Sobald die Beziehung zwischen Islam und Politik diskutiert wird, werden Begriffe wie „politischer Islam“, „Politisierung der Religion“ und „Aufwiegelung“ sofort aufgeworfen, als ob die Verbindung zwischen Religion und öffentlichen Angelegenheiten ein außergewöhnliches und ausschließlich dem Islam eigenes Phänomen wäre. Ein einfacher Blick auf die Geschichte der Nationen und Zivilisationen zeigt jedoch, dass Religionen und zentrale Glaubensüberzeugungen niemals vom Bereich der Politik getrennt waren. Vielmehr wirkten sie in unterschiedlichem Maß an der Gestaltung von Staat, Gesellschaft, Gesetz und öffentlicher Identität mit. Das Christentum hatte im Westen eine bemerkenswerte politische Präsenz und das Judentum spielt weiterhin eine aktive Rolle bei der Beeinflussung der Politik innerhalb und außerhalb des zionistischen Regimes. Ebenso übten zivilisatorische Philosophien wie der Konfuzianismus einen tiefgreifenden Einfluss auf Regierungs- und Verwaltungssysteme in Ostasien aus. Dennoch wird oft allein der Islam immer dann zum Gegenstand genauer Prüfung, wenn seine Sicht auf öffentliche Angelegenheiten oder seine Rolle im politischen Raum diskutiert wird.

Dies wirft zahlreiche intellektuelle Fragen auf, die eine Diskussion verdienen: Ist der Islam seinem Wesen nach für die Trennung von Religion und Politik oder für deren Zusammenspiel? Was sind die Grenzen der Rolle der Religion in öffentlichen Angelegenheiten? Warum wird die Debatte über politischen Islam empfindlicher behandelt als die Präsenz anderer Religionen in der Politik? Liegt dies an der Natur des Islam selbst oder an modernen vom Westen geförderten intellektuellen und medialen Narrativen, die bei der Prägung eines stereotypen Bildes davon im zeitgenössischen Bewusstsein eine Rolle spielten? Die Behandlung dieser Fragen ist nicht als ideologische Verteidigung oder vorwegnehmende Verurteilung gedacht, sondern Versuch das Wesen der Beziehung zwischen Religion und Politik in der islamischen Sichtweise zu verstehen und viele Annahmen zu überdenken, die diese Debatte heute beherrschen.
Diese Fragen betreffen nicht nur eine vorübergehende politische Meinungsverschiedenheit, sondern hängen mit unserem Verständnis der Religion selbst und ihrer Rolle beim Aufbau von Gesellschaft, Staat und Individuum zusammen. Daher erfordert ihre Behandlung einen ruhigen intellektuellen Ansatz, der über Parolen und Emotionen hinausgeht und sich auf das Verständnis der erkenntnistheoretischen und kulturellen Wurzeln konzentriert, die diese Debatte hervorbrachte.
Wenn wir in der islamischen Sichtweise von Religion sprechen, meinen wir nicht eine Reihe von Ritualen die auf die Moschee beschränkt sind oder eine rein individuelle Beziehung zwischen dem Menschen und seinem Herrn. Vielmehr meinen wir ein umfassendes System, das die Beziehung des Menschen zu Gott, seine Beziehung zu sich selbst, seine Beziehung zur Gesellschaft und seine Beziehung zu Macht, Reichtum, Gerechtigkeit und Gesetz regelt.
Der Heilige Koran beschränkt sich nicht auf Gebet, Fasten und gottesdienstliche Handlungen. Er behandelt auch Themen wie Herrschaft, Gerechtigkeit, Beratung, soziale Verwaltung, Rechte und Pflichten, internationale Beziehungen, Frieden und Krieg. Dies zeigt, dass der Islam nicht beabsichtigte eine von öffentlichem Leben getrennte Religion zu sein, sondern ein ethischer, spiritueller und rechtlicher Rahmen zu sein, der bei der Ordnung verschiedener Aspekte menschlicher Angelegenheiten hilft.
Daher scheint die Frage, ob man Religion und Politik im Islam voneinander trennen kann oder nicht einer Neubetrachtung zu bedürfen. Politik ist im Kern Verwaltung sozialer Angelegenheiten, die Verwirklichung des Gemeinwohls und die Herstellung von Gerechtigkeit – Angelegenheiten, die der Islam niemals außer Acht ließ; daher gibt es keine Grundlage für den Versuch den Islam von diesen Angelegenheiten zu trennen.
Es ist ein verbreitetes Missverständnis die Präsenz der Religion in der Politik als Versuch zu verstehen, die Kontrolle über den politischen Bereich zu übernehmen oder ihn in eine geschlossene, theokratische Macht zu verwandeln. Diese Wahrnehmung entspricht eher einigen historischen Erfahrungen im mittelalterlichen Europa, als dass sie der islamischen Erfahrung nahe kommt.
Der Islam hatte weder eine kirchliche Institution, die das Recht auf das Sprechen im Namen Gottes monopolisiert hätte, noch verlieh er religiösen Persönlichkeiten absolute Macht über die Gesellschaft. Vielmehr setzte er Wissen, Eignung und Gottesfurcht als Kriterien der Unterscheidung und knüpft die Legitimität der Macht an Gerechtigkeit und die Verwirklichung der Interessen der Menschen.
Daher ist die Beziehung zwischen Religion und Politik in der islamischen Sichtweise weder eine der Verschmelzung in der das eine das andere negiert, noch eine der Trennung und vollständigen Bruchs. Vielmehr ist diese Beziehung eine auf Ergänzung beruhende Beziehung. Die Religion bietet Werte, Prinzipien und ethische Leitlinien, während die Politik das praktische Feld für die Umsetzung dieser Werte in Wirklichkeit entsprechend den Anforderungen von Zeit und Ort ist.
Politik ohne Werte kann zu einem Kampf um Einfluss und Interessen werden und Religion verliert, wenn sie vollständig vom öffentlichen Bereich getrennt wird ihre Fähigkeit auf die Herstellung sozialer Gerechtigkeit und Wahrung der menschlichen Würde einzuwirken. Daher wird die Idee der Ergänzung zwischen diesen beiden Dimensionen statt eines Widerspruchs zwischen ihnen aufgeworfen.
Interessanterweise wird der Begriff „politischer Islam“ oft eher als Anklage denn als wissenschaftliche Beschreibung verwendet. Viele Menschen sind diesem Begriff gegenüber vorsichtig, noch bevor sie überhaupt über seine Bedeutung diskutieren als wäre schon die bloße Verbindung zwischen Islam und Politik von Natur aus verdächtig.
Wenn wir jedoch auf die Lage der Welt blicken stellen wir fest, dass verschiedene Religionen in unterschiedlichem Maß politische Präsenz haben. Christliche Kirchen beeinflussen politische Entscheidungen in vielen westlichen Ländern und beteiligen sich an öffentlichen Debatten über Gesetze und soziale Werte. Ebenso spielen jüdische religiöse Bewegungen einflussreiche Rollen im politischen Leben sowohl innerhalb als auch außerhalb des zionistischen Regimes. Sogar nicht-religiöse Philosophien im traditionellen Sinn wie der Konfuzianismus in Ostasien hinterließen ihre Spuren in Regierungssystemen, in der Verwaltung von Angelegenheiten und politischen Kultur.
Dennoch sehen wir bei diesen Modellen kein ähnliches Maß an Einwänden. Dies wirft eine legitime Frage auf: Warum wird die Präsenz des Islam in der Politik zu einer Quelle des Misstrauens und Beschuldigung, während die Präsenz anderer Religionen als normal oder akzeptabel betrachtet wird?
Dieses Phänomen kann nicht vom historischen und politischen Kontext getrennt verstanden werden in dem sich das Bild des politischen Islam im globalen Bewusstsein formte.
Nach dem Aufkommen islamistischer Bewegungen im 20. Jahrhundert und besonders nach einigen bedeutenden politischen und sicherheitspolitischen Ereignissen entstand im Westen ein verbreitetes Narrativ das den politischen Islam mit Gewalt, Extremismus oder Bedrohung der Weltordnung verband. Im Lauf der Zeit wandelte sich dieses Narrativ von einem politischen Diskurs zu einem medialen, kulturellen und akademischen Diskurs und beeinflusste die Bildung der öffentlichen Meinung.
Ironischerweise war der Einfluss dieses Narrativs nicht auf westliche Gesellschaften beschränkt; vielmehr dehnte er sich auch auf viele muslimische Gesellschaften aus, sodass einige Muslime inzwischen jede Diskussion über die politische Rolle des Islam als automatisches Tor zu Extremismus, Konflikt oder Rückständigkeit sehen.
Das bedeutet nicht, dass alle Erfahrungen, die den Anspruch islamisch zu sein erhoben erfolgreich oder fehlerfrei waren. Alle menschlichen Bemühungen sind Kritik und Bewertung ausgesetzt. Fehler in einigen Anwendungen rechtfertigen jedoch nicht die Verurteilung der Idee selbst. Andernfalls müsste die Demokratie wegen einiger misslungener Versuche oder der Nationalismus wegen der Kriege, die in seinem Namen geführt werden, verworfen werden.
Eines der häufigsten in diesem Zusammenhang aufgeworfenen Themen ist, dass die Behandlung von Fragen des Islam und Politik zu sozialem Streit und gesellschaftlicher Spaltung führt. Dieses Argument erscheint auf den ersten Blick logisch, bedarf jedoch einer genaueren Prüfung.
Spaltung entsteht nicht aus verantwortungsvollem intellektuellem Dialog, sondern aus Fanatismus, Ausgrenzung und Nichtakzeptanz anderer. Die wissenschaftliche Diskussion über die Beziehung zwischen Religion und öffentlichen Angelegenheiten ist ein natürlicher Teil jedes gesunden intellektuellen Diskurses.
Tatsächlich beseitigt die Unterdrückung von Debatten das Problem nicht; sie verschiebt es lediglich. Gesellschaften, die sich vor der Diskussion grundlegender Fragen fürchten, bleiben in der Falle latenter Spannungen gefangen, während dynamische Gesellschaften den Mut haben Fragen zu stellen und sie vernünftig und respektvoll zu diskutieren.
Die Umwandlung des politischen Islam in eine intellektuelle Tabuzone hilft weder dem Wissen noch der Stabilität. Stattdessen erzeugt sie eine irreführende Übervereinfachung, die ein komplexes Thema auf eine Reihe vorgefertigter Konzepte reduziert.
Die eigentliche Herausforderung liegt nicht in der Wahl absoluter Trennung oder absoluter Verschmelzung, sondern in Schaffung eines ausgewogenen Verständnisses der Beziehung zwischen Religion und Politik. Der Islam unterstützt nicht die Politisierung der Religion in einer Weise, die heilige Werte in Werkzeuge des Konflikts verwandelt und akzeptiert ebenso wenig die Trennung der Religion vom öffentlichen Bereich als rein private und individuelle Angelegenheit.
Erforderlich ist die Rückbesinnung auf die grundlegenden islamischen Werte wie Gerechtigkeit, Menschenwürde, Freiheit, Verantwortung, Beratung und Widerstand gegen Unterdrückung und ihre Einbringung in den politischen Bereich ohne die Politik zu einem Feld der Monopolisierung der Wahrheit oder Unterdrückung von Gegnern zu machen.
In diesem Rahmen werden Diskussionen über Islam und Politik zu Diskussionen über Werte, Prinzipien und die zivilisatorische Vision und nicht über engstirnige parteipolitische Konflikte oder ideologische Streitigkeiten.
Letztlich wird die Frage der Beziehung zwischen Religion und Politik so lange bestehen wie die Menschheit nach Sinn, Gerechtigkeit und Ordnung sucht. Ihre Behandlung erfordert jedoch Befreiung von Klischees und vorgefertigten Vorstellungen, die sich aufgrund historischer Konflikte und medialer Narrative verfestigten.
Der Islam präsentiert sich in seinem erkenntnistheoretischen und rechtlichen Rahmen nicht als eine vom Leben getrennte Religion, sondern als ethisches und zivilisatorisches Projekt das darauf abzielt seine verschiedenen Bereiche, einschließlich des politischen Bereichs zu leiten. Daher scheint die Beziehung zwischen Religion und Politik in der islamischen Sichtweise eine Beziehung der Ergänzung und nicht des Widerspruchs zu sein; eine Beziehung der Wechselwirkung und nicht der Trennung.
Die eigentliche Meinungsverschiedenheit sollte nicht über das Recht des Islam auf eine politische und ethische Vision für das öffentliche Leben bestehen, sondern über die besten Wege diese Vision in eine Gerechtigkeit verwirklichende Wirklichkeit umzusetzen, die Menschenwürde bewahrt und die Einheit der Gesellschaft gewährleistet. Dies ist eine Debatte die es verdient fern von Einschüchterung, Parolen und emotionaler Erregung eröffnet zu werden.
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