
Im Zuge der Eskalation der Spannungen zwischen der Islamischen Republik Iran und der USA vergrößerte die USA in den letzten Tagen durch Angriffe auf einige Infrastrukturen und Zentren im Süden Irans erneut den Umfang der militärischen Konfrontation in der Region. Diese Maßnahmen, die von Irans Reaktion und Sorge vor einer Ausbreitung der Unsicherheit in Westasien begleitet wurden, warfen erneut Fragen über die strategischen Ziele Washingtons, Folgen dieser Angriffe und Aussichten auf zukünftige Entwicklungen auf.
In diesem Zusammenhang untersuchte der Leiter der Abteilung für Westasien und Nordafrika des Internationalen Instituts Ebrar-e Moaser und Experte für Westasien-Fragen Hossein Ajorlou im Interview mit IQNA die Dimensionen und Ziele der Wiederaufnahme der US-Angriffe auf den Süden Irans, die sicherheitspolitischen und politischen Folgen dieser Maßnahmen sowie die Optionen die der Islamischen Republik Iran zur Bewältigung dieser Entwicklungen zur Verfügung stehen. Das ausführliche Interview lesen wir im Folgenden:
Um die aktuelle Situation zu analysieren müssen wir zunächst bestimmen mit welcher Art von Konfrontation wir es zu tun haben. In diesem Bereich gibt es zwei Analysen. Die erste ist, dass das was wir heute sehen Teil eines größeren Krieges mit Zielen wie Verhaltens- oder Systemänderung, Eindämmung des Atomprogramms, Kontrolle der Islamischen Republik Iran oder sogar das Zwingen Irans zur Kapitulation ist. In dieser Sichtweise werden die jüngsten Konflikte als Auftakt oder Teil einer breiteren Konfrontation betrachtet.
Die zweite ist, dass diese Konflikte nicht dazu dienen einen umfassenden Krieg zu erreichen sondern eine Einigung. Mit anderen Worten: Die Parteien erhöhen den Druck und setzen ihre Machtinstrumente ein, um bei zukünftigen möglichen Verhandlungen die Oberhand zu haben. In diesem Rahmen wird der Krieg zu einem Instrument für Diplomatie und Erhöhung der Verhandlungsmacht.
Jede dieser beiden Analysen hat unterschiedliche Konsequenzen. Wenn wir davon ausgehen, dass die aktuellen Bedingungen der Auftakt zu einem großen Krieg sind, kann man nicht mit Sicherheit und absolut sagen, dass dieser Prozess zwangsläufig zu einem umfassenden Krieg führen wird, da man in der Literatur der internationalen Beziehungen nicht absolut über solche Entwicklungen sprechen kann. Wenn jedoch das Ziel der Parteien die Verwirklichung politischer Ziele durch militärische Mittel ist, sehen wir jetzt einen Versuch das Machtgleichgewicht der Gegenseite zu verschieben.
Es scheint, dass die USA durch diese Angriffe versuchen die Instrumente Irans abzuschwächen; Instrumente wie die Straße von Hormus und Fähigkeiten der Islamischen Republik Iran insbesondere die militärischen und raketechnischen Kapazitäten des Landes im Falle einer Konfrontation oder möglichen Einigung zu schwächen, damit sie sowohl im Falle einer breiteren Konfrontation als auch im Falle einer Rückkehr zu Verhandlungen mit der Oberhand in das Feld ziehen können. Natürlich reagierte Iran auch auf diese Maßnahmen und versetzte der USA bemerkenswerte und schmerzhafte Antworten; Antworten, die die Kalkulationen Washingtons sowohl auf dem Weg zur Eskalation des Konflikts als auch auf dem Weg zur Einigung verändern könnten.
Tatsächlich kann das Ziel der USA bei diesen Angriffen sowohl Erzeugung von Druck zur Erreichung politischer und diplomatischer Ziele als auch Vorbereitung auf andere Szenarien sein, aber aus Sicht der Islamischen Republik Iran ist das Hauptproblem die Schaffung und Stärkung der Abschreckung. Iran war kein Angreiferstaat und versucht auch jetzt sich auf seine Feld- und Verteidigungsfähigkeiten zu stützen um die Kosten jeder militärischen Maßnahme gegen das Land zu erhöhen.
Auf dieser Grundlage wird aus Sicht der Islamischen Republik Abschreckung nicht allein durch ein Abkommen erreicht, sondern Feld- und Militärkapazitäten spielen eine entscheidende Rolle bei Verhinderung wiederholter Angriffe und Stärkung der Position Irans in jedem möglichen diplomatischen Prozess. Aus diesem Grund ist Erhaltung und Stärkung dieser Kapazitäten Teil der Strategie Irans zur Erhöhung der Abschreckungskraft gegen externe Bedrohungen.
Die Änderung der Geografie der Angriffe und Fokus auf den Süden Irans kann aus mehreren Perspektiven analysiert werden; eines der Ziele dieser Strategie ist Verringerung der Wirksamkeit der strategischen Instrumente der Islamischen Republik Iran, einschließlich der Kapazitäten im Zusammenhang mit der Straße von Hormus und Machtkomponenten Irans in dieser Region.
Der zweite Grund bezieht sich auf Kampffähigkeit Irans und andererseits auf die militärische Aufstellung der USA in der Region. Der Großteil der operativen Stützpunkte der USA befindet sich in den südlichen Ländern des Persischen Golfs; daher ist es natürlich, dass Planung von Operationen und Angriffen dieses Landes sich stärker auf die südlichen Regionen Irans konzentriert, da diese Regionen in der nächsten Entfernung zu den operativen Stützpunkten der USA liegen.
Ein weiterer Faktor ist die wirtschaftliche Bedeutung des Südens des Landes. Die USA wissen sehr gut, dass ein wichtiger Teil der Lieferkette für Grundgüter, Importe, Exporte sowie kritische wirtschaftliche Infrastrukturen Irans über die südlichen Häfen abgewickelt wird. Daher zielt das Anvisieren von Infrastrukturen wie Häfen, Brücken und Verbindungsrouten neben militärischen Überlegungen darauf ab den wirtschaftlichen Druck zu erhöhen und eine Art Blockade innerhalb des iranischen Territoriums zu schaffen, damit die wirtschaftlichen Kosten für das Land steigen.
Andererseits sind die geografischen Merkmale der südlichen Regionen bei dieser Wahl nicht ohne Einfluss, da diese Regionen im Vergleich zu anderen Regionen weniger besiedelt sind. Die nördlichen, westlichen und östlichen Regionen Irans sind aufgrund der Bevölkerungsdichte, natürlicher Hindernisse und geografischer Bedingungen komplexer für militärische Operationen, aber in einigen südlichen Gebieten erleichtern die natürlichen Bedingungen der Gegenseite die Planung und Durchführung von Operationen. Die Kombination dieser Faktoren führte dazu, dass die USA in der neuen Runde der Angriffe und für ihren militärischen Vorstoß einen stärkeren Fokus auf den Süden Irans legen.
Die Islamische Republik Iran versuchte als Antwort auf die US-Angriffe zu zeigen, dass sie über die Fähigkeit zu einer effektiven und gezielten Reaktion verfügt. Das Hauptziel dieser Operationen war Erhöhung der Abschreckung und Senden der Botschaft, dass keine militärische Maßnahme gegen Iran ohne Kosten bleiben wird.
Obwohl die USA über ein breites Netzwerk von Militärstützpunkten, Nachrichtendiensten und fortschrittlicher Ausrüstung in der Region verfügen, konnte Iran Teile seiner Kapazitäten auf der operativen Ebene demonstrieren. Dies zeigte, dass die Fähigkeiten der Islamischen Republik Iran erhalten blieben und die Fähigkeit besitzen die regionalen Gleichungen zu beeinflussen. Die Islamische Republik Iran leistete angesichts ihrer Fähigkeiten eine entschlossene Verteidigung im 40-tägigen Krieg und auch im Laufe der jüngsten Entwicklungen werden Irans Fähigkeiten der Welt vor Augen geführt. Vielleicht mag diese Fähigkeit Irans nicht die Einstellung ändern, aber kann zeigen dass Iran Instrumente besitzt die die böswilligen Ziele der Gegenseite bedrohen können. Diese Runde der iranischen Angriffe war unter Berufung auf die militärischen Stützpunkte der Konkurrenten und Grad der Präzision bei der Operation erfolgreich. In Bezug auf die Ausweitung und Wahl des Operationsgebiets scheint es komplexe Entwicklungen zu geben.
Daher haben diese Antworten nicht nur einen militärischen Aspekt, sondern tragen eine politische und strategische Botschaft; nämlich dass Iran gegenüber militärischem Druck nicht passiv bleiben wird und jede Maßnahme gegen seine nationale Sicherheit beantworten wird. Tatsächlich ist das Ziel dieser Operationen eher Stärkung der Abschreckung und Veränderung der Kalkulationen der Gegenseite hinsichtlich der Kosten der Fortsetzung des Konflikts als Ausweitung des Krieges.
Hinsichtlich der Frage, warum einige Länder wie die VAE oder Katar nicht ins Visier genommen wurden sollte man beachten, dass die Auswahl militärischer Ziele auf der Grundlage nachrichtendienstlicher, operativer und politischer Überlegungen erfolgt. Die Islamische Republik Iran entscheidet gemäß ihren strategischen Zielen über Art und Ort der Antwort und nicht notwendigerweise werden alle US-Streitkräfte beherbergenden Länder auf demselben Niveau und demselben operativen Muster ins Visier genommen.
Wichtig bei den jüngsten Entwicklungen ist, dass die Verteidigungs- und Operationsfähigkeit der Islamischen Republik Iran erneut der Bewertung der öffentlichen Meinung und internationaler Akteure ausgesetzt war und zeigte, dass Iran weiterhin über die notwendige Kapazität zur Antwort und Beeinflussung der sicherheitspolitischen Gleichungen der Region verfügt.
Vielleicht können diese Operationen allein die Gleichungen und Mentalitäten der Gegenseite nicht vollständig verändern, aber zeigen definitiv, dass die Islamische Republik Iran über Instrumente und Fähigkeiten verfügt, die Ziele und Kalkulationen des Feindes beeinflussen können. Wichtig ist, dass Iran bewies, dass es die Macht hat auf jede militärische Maßnahme zu reagieren und der Gegenseite Kosten aufzuerlegen.
Angesichts des Niveaus der Kampffähigkeit, Präzision der Operationen und gewählten Ziele kann man sagen, dass diese Runde der iranischen Angriffe erfolgreich und zielgerichtet war. Natürlich muss man beachten, dass die regionalen Entwicklungen sehr komplex sind und man nicht allein anhand eines militärischen Indikators über Erfolg oder Misserfolg von Operationen urteilen kann.
Aus militärischer Sicht haben die USA ihre Truppen und Ausrüstung hauptsächlich an zwei Punkten konzentriert; einerseits die Fünfte Flotte in Bahrain und andererseits die in Kuwait stationierten Stützpunkte und Ausrüstungen, die in Bezug auf operative Unterstützung und geografische Nähe zum Iran von besonderer Bedeutung sind. Im Gegensatz dazu liegt der Fokus der USA in Ländern wie Katar, VAE und Saudi-Arabien stärker auf Luftwaffenstützpunkten. Daher erfolgt die Auswahl der Ziele durch die Islamische Republik Iran auf Grundlage der militärischen Bedeutung und des Ausmaßes der Rolle jedes dieser Stützpunkte bei Unterstützung der US-Operationen.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass die Islamische Republik Iran versucht die Spannung rational, berechnet und strategisch zu steuern. Die Entscheidung jedes Land ins Visier zu nehmen ist nicht nur eine militärische Entscheidung, sondern eine Reihe von sicherheitspolitischen, politischen, wirtschaftlichen, diplomatischen und sogar internationalen Erwägungen sind darin involviert.
Daher bedeutet die Tatsache, dass ein Land wie die VAE in einem bestimmten Moment nicht ins Visier genommen wird nicht unbedingt Unfähigkeit oder Übersehen, sondern ist Ergebnis strategischer auf hohen Entscheidungsebenen getroffenen Einschätzungen. Wenn in Zukunft die Notwendigkeit besteht und die strategischen Berechnungen dies erfordern werden natürlich verschiedene Optionen geprüft und bei Bedarf umgesetzt.
Das Prinzip dieser Analyse, dass zur Schaffung von Abschreckung Schläge geführt werden müssen die die Wahrnehmung der Gegenseite hinsichtlich Irans Fähigkeiten verändern ist richtig. Die Islamische Republik Iran muss so handeln, dass die USA nicht den Eindruck haben, dass Iran ein einfaches Ziel ist und ohne Kosten dagegen militärisch vorgegangen werden kann.
Dennoch muss man beachten, dass die Gegenseite Irans die Armee der USA ist; daher hat die Steuerung der Spannung eine sehr große Bedeutung. Erhöhung oder Verringerung des Konfliktniveaus muss auf Grundlage präziser strategischer Berechnungen erfolgen. Im Krieg sind nicht nur militärische Überlegungen entscheidend, sondern auch politische, wirtschaftliche und strategische Dimensionen müssen gleichzeitig berücksichtigt werden.
Meiner Ansicht nach ist es, wenn die Bedingungen gegeben sind natürlich besser je effektiver und abschreckender die Antworten sind, aber wenn strategische Überlegungen erfordern dass das Niveau der Reaktionen gesteuert wird, muss man vorsichtig und berechnet handeln. Meine Einschätzung ist, dass die Islamische Republik Iran bisher angemessen zum Umfang der Maßnahmen der Gegenseite akzeptable Antworten lieferte, obwohl es zur Erhöhung des Abschreckungsniveaus immer noch notwendig ist die Wirkungskraft in einigen Bereichen zu verbessern.
Internationale Beziehungen sind nicht vorhersehbar und nicht prognostizierbar, aber es scheint dass die jüngsten Entwicklungen dazu führten, dass sich auch die Kalkulationen der Gegenseite änderten. Wenn zum Beispiel die USA oder Trump persönlich zu einem bestimmten Zeitpunkt die Durchführung einer breiteren Operation anstrebten, könnten Irans Reaktionen ihn hinsichtlich der Kosten einer solchen Maßnahme vorsichtiger gemacht haben. Andererseits wenn ein geeigneter politischer Plan entsteht besteht weiterhin die Möglichkeit sich auf eine Einigung zuzubewegen.
Dennoch ist die Realität, dass weder ein umfassender Krieg in der aktuellen Situation eine einfache Option ist, noch das Erreichen einer Einigung. Angesichts der militärischen Stärke beider Seiten, Ausdehnung der US-Truppenaufstellung in der Region und bestehende Komplexitäten ist der Eintritt in einen großen Krieg weiterhin mit erheblichen Hindernissen und Kosten verbunden. Im Gegensatz dazu scheint der Weg zur Einigung ebenso schwierig und komplex zu sein.
Daher scheint das, was unter den aktuellen Bedingungen wahrscheinlicher als jedes andere Szenario ist, die Fortsetzung kontrollierter Spannungen zu sein; ein Zustand in dem sich weder die Parteien auf einen totalen Krieg zubewegen, noch die Bedingungen für eine dauerhafte Einigung vollständig gegeben sind. Daher wird zumindest kurzfristig die fortgesetzte gesteuerte Spannung die wahrscheinlichste Perspektive für die Region sein.
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