Der Universitätsprofessor, Dozent an der Hawza von Nadschaf al-Aschraf und an der Imam-Sadiq-Universität (a.) sowie Leiter des Zentrums für strategische Studien „Tadsch al-Hadara“ Scheich Haidar al-Schammari sprach im Interview mit IQNA über die Bedeutung der Arbaʿin-Pilgerreise und erkenntnisbezogenen Dimensionen dieses gewaltigen spirituellen Ereignisses.

Ausführlicher Wortlaut dieses Interviews im Folgenden:
Ich bin der Ansicht, dass die Arbaʿin-Pilgerreise die größte jährliche freiwillige Zusammenkunft der Menschheit weltweit darstellt. Sie ist nicht bloß eine Gelegenheit eines historischen Ereignisses zu gedenken, sondern umfassendes zivilisatorisches Projekt, das Fortdauer der Botschaft Imam Husseins (a.) umfasst. Arbaʿin bestätigt, dass die Werte für die Imam Hussein (a.) den Märtyrertod erlitt — wie Etablieren von Gerechtigkeit, Bewahrung der menschlichen Würde und Widerstand gegen Unterdrückung — im Gewissen der islamischen Gemeinschaft lebendig sind. Diese Pilgerreise spiegelt außerdem die Tiefe der spirituellen Verbindung zu den Ahl al-Bait (a.) wider und verwandelt den Begriff der Treue von bloßen Gefühlen in ein praktisches Verhalten, das auf Opferbereitschaft, Altruismus und Dienst an der Menschheit beruht.
Aus gesellschaftlicher Perspektive schafft dies ein gewaltiges soziales Kapital auf Grundlage von Zusammenarbeit, Solidarität und freiwilliger Arbeit. Politisch zeigt es, dass Nationen die in der Lage sind ihr kulturelles Gedächtnis zu bewahren am besten dafür gerüstet sind ihre Zukunft zu schützen.
Der Arbaʿin-Besuch ist, bevor er eine körperliche Reise ist, eine ethische Lektion. Daher muss der Pilger eine Reihe von Verhaltensregeln beachten deren wichtigste sind: Lauterkeit der Absicht für Gott den Erhabenen, Nutzung der Pilgerreise zum Gedenken an Gott, Rezitation des Korans und Bittgebet, Pflege von Geduld, gutem Charakter und Respekt gegenüber anderen, Verrichtung des Gebets zu den festgelegten Zeiten, Beachtung öffentlicher Sauberkeit und Respekt vor Eigentum, Vermeidung von Verschwendung und Selbstdarstellung die der Heiligkeit der Pilgerreise widersprechen, Dienst an anderen und Demut ihnen gegenüber, denn der Dienst an Pilgern Imam Husseins (a.) gehört zu den größten Gottesdiensten sowie Nachdenken über die Ziele des Aufstands Imam Husseins (a.) und seiner gesegneten Revolution, sodass der Besuch zu einem Wendepunkt für die Veränderung des Verhaltens wird und nicht bloß Ausführung eines Rituals.
Daher betonen wir stets, dass der Erfolg der Pilgerreise an seiner Wirkung auf die Persönlichkeit des Einzelnen nach der Rückkehr in das Alltagsleben gemessen wird.
Man kann sagen, dass diese Initiativen zu den wichtigsten kulturellen Errungenschaften des Arbaʿin-Marsches gehören, denn sie verwandeln den Weg in eine freie koranische Universität.
Der edle Koran ist die gedankliche Grundlage des Aufstands Imam Husseins (a.) und er selbst erklärte, dass sein Ziel die Reform in der islamischen Gemeinschaft seines Großvaters war, was ein vollkommen koranisches Ziel ist. Daher verbindet die Unterweisung in der korrekten Koranrezitation, Rezitationsregeln sowie rechtswissenschaftlichen und glaubensbezogenen Grundlagen den husseinitischen Ritus mit seinen koranischen Wurzeln.
Diese Koran-Stationen zeigen, dass die Arbaʿin-Pilgerreise nicht lediglich eine große Versammlung ist, sondern Projekt zur geistigen und spirituellen Entwicklung der Menschen. Sie bietet Millionen von Pilgern eine Gelegenheit zum Lernen in einer von Spiritualität erfüllten Atmosphäre deren Wiederholung bei anderen Anlässen schwierig ist.

Die Arbaʿin-Pilgerreise besitzt eine außergewöhnliche Fähigkeit Muslime um gemeinsame Werte zu vereinen, denn Imam Hussein (a.) ist ein islamisches Symbol das von verschiedenen islamischen Rechtsschulen respektiert wird. Dieser Anlass bestätigt, dass die Einheit der Gemeinschaft nicht die Beseitigung konfessioneller Vielfalt bedeutet, sondern Zusammenarbeit auf Grundlage gemeinsamer Prinzipien, darunter Gerechtigkeit und Gleichheit, menschliche Würde, Widerstand gegen Ungerechtigkeit und Verteidigung heiliger Stätten.
Darüber hinaus schafft die vielfältige Anwesenheit von Besuchern aus verschiedenen Ländern und Konfessionen einen realen Raum für Dialog und gegenseitiges Verständnis und bricht viele der Stereotype auf die durch politische Konflikte oder extremistische Rhetorik entstanden.
Die zentrale Botschaft von Arbaʿin ist, dass ethische Werte in der Lage sind ohne Zwang oder materielle Interessen eine globale Massenbewegung hervorzubringen.
Die Welt wird Zeuge von Millionen Menschen, die mit Glauben und Liebe Hunderte Kilometer zu Fuß zurücklegen, während Millionen andere ihnen kostenlose Dienste anbieten. Dies ist ein seltenes Phänomen in der Geschichte der Menschheit. Kulturell vermittelt die Arbaʿin-Pilgerreise ein leuchtendes Bild des Islams als Religion der Barmherzigkeit, Solidarität und menschlichen Würde. Gesellschaftlich fördert dieser Besuch die Kultur der Freiwilligenarbeit, Zusammenarbeit, Altruismus und soziale Verantwortung.
Auf der Ebene der weltweiten öffentlichen Meinung beseitigt er viele negative Stereotype über den Islam und bietet ein praktisches Modell einer Zivilisation, die auf Geben und nicht auf Konflikt beruht.
Man kann sagen, dass die Teilnahme von Anhängern verschiedener Religionen die Universalität der Werte zeigt für die Imam Hussein (a.) eintrat. Gerechtigkeit, Freiheit und Ablehnung von Ungerechtigkeit sind keine Werte die ausschließlich Muslimen vorbehalten sind, sondern gemeinsame menschliche Werte. Wenn ein Christ, Mandäer oder eine andere Person am Dienst für die Pilger teilnimmt, öffnet dies ein Tor zu einem praktischen Dialog, der auf gegenseitigem Respekt beruht und fern von theoretischen Debatten ist.
Daher betonen wir, dass echter Dialog dann beginnt, wenn Menschen im Dienst an der Menschheit zusammenarbeiten und genau dies erreicht die Arbaʿin-Pilgerreise auf einzigartige Weise.
Ohne Zweifel kann die Arbaʿin-Pilgerreise als eines der herausragendsten Beispiele der Volksdiplomatie oder öffentlichen Diplomatie betrachtet werden. Die Teilnehmer, insbesondere da sie aus vielfältigen Ländern kommen, bringen die Erfahrung die sie aus nächster Nähe machten jenseits medialer und politischer Erzählungen in ihre Heimatländer zurück.
Diese Erfahrung baut Brücken des Vertrauens zwischen den Menschen und vermittelt ein realistisches Bild des Irak, Islam und der Schule der Ahl al-Bait (a.) als einer Schule, die zu Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Dienst an der Menschheit aufruft. Daher geht die Wirkung von Arbaʿin über religiöse Grenzen hinaus und wird zu einer globalen Botschaft für den Aufbau eines Friedens der auf Gerechtigkeit und gegenseitigem Respekt beruht.
Die husseinitischen Maukibs (Stände) bieten ein einzigartiges Modell menschlicher Solidarität, denn sie beruhen auf reiner freiwilliger Arbeit und sind frei von Diskriminierung aufgrund von Nationalität, Konfession oder Religion. Der Dienst während Arbaʿin wird nicht auf Grundlage der Identität geleistet, sondern auf Grundlage der Menschlichkeit des Einzelnen. Dies stärkt das Konzept einer ethischen Bürgerschaft und bestätigt, dass religiöse Unterschiede kein Hindernis für Zusammenarbeit im Dienst am Gemeinwohl darstellen.
Dieses Modell kann von sozialen und humanitären Institutionen auf der ganzen Welt untersucht werden, denn es zeigt dass Gesellschaften in der Lage sind weitreichende Netzwerke der Unterstützung und gegenseitigen Zusammenarbeit zu schaffen wenn ethische Werte die treibende Kraft sind.
Meiner Ansicht nach stellt die Erfahrung der husseinitischen Maukibs eine der erfolgreichsten Formen zeitgenössischer gesellschaftlicher Solidarität dar. Sie bietet der Welt eine praktische Lektion über Altruismus, Zusammenleben und Aufbau von Vertrauen zwischen den Menschen; dies sind Werte, die die Menschheit angesichts der Konflikte und Polarisierungen die die Welt erlebt dringend benötigt.
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