IQNA

Libanesischer Denker:

Mahdaviyyat als Projekt des kollektiven Bewusstseins und ethischen Transformation der islamischen Gesellschaft

11:47 - February 09, 2026
Nachrichten-ID: 3014315
Teheran (IQNA)- Der Leiter des Zentrums für interreligiösen Dialog im Libanon sagt: Der Kampf gegen Taghut (Götzen) und Arroganz erfordert in erster Linie einen inneren Wandel des Menschen und Wiederaufbau des kollektiven Bewusstseins; eine Sichtweise die sich auf den Koran stützt, Ethik wieder in den Mittelpunkt der Macht zurückbringt und Mahdaviyyat von einem individuellen Glauben in einen zivilisatorischen Rahmen für Gerechtigkeit, Fortschritt und menschliche Würde verwandelt.

Sayyid Ali al-Sayyid Qasim, der Leiter des Zentrums für interreligiösen Dialog im Libanon, betont in einem Gespräch mit IQNA anlässlich der Mitte des Monats des Schaʿban, dem Geburtstag von Imam Mahdi (a.), dass Imam Mahdi (a.) nicht danach strebt eine defekte Gesellschaft zu reparieren, sondern soziale Beziehungen auf Grundlage von Gerechtigkeit und kollektiver Verantwortung wiederaufzubauen und Unterdrückten von der Peripherie zurück ins Zentrum der Geschichte zu führen. Aus dieser Perspektive ist Mahdaviyyat ein Maßstab für Kritik der zeitgenössischen Welt! Ein Kriterium um den Grad der Gerechtigkeit und Menschlichkeit heutiger Sozialsysteme zu messen.

Den ausführlichen Inhalt dieses Gesprächs lesen Sie im Folgenden:

IQNA – Welche tiefe soziale Beziehung besteht zwischen dem Jahrestag der Geburt Imam Mahdis (a.s.) und der Unterstützung der Unterdrückten?

Die Mitte des Monats Schaʿban ist nicht nur die Erinnerung an eine gesegnete Geburt! Sondern ist eine Zeit des sozialen Erwachens auf dem Weg der Menschheitsgeschichte. Wenn der edle Koran von den Unterdrückten spricht, stellt er sie nicht als eine randständige Gruppe vor, sondern macht sie zur zentralen Achse sozialer Auseinandersetzungen im Laufe der Geschichte: „Und wir wollen denjenigen die im Land unterdrückt wurden Gnade erweisen und sie zu Vorbildern machen und zu Erben.“ Gemäß der Erläuterung des Märtyrers Ayatollah Muhammad Baqir al-Sadr ist „Unterdrückt-Werden“ weder ein geistiger Zustand noch individuelle Schwäche. Sondern das Produkt ungerechter sozialer Strukturen, die so gestaltet sind dass sie Armut, Abhängigkeit, Marginalisierung und Entzug von effektiven und einflussreichen Mitteln reproduzieren.

Aus diesem Grund bedeutet die Benennung der Mitte des Monats Schaʿban als „Welttag der Untyerdrückten“, dass die Geburt Imam Mahdis (a.s.) die Geburt eines alternativen sozialen Projekts ist! Eines Projekts dessen Ziel Transformation dieser Strukturen ist, nicht Anpassung an sie.

 

Verbindung Imam Mahdis (a.) mit Hilfe für Unterdrückte

Die Beziehung Imam Mahdis (a.s.) zu den Unterdrückten ist keine rein emotionale oder ethische Beziehung. Sondern eine Beziehung die auf dem Zusammenbruch und Wiederaufbau basiert. Er kommt nicht um eine defekte Gesellschaft zu reparieren, sondern um die sozialen Beziehungen auf Grundlage dieser Prinzipien wiederaufzubauen:

    Gerechtigkeit anstelle von Privilegiendenken

    Menschliche Würde anstelle von aufgezwungenen Hierarchien

    Kollektive Verantwortung anstelle von zügellosem Individualismus

In diesem Rahmen sind die Unterdrückten nicht länger bloße Opfer, sondern historische und wiedererstarkte Kraft, die zurück ins Zentrum der Entscheidungsfindung und in den Weg der Zivilisation geholt wird.

Die Globalität der Mitte des Monats Schaʿban rührt daher, dass Unterdrückung heute nicht mehr nur auf materielle Armut beschränkt ist, sondern komplexere Formen annahm, darunter:

    Kulturelle Unterdrückung durch Verzerrung des Bewusstseins

    Mediale Unterdrückung durch Akzeptanz von Ungerechtigkeit

    Ökonomische Unterdrückung durch Systeme, die Reichtum anhäufen und Unsicherheit verallgemeinern

Aus sozialer Perspektive ist die Geburt Imam Mahdis (a.s.) die Ankündigung des Endes dieses globalen Systemmodells und Beginn eines neuen Modells in dem Ethik wieder in die soziale Struktur zurückkehrt und die Gesellschaft nicht auf Grundlage von Dominanz, sondern auf Grundlage von Gerechtigkeit aufgebaut wird.

Aus diesem Grund ist das Gedenken an seine Geburt keine rein emotionale Zeremonie, sondern eine bewusste und soziale Haltung und eine Erinnerung daran, dass die Befreiung der Menschheit nicht durch Macht und Technologie verwirklicht wird, sondern dadurch dass der Mensch – insbesondere der Unterdrückte – zurück ins Zentrum der Gerechtigkeit Gottes gestellt wird.

 

Die Krise der ethischen Legitimität der zeitgenössischen Welt

Aus einer tieferen sozialen Perspektive ist der Gedanke der Mahdaviyyat eine Antwort auf das, was man als „Krise der ethischen Legitimität des Weltsystems“ bezeichnen könnte. Der heutigen Welt mangelt es nicht an Institutionen, sondern an Sinn.

Hier findet die Verbindung Imam Mahdis (a.s.) mit den Unterdrückten ihre Bedeutung! Nicht nur als soziale Klasse, sondern als Spiegel eines zivilisatorischen Versagens. Der Unterdrückte ist jemand, der durch seine bloße Existenz die Lüge der Behauptung entlarvt, dass die Welt sich automatisch in Richtung Gerechtigkeit bewegt.

Mahdaviyyat verändert diese Logik von Grund auf und definiert Konzepte wie Erfolg, Macht und Überlegenheit nicht auf Grundlage von Besitz, sondern auf Grundlage der ethischen Funktion des Menschen in der Gesellschaft neu.

Aus sozialer Perspektive ist die Mitte des Monats Schaʿban der Tag der Ankündigung des Endes der ethischen Neutralität der Geschichte. In der mahdistischen Sicht ist die Geschichte kein blinder Weg der Interessen, sondern gesetzmäßiger und bedeutungsvoller Weg in dem die Parteinahme für Unterdrückte eine bewusste Wahl Gottes ist, kein Gefühl oder Zufall.

Daher stellt das Gedenken an die Geburt Imam Mahdis (a.) der Gesellschaft eine ernsthafte Frage:

Wo stehen wir in der Gleichung der Unterdrückung?

Sind wir ihre Wiederhersteller oder schreiten wir auf ihrem Weg des Zusammenbruchs?

Diese Frage wird nicht allein durch das Abhalten von Zeremonien beantwortet, sondern erfordert einen Wandel im sozialen Bewusstsein. Eine Überprüfung der Konsummuster, der verborgenen Formen der Macht und der Beziehungen, die im Namen von Konvention, Markt oder Gewohnheit den Menschen an den Rand drängen.

In diesem Rahmen ist Mahdaviyyat nicht nur ein Versprechen für die Zukunft, sondern lebendiger Maßstab für die Kritik der Gegenwart! Ein Maßstab mit dem der Grad der Menschlichkeit sozialer Systeme gemessen werden kann.

Folglich besteht die soziale Dimension der Mitte des Monats Schaʿban darin, dass die Geburt Imam Mahdis (a.s.) die Geburt einer beständigen Frage innerhalb der Gesellschaft ist: Hat diese Gesellschaft das Potenzial für Gerechtigkeit oder verbündete sie sich mit Ungerechtigkeit?

Und genau diese Frage ist selbst der Beginn echter Vorbereitung und Grundlagenarbeit für die Erscheinung (Zuhur).

IQNA – Wie können die Jugendlichen von heute eine Rolle bei der Stärkung der mahdistischen Werte und der Grundlagenarbeit für die Erscheinung spielen?**

Im Denken der Imamiten (Zwölfer-Schiiten) und so wie es Imam Khomeini (Gott habe ihn selig) erläuterte ist „Grundlagenarbeit“ weder passives Warten noch vorübergehende revolutionäre Explosion. Sondern ein zivilisatorischer und langfristiger Prozess.

Der wahre Wartende (Muntazir) ist jemand, der sich selbst wiederaufbaut um die Fähigkeit zu erlangen Gerechtigkeit zu akzeptieren.

Die Jugend von heute steht im Zentrum der Schlacht des Bewusstseins. Einer Schlacht die nicht mehr nur um Land geführt wird, sondern um Bewusstsein, Werte und die Bedeutung des Menschen.

Die mahdistische Rolle der Jugend findet vor allem in diesen Bereichen Bedeutung: Die Befreiung des Geistes von medialer Verzerrung, Widerstand gegen kulturelle Entfremdung und Verwandlung mahdistischer Werte in alltägliches Verhalten wie Gerechtigkeit, Aufrichtigkeit, Verantwortungsbewusstsein.

Der Staat der Gerechtigkeit Gottes wird nicht auf bloß emotionalen und impulsiven Menschen erbaut, sondern benötigt einen bewussten, kritischen, ethischen und verantwortungsvollen Menschen! Einen Menschen, der „Warten“ (Intizar) als praktische Haltung betrachtet, nicht bloß als  emotionalen Slogan.

In der authentischen mahdistischen Sicht wie sie Imam Chomeini (Gott habe ihn selig) vorbrachte und der Märtyrer Muhammad Baqir al-Sadr betonte ist Grundlagenarbeit weder ein statisches Warten noch eine vorübergehende emotionale Handlung, sondern ein sozial-zivilisatorischer Prozess, der gleichzeitig den Menschen aufbaut und die Gesellschaft wiederherstellt.

Der wahre Wartende ist jemand, der die Bedingungen der Gerechtigkeit in sich selbst und in seiner Umgebung schafft, nicht jemand der lediglich auf den Moment der Erscheinung wartet.

 

Grundlagenarbeit für die Erscheinung auf sozialer Ebene

Auf sozialer Ebene bedeutet Grundlagenarbeit für die Erscheinung: Die Kultur der Gleichgültigkeit gegenüber Ungerechtigkeit zu durchbrechen sich zu weigern das Opfer für seine Unterdrückung verantwortlich zu machen und den Wert von Gerechtigkeit und Solidarität in die alltäglichen Beziehungen zurückzubringen. Genau der Punkt auf den Märtyrer Sadr bestand als er Gerechtigkeit nicht als Slogan, sondern als Element in der Struktur sozialer Beziehungen betrachtete.

Daher ist die größte Gefahr für die Mahdaviyyat in unserer Zeit sie ihres kritischen Aspekts zu entleeren und sie in einen emotionalen und wirkungslosen Diskurs zu verwandeln.

Während echte Grundlagenarbeit von der Jugend verlangt in der öffentlichen Sphäre wirksam zu sein, eine kritische Haltung gegenüber herrschaftlichen Diskursen zu haben und die Fähigkeit zu besitzen Strukturen herauszufordern die Armut und Ungleichheit erzeugen.

Soziale Grundlagenarbeit bedeutet auch: Echte und beständige Solidaritätsnetzwerke zu schaffen, nicht vorübergehende Reaktionen und mahdistische Werte von Slogans in Verhaltensmuster zu verwandeln.

Zusammengefasst: Die Rolle der Jugend in der Grundlagenarbeit für die Erscheinung erschöpft sich nicht im „Warten auf Veränderung“, sondern besteht darin selbst der erste Kern der Veränderung zu sein. In diesem Fall sind die Jugendlichen eben jenes soziale Umfeld das Gerechtigkeit annimmt und dieses Umfeld ist die wesentliche Bedingung für die Verwirklichung der Mahdaviyyat in der Geschichte.

IQNA – Wie kann man die herzliche und spirituelle Verbindung mit Imam al-Asr (a.s.) im hektischen Leben von heute bewahren und stärken?

In der philosophisch-mystischen Sichtweise von Mulla Sadra, auf die auch das Denken der Ahl al-Bayt (a.s.) besteht, ist die Beziehung zu Imam Mahdi (a.) kein vorübergehendes Gefühl oder rein emotional! Sondern eine existenzielle und richtungsweisende Beziehung.

Der Imam ist die „gegenwärtige Autorität“ (Hujjat al-Hadir); also ein lebendiger Maßstab an dem die Entscheidungen und der Lebensweg gemessen werden, nicht bloß ein verborgenes Symbol das nur in Momenten des Gebets in Erinnerung gerufen wird.

Diese Beziehung zu bewahren wird nicht allein durch die Vermehrung ritueller Andachten erreicht. Sondern indem die Gegenwart des Imam in einen inneren Kompass verwandelt wird, der die ethischen Entscheidungen des Alltags organisiert.

Die herzliche Beziehung zum Imam bleibt, wenn sie aufrichtig ist, nicht im Inneren des Menschen eingeschlossen, sondern fließt in Form gerechten sozialen Verhaltens.

Der Imam ist kein Symbol für weltabgewandte Heiligkeit; sondern Projekt für das Leben das sich zwangsläufig in der Art und Weise widerspiegelt wie wir mit anderen interagieren.

Aus sozialer Perspektive bedeutet die Festigung der Beziehung zu Imam Mahdi (a.):

    Ethik von einer individuellen Wahl in eine soziale Verpflichtung zu verwandeln

    Ungerechtigkeit nicht zu akzeptieren, selbst wenn sie profitabel oder konventionell anerkannt ist

    Sozialen Erfolg nicht am Ausmaß materiellen Erwerbs zu messen, sondern am Ausmaß der Bewahrung menschlicher Würde.

    Die herzliche Beziehung zu Imam Mahdi (a.) ist kein Zufluchtsort um der Realität zu entfliehen, sondern eine ethische Kraft, um die Realität zu ordnen! Eine Beziehung, die den Glauben von einer individuellen und stillen Erfahrung in eine soziale und einflussreiche Präsenz verwandelt.

Eine wahre Beziehung zu Imam Mahdi (a.) erzeugt eine tiefe Sensibilität gegenüber Unterdrückung und rekonstruiert das soziale Bewusstsein derart, dass Armut und Marginalisierung nicht länger als natürliche Zustände betrachtet werden, sondern als Abweichung vom Geist der Führung (Wilaya) gelten.

 

Imam Mahdi (a.s.); einheitsstiftender Faktor im heutigen Leben

In diesem hektischen zeitgenössischen Leben in dem Werte zersplittern und die Seele von der Gesellschaft getrennt wird spielt die Beziehung zu Imam Mahdi (a.) eine einheitsstiftende Rolle! Sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft.

Diese Beziehung befreit den Menschen von der Dualität von Frömmigkeit im Gottesdienst und Nachlässigkeit im sozialen Verhalten. Die Beziehung zum Imam bringt den Glauben von der Peripherie ins Zentrum des Lebens.

In diesem Sinne ist die herzliche Beziehung zu Imam Mahdi (a.) kein Zufluchtsort um der Realität zu entfliehen, sondern eine ethische Kraft um die Realität zu ordnen! Eine Beziehung, die den Glauben von einer individuellen und stillen Erfahrung in eine soziale und einflussreiche Präsenz verwandelt und Gerechtigkeit von einem Slogan, der sich auf die Zeit der Erscheinung bezieht in einen lebendigen Wert verwandelt.

IQNA – Wie kann das Konzept des Mahdaviyyat im Zeitalter der Globalisierung der Kommunikation als globale Antwort auf die ethischen und sozialen Bedürfnisse des zeitgenössischen Menschen präsentiert werden?

Das koranische und rationale Prinzip des Mahdaviyyat ist kein vom menschlichen Sozialleben losgelöster, verborgenener Gedanke; sondern eine Theorie zur Rettung des Menschen mit einem globalen Horizont.

 

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Stichworte: Imam Mahdi ، Gerechtigkeit
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