog“ Israel vor jeglichen rechtlichen oder internationalen Sanktionen schützen würde, da die Palästinafrage dann zu einem religiösen Konflikt würde, der nicht auf Grundlage des Völkerrechts und Resolutionen des Sicherheitsrates, sondern durch interreligiösen Dialog gelöst würde.
Der Versuch das Volk Palästina zu unterdrücken erforderte einen verheerenden zweijährigen Krieg. Als dieser Versuch scheiterte wandte sich der US-Kriegstreiber dem Förderer des „interreligiösen Dialogs“ zu, um die Kapitulation des Volkes Palästinas zu erzwingen. In diesem Fall bedarf es weder des Internationalen Gerichtshofs noch des Internationalen Strafgerichtshofs und ihrer Urteile, denn es gibt den „interreligiösen Dialog“, der Seelen reinigt und Sünden tilgt.
Der Ruf nach :interreligiösem Dialog“ als Voraussetzung für den angestrebten Frieden in Amerika ist nicht neu. Solche Scheindialoge, organisiert von zionistischen und arabischen Gruppen, die bereit und in der Lage waren, teilzunehmen, begannen bereits zuvor, verbreiteten sich aber nicht und blieben weitgehend auf die USA beschränkt. Auf die Friedensverträge zwischen Israel und Ägypten und später Jordanien sowie die Oslo-Abkommen folgten Treffen, Seminare und Konferenzen, die eine kleine Anzahl von Arabern, darunter auch Palästinenser, anzogen. Die Abraham-Abkommen, die 2020 zwischen Israel, den Vereinigten Arabischen Emiraten und einer Reihe arabischer Länder unterzeichnet wurden, veränderten jedoch das Konzept des Dialogs und des „Friedens unter den Kindern Abrahams“ grundlegend. Israel und die USA institutionalisierten in Zusammenarbeit mit den Vereinigten Arabischen Emiraten dieses Konzept und setzten es um sowie gingen von einer politischen Normalisierung zu einer „mentalen Normalisierung“ über.
Doch die Frage endet nicht mit der Anerkennung Israels! Sie erstreckt sich auf „Israels historisches und heiliges Recht auf das Land Palästina“ oder jedes andere arabische Land. Ziel ist nicht bloß ein Dialog, sondern Institutionalisierung des Konzepts der „abrahamitischen Religionen“. Dies ist Teil einer Politik und öffentlichen Erklärung, die vielleicht am besten von David Friedman, ehemaliger US-Botschafter in Israel, formuliert wurde, der zur Einheit der Anhänger der drei abrahamitischen Religionen aufrief.
Er sprach nicht von der Einheit von Ritualen und Feiertagen, sondern rief Anhänger anderer Religionen, selbst Juden, die die Existenz Israels ablehnen, dazu auf das zionistische Regime bzw. den Staat, dessen Expansion und Vorherrschaft als religiöse Pflicht anzuerkennen. Anhänger des Judentums, Christentums und Islams müssten dies respektieren und sogar verteidigen. Er meinte die Annexion des Westjordanlandes und Jerusalems durch Israel sei heilige Pflicht, da er am 29. April 2024 erklärte, dass jeder Friedensplan auf Anerkennung von „Judäa und Samaria“ (Westjordanland) als Teil des Landes Israel beruhen müsse.
Dies bedeutet nicht, dass Trumps Aufruf zum „interreligiösen Dialog“ die Annexion des Westjordanlandes legitimieren soll. Die Einleitung eines solchen Dialogs vor jeglichen Maßnahmen oder Vereinbarungen, die es dem Volk Palästinas ermöglichen sollen sein Selbstbestimmungsrecht auszuüben, ebnet jedoch den Weg für Aushöhlung sämtlicher Menschenrechtsstandards und stärkt die Stimme derjenigen, die die Lüge des „abrahamitischen Glaubens“ verbreiten. Der ehemalige US-Botschafter Friedman steht Trump weiterhin nahe und ist enger Verbündeter seines christlich-zionistischen Nachfolgers Mike Huckabee (derzeitiger US-Botschafter in Israel).
Wir können nicht hinnehmen, dass die Tür für einen trügerischen Plan namens „interreligiöser Dialog“ geöffnet wird, der von der US-Regierung verfolgt wird in deren Führungsriege extremistische Zionisten vertreten sind. Dieser Plan gibt vor das Selbstbestimmungsrecht des Volkes Palästinas anzustreben. Er ist nur eine von mehreren Fallen, in die die Hamas unter dem Druck arabischer und internationaler Mächte tappen soll, um das Massaker im Gazastreifen zu beenden. Wir müssen wachsam und besonnen handeln. Der Fokus muss weiterhin auf nationalen und historischen Rechten des Volkes Palästinas liegen und dürfen nicht in die Falle tappen die Würdigkeit des Volkes Palästinas zum Aufbau eines eigenen Staates beweisen zu müssen.
Wenn sich Zionismus und christlicher Zionismus in einem US-israelischen Bündnis vereinen nimmt Rassismus sehr hässliche Ausmaße an. Dieses Bündnis ist kein rein politisches, sondern ein kapitalistisches das vom zionistischen Projekt profitiert. Es bedarf eines eigenen, ausführlichen Artikels, doch sei angemerkt, dass der US-Plan nicht von Trump selbst, sondern von strategisch denkenden entworfen wurde. Die Abfolge der Punkte und Schritte in diesem Plan ist bewusst gewählt und beschränkt sich nicht auf den Beginn des „interreligiösen Dialogs“. Die Hierarchie, die zum Selbstbestimmungsrecht Palästinas führt beginnt mit Schritten, die eher Vorbedingungen gleichen, was nicht verwunderlich ist. Die Trump-Regierung war gezwungen die Illusion der Gründung eines Staates Palästina zu akzeptieren, weil sie den Krieg beenden wollte.
Der Begriff „interreligiöser Dialog“ in diesem Plan sollte von Palästina nicht akzeptiert werden und der vorgeschlagene Prozess darf nicht als Förderung humanitärer Prinzipien verstanden werden. Der Plan birgt viele Fallstricke und dies ist einer davon. Ohne eine geeinte Führung Palästinas und ohne uns von defätistischem und unterwürfigem Denken zu distanzieren werden wir dieser Falle jedoch nicht entkommen können.
Das Volk Palästinas zahlte einen hohen Preis und unterwarf sich nicht dem Willen Israels und die Zerstörung der Sache Palästina durch Verhandlungsfehler oder Trump'sche Irrlehren unter dem Deckmantel des "interreligiösen Dialogs" ist inakzeptabel.
Übersetzt ins Persische von Mitra Farhadi
Übertragen vom Persischen ins Deutsche von Stephan Schäfer
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