
Mikhail Awad,libanesischer Schriftsteller und Analyst
Zunächst sollte anhand der kriegs-wissenschaftlichen Grundlagen erläutert werden, dass ein umfassender Krieg weniger wichtig ist wenn 50 bis 60 Prozent der Ziele durch Einschüchterung, hybride Kriegsführung oder Stellvertreterkriege erreicht werden können. Denn Krieg birgt naturgemäß viele Überraschungen, Kosten und Verluste, selbst für die Sieger.
Es wird außerdem betont, dass das Überraschungsmoment in dieser Zeit unerlässlich ist, die Logik der Vorhersage in Kriegszeiten wird abgelehnt und es wird festgestellt, dass nur die beiden Kriegsparteien über den Kriegsausbruch informiert werden können, da im Voraus niemand um Erlaubnis bat.
Die eigentliche Frage ist nicht ob es zum Krieg kommen wird sondern: Wird der Krieg für Trump positive Bilanz oder Vorteile mit sich bringen?
Im Gegensatz zum passiven Netanjahu und dem überstürzten Trump ist Netanjahu in diesem Szenario ein Werkzeug, kein strategischer Entscheidungsträger. Trump hingegen betrachtet die Dinge aus einem anderen Blickwinkel. Er fragt sich: Sind alle Wege versperrt? Ist der Stellvertreterkrieg beendet? Ist der hybride Krieg gescheitert? Oder sind Einschüchterung und Mobilisierung Teil einer Strategie um Ziele ohne einen umfassenden Krieg zu erreichen?
Auch hinsichtlich der Art eines möglichen Krieges lehnt er einen Bodenangriff auf den Iran aus demografischen, geografischen, historischen und ideologischen Gründen nahezu kategorisch ab und schreibt: Der Iran ist ein Land das historisch gesehen nie kolonisiert wurde und seine Bevölkerung, Fläche und Fähigkeiten machen einen Bodenangriff zu einem selbstmörderischen Abenteuer.
Die Folgen eines umfassenden Krieges gegen den Iran wären nicht nur für die Region, sondern auch für die USA selbst und angelsächsische Weltordnung verheerend, da der Iran die Fähigkeit besitzt US-Stützpunkte in der Region anzugreifen und ein solcher Krieg zu erheblichen Verlusten führen und möglicherweise den Rückzug der USA aus dem Nahen Osten beschleunigen könnte.
Hinsichtlich der Frage, ob der Iran Israel zerstören kann muss gesagt werden, dass Israel unter zwei strategischen Schwächen leidet: einem begrenzten geografischen Gebiet und einer fragilen Bevölkerung, die das Regime in einem langwierigen, zerstörerischen Krieg nicht hinnehmen kann.
Trumps Hauptziel im Krieg gegen Teheran ist nicht der Iran selbst! Vielmehr will er China von billigen Energiequellen abschneiden, darunter iranisches Öl und Gas sowie die Ressourcen des Persischen Golfs. Ein Angriff auf den Iran und Unterbrechung der Öllieferungen aus dem Persischen Golf oder Blockade strategischer Routen würden Chinas Wirtschaft schwer schädigen und dies entspricht den nationalen Sicherheitsprioritäten der USA.

Doch was ist mit dem heiklen Gaza-Fall und Trumps Interesse an Ägypten und dem Nilwasser? Man muss sagen: Trump versucht die wirtschaftliche Struktur Gazas (Riviera des Ostens) und den Wasserbedarf dieser Region zu verändern. Er strebt an Nilwasser durch bedingte Transaktionen nach Gaza zu transferieren, was die Denkweise eines Maklers und Händlers widerspiegelt.
Es besteht ein deutlicher Kontrast zwischen Trump und seinem Team einerseits und Netanjahu, Smotrich und Ben-Gvir andererseits. Im Kern geht es um die Kontrolle über Gaza und die Frage wer von dessen wirtschaftlichen Vorteilen profitiert. Dieser Konflikt steht kurz vor einer politischen Eskalation und könnte den Übergangsprozess bis zu den US-Zwischenwahlen stören. Angesichts der politischen Lage werden Szenarien immer wahrscheinlicher in denen Netanjahu ein größeres Ereignis in den USA selbst inszenieren oder gar ein Attentat auf Trump verüben könnte. Denn die Politikgeschichte der USA ist voll von solchen Attentaten bei denen Interessenkonflikte auftraten.
Schließlich sollte man bedenken, dass Krieg in vielen Formen stattfindet und die Mobilisierung von Streitkräften Teil des Krieges ist, nicht unbedingt Vorspiel zu einem umfassenden Angriff.
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