
Zunächst einmal: Wer meine Schriften las weiß, dass ich in dem was ich behandle sehr präzise war, selbst in den seltsamsten Artikeln und Analysen, die für den Verstand unannehmbar schienen. Aus diesem Grund formuliere ich einen klaren Rat, speziell an die Schiiten und im Allgemeinen an die Libanesen.
Die Schiiten haben wie alle anderen Gruppen, wenn sie einer existenziellen Prüfung gegenüberstehen eine Phase erreicht in der ein Kollektiv das Gefühl hat, dass die Gefahr über die Politik hinausgeht und an den Kern ihrer Existenz rührt. Dieses Gefühl, egal ob wir seiner Beschreibung zustimmen oder nicht, ist ein reales Gefühl unter den Schiiten von heute und wurde zuvor bereits von den Christen der Region empfunden. Aber es bedeutet keine Schwäche und prophezeit auch keine unausweichliche Niederlage. Wenn religiöse Gruppen zu Gruppen werden, die sich um ihr eigenes Schicksal sorgen, können sie in Verwirrung geraten; doch diese Verwirrung kann sich auch auf einer tieferen Ebene offenbaren.
Dennoch ist die wichtigste Frage nicht: Was geschieht heute? Sondern: Wo werden die Schiiten morgen stehen, im Libanon, im Nahen Osten und in der sich wandelnden internationalen Gleichung?
In Momenten wie diesen ist die erste Tugend Selbstbeherrschung und das Bewahren absoluten Schweigens bis das Blut von den Lippen rinnt. Das Schweigen hier geschieht nicht aus Furcht, sondern ist gleichbedeutend mit Weisheit. Ein unkontrolliertes Wort kann mehr Schaden anrichten als eine Rakete.
Die Schiiten sollten sich nicht von den Medien beeinflussen lassen, egal ob diese anfeuern, aufhetzen oder übertreiben. Worte schaffen in internationalen Kriegen nicht die Fakten! Sie verstärken nur deren Konsequenzen. Fakten werden durch starke Maßstäbe, Fähigkeit zur Geduld und Notwendigkeiten des Überlebens geformt.
Der Kern der Sache ist dieser: Die Schiiten im Libanon sind keine Existenz außerhalb des Staates, sondern Säule seiner Souveränität und Unabhängigkeit. Der Staat – unabhängig von den Meinungsverschiedenheiten die Einzelne mit ihm oder seinen Handlungen haben mögen – ist der einzige Rahmen der in der Lage ist alle zu schützen. In der Politikwissenschaft werden Kriege nicht allein nach Logik der Ideologie geführt, sondern auch nach Logik der Schadensminimierung und Eindämmung von Konflikten. Einen sicheren Hafen in einem instabilen Nahen Osten zu bewahren ist ein Erfolg und kein Rückzug. Wenn der Staat eine Haltung einnimmt die darauf abzielt einen umfassenden Krieg zu verhindern, dann hat er seine Hauptverantwortung erfüllt und weder seine Ideale noch das Volk verraten.
Staaten können keine absolute Belagerung oder endlosen Krieg ohne sichtbares Ende ertragen. Sie müssen die grundlegendsten Lebensnotwendigkeiten bereitstellen, von Brot über Medikamente bis hin zu Treibstoff. In großen Kriegen wird politische Flexibilität zu einer existenziellen Notwendigkeit. Es braucht nicht immer eine harte Haltung oder entscheidenden Sieg. Manchmal reicht es für eine Gemeinschaft aus ein Erdbeben mit minimalen Verlusten zu überstehen.
Die Schiiten im Libanon haben ihre Abgeordneten, Minister, Parlamentsmitglieder und Institutionen. Sie verfügen über die rechtlichen Instrumente um die Krise innerhalb nationaler Rahmenbedingungen zu managen. Die Frage ist größer als jede Partei oder Konfession. Es geht um einen Nahen Osten, der wenn nicht alle Ruhe bewahren im Begriff ist auseinanderzubrechen.
Auf der Ebene der Schiiten zeigt die Geschichte: Wenn Konfessionen vor großen Entscheidungen stehen und wenn ein Konflikt seinen Höhepunkt erreicht beschränken sich ihre Optionen auf einen schmerzhaften Kompromiss oder umfassende Konfrontation. In solchen Momenten verwandeln sich Gesichter von Oberhäuptern zu Symbolen und ihre Präsenz geht über die Politik hinaus und tritt in den Bereich des Gewissens ein. Einige Oberhäupter wählen das Martyrium selbst wenn sie hätten weiterleben wollen, überleben könnten, doch sie gehen diesen Weg um den Fortbestand ihrer Anhänger zu sichern und überlassen ihnen die Wahl, damit ihr Tod bedeutungsvoll und zu einem bleibenden Erbe wird.
Die Welt tritt in eine Phase ein, die man als Phase der harten Klarheit bezeichnen könnte. Zerbrechliche Gleichgewichte brechen zusammen und Fronten werden deutlicher. Dennoch bleibt eines in dieser Region konstant: Kein einzelner Teil kann eliminiert werden. Die Schiiten sind wie andere auch für die Gleichung der Region unverzichtbar. Jedes Projekt das auf Eliminierung basiert ist temporär, denn die Geschichte gründet nicht auf Leugnung eines Teils ihrer selbst.
Der letzte und dringendste Rat: Rebelliert niemals gegen den Staat, egal wie bitter die Umstände sind. Haltet an ihm fest, denn er ist der einzige Rahmen der in Zeiten des Sturms alle schützt. Nationale Oberhäupter stehen manchmal vor bitteren Entscheidungen, aber Politik ist die Kunst das Mögliche mit dem Unmöglichen auszubalancieren. In der Geschichte wurden Widerstandsbewegungen nie global akzeptiert und Gemeinschaften die harte Erfahrungen durchlitten – einschließlich der Maroniten vor Jahrzehnten – fanden ihre Rettung nur durch ruhiges Handeln und wiederholte Bemühungen.
Dieser Krieg, egal wie intensiv er ist, ist nicht das Ende der Geschichte. Er könnte der Beginn einer tiefgreifenden Transformation sein. Doch Transformation wird nicht durch Slogans gemanagt, sondern durch Verstehen der Welt wie sie ist, nicht wie wir sie uns wünschen. Diejenigen, die sich nicht bewusst und wissend an den Wandel anpassen können werden sich einer wirklichen existenziellen Krise gegenübersehen.
Der Libanon kann sich diesen großen Veränderungen nicht widersetzen, aber egal wie finster die Zukunft erscheinen mag, sie wird mit ruhigem Verstand und Logik gebaut, nicht mit Zorn.
In dieser unruhigen Zeit lasst uns alle an der nationalen Einheit festhalten, denn trotz ihrer Zersplitterung durch den enormen militärischen und politischen Druck auf die Region bleibt diese Einheit unser letztes Überbleibsel einer gemeinsamen Identität.
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