IQNA

19:09 - November 23, 2021
Nachrichten-ID: 3005085
Mit einer Gedenkfeier erinnert die Stadt Mölln am Dienstagabend an den 29. Jahrestag der rechtsradikalen Brandanschläge von Mölln.

Am Dienstagabend erinnert die Stadt Mölln mit einer interreligiösen Andacht im Innenhof des Stadthauptmannshofs an die Opfer des rassistisch motivierten Brandanschlags vom 23. November 1992. Vor 29 Jahren starben dabei die 51-jährige Bahide Arslan, ihre zehnjährige Enkelin Yeliz und deren 14-jährige Cousine Ayşe Yılmaz. Weitere neun Menschen wurden schwer verletzt.

 

Neunjähriges Mädchen brachte Ermittler auf die richtige Spur

Die Opfer schliefen, als um etwa 1 Uhr nachts ein Brandsatz in das Haus Mühlenstraße 13 in der Innenstadt geworfen wurde. Eine halbe Stunde zuvor war bereits ein erster Molotow-Cocktail in der etwa vier Kilometer entfernten Ratzeburger Straße 13 gelandet.

Auf die Spur der beiden Neonazis, die hinter dem Anschlag standen, kamen die Ermittlungsbehörden durch die Aussage eines neunjährigen Mädchens aus der Nachbarschaft. Dieses war nachts zur Toilette gegangen und hatte auf dem Rückweg ins Kinderzimmer aus dem Fenster einen hellen VW Polo mit Schrägheck beobachtet, der „wie das [Auto] von meiner Tante“ ausgesehen habe. Aus diesem seien ein auffallend großer und ein auffallend kleiner Mann mit Überziehmaske ausgestiegen. Das Kennzeichen sei nicht beleuchtet gewesen.

 

Serie von rassistischen Anschlägen nach der Wiedervereinigung

Auf Anraten der Großmutter wurde die anlässlich des Verbrechens gebildete SOKO über die Beobachtung des Mädchens in Kenntnis gesetzt, eine Gutachterin bezeichnete ihre Aussage als glaubwürdig. Durch diese kam man dem 19-jährigen Lars Ch. und dessen 25-jährigem Begleiter Michael P. auf die Spur, da Ch. der einzige bekannte Angehörige der Skinhead-Szene der Region war, der einen Wagen fuhr, der dem von der neunjährigen Zeugin beschriebenen entsprach. Darüber hinaus war einer der Verdächtigen 1,90 Meter und der andere 1,70 groß. In dem Fahrzeug wurden zudem eine Sturmhaube gefunden und ein Wackelkontakt bei der hinteren Kennzeichenbeleuchtung festgestellt.

Bereits im Vorfeld des Anschlags vom 23. November 1992 hatte es in ganz Deutschland eine Serie von rassistisch motivierten Ausschreitungen gegeben. Überregionale Beachtung fanden dabei jedoch hauptsächlich die Ausschreitungen von Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen. Auch in Mölln hatte es bereits zuvor Brandanschläge aus der Nazi-Szene gegeben, allerdings noch ohne Todesopfer.

 

„Asyldebatte“ heizte die Stimmung an

Die Serie fremdenfeindlicher Straftaten in den Jahren nach der Wiedervereinigung stand im Kontext der sogenannten Asyldebatte. Rechtsextremen Parteien und Medien wie der „Bild“-Zeitung wurde damals vorgeworfen, durch aggressive Rhetorik die Stimmung gegen Ausländer im Land anzuheizen. Im Jahr 1993 wurden die Asylgesetze verschärft. Kritiker sprachen in diesem Zusammenhang von einer „Belohnung“ für rassistische Gewalttäter.

Die für die Anschläge von Mölln verantwortlichen Neonazis leben mittlerweile längst wieder in Freiheit: Lars Ch. wurde im Dezember 1993 nach Jugendstrafrecht zu zehn Jahren verurteilt, Michael P. zu einer lebenslangen Haftstrafe. Sie wurden nach siebeneinhalb bzw. 15 Jahren aus der Haft entlassen.

 

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