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Deutsche Islamkonferenz
0:32 - December 05, 2018
Nachrichten-ID: 3000471
Die vierte Deutsche Islamkonferenz (DIK) hat begonnen. Vielfalt und Pluralität werden diesmal besonders groß geschrieben. Inwieweit das zutrifft und warum die Islamkonferenz „deutscher“ als je zuvor ist, erklärt Ali Mete, der als IslamiQ-Chefredakteur an der DIK-Auftaktveranstaltung teilgenommen hat.

Nach mehr als einem Jahr Vorbereitung hat vergangene Woche die vierte Deutsche Islamkonferenz (DIK) begonnen. Über 200 Personen aus Religion, Politik und Wissenschaft begleiteten zwei Tage lang die Vorträge und Panels der Konferenz. Sie begann mit der Grundsatzrede des Bundesinnenministers Horst Seehofer, die verglichen mit seinen Äußerungen in den Monaten zuvor ausgewogener war, auch wenn sich an seiner Grundeinstellung zu Islam und Muslimen vermutlich nicht viel geändert hat.

Es folgten drei Panels zur „Integrationsförderung vor Ort “, „Imamausbildung in Deutschland “ und „Muslime in Deutschland – deutsche Muslime“. Immer wieder wurde betont, dass die Abbildung der Vielfalt und Pluralität der Muslime bei der DIK besonders wichtig sei.


Déjà-vus

Der Beginn der ersten DIK im Herbst 2006 wurde von vielen Akteuren als richtiger Schritt bewertet. Erstmals begab sich der Staat auf höchster Ebene mit muslimischen Vertretern in einen Dialog, um u. a. über religionsverfassungsrechtliche Fragen zu diskutieren. Von der ersten bis zur vierten Islamkonferenz wurden verschiedene Formate „ausprobiert“. Was auffällt ist, dass die aktuelle vierte Islamkonferenz große Parallelen zur ersten aufweist, weshalb so einige DIK-Veteranen vermutlich Déjà-vus haben dürften.

Gleichgeblieben ist erstens der sog. „Architekt der Deutschen Islamkonferenz“, BMI-Staatssekretär Markus Kerber, der auch schon die erste DIK organisiert hatte. Zweitens befanden sich unter den Teilnehmern der ersten DIK neben staatlichen und muslimischen Vertretern auch Einzelpersonen, darunter basisferne Teilnehmer wie Seyran Ateş und islamkritisch bis islamfeindliche Personen wie Necla Kelek und Hamad Abdal-Samad. Diese nehmen auch an der aktuellen vierten Konferenz teil. Drittens ist die Themenwahl stark von der Politik mitgelenkt worden. Es gab im Vorfeld einen Austausch zwischen dem Ministerium und den Teilnehmern. Die Schwerpunktlegung der Auftaktveranstaltung zeigt aber, dass hier bestimmte Themen von der Politik besonders favorisiert werden, und zwar ganz besonders das Dauerthema Imamausbildung und Identitätsfragen. Wenn man polemisch sein möchte, könnte man noch hinzufügen, dass viertens den Organisatoren bei beiden Konferenzen ein mehr oder weniger großer Fauxpas unterlaufen ist: Bei der ersten Islamkonferenz, die an einem Ramadan stattfand, wurde Essen serviert, und bei der vierten, Alkohol und Schweinefleisch.

Themen der vierten DIK sind die Integrationsförderung in Moscheen, die Definition eines „deutschen Islams“ bzw. „deutscher Muslime“, oder mit den Worten Seehofers: eines „Islam in, aus und für Deutschland“. Ferner soll es um das Wie – nicht das Ob? – der Imamausbildung gehen. Auch wenn der Bundesinnenminister in seiner Eröffnungsrede gesagt hat, dass man nicht bevormunden, sondern Brückenbauer sein möchte, wird man den Eindruck nicht los, dass Themen- und Teilnehmerwahl schon eine gewisse Richtung vorgeben.


Weg von den „Verbänden“ = Vielfalt?

Aktueller Kontext aller drei Themen sind die Folgeerscheinungen der Spannungen zwischen Deutschland und der Türkei, die insbesondere auf dem Rücken von DITIB ausgetragen werden. DITIB ist eine der zahlenmäßig größten islamischen Gemeinschaft in Deutschland, gemessen an der Zahl der Moscheen. Deshalb haben beide Staaten ein Interesse daran, Einfluss auf die Gemeinde auszuüben. Es gibt nun zwei Staaten, die sich der Deutschtürken, vor allem der DITIB, stärker annehmen möchten.

Vor diesem Hintergrund ist die Imamausbildung in Deutschland und die stärkere oder alleinige Identifikation mit Deutschland gleichbedeutend mit der Loslösung vom Herkunftsland. Denn mit der Ausbildung der Imame in Deutschland würde die Einflussmöglichkeit der Türkei aufweichen. Die unter normalen Umständen durchaus sinnvolle direkte Moscheeförderung kann im aktuellen Kontext als Versuch der Umgehung übergeordneter Strukturen gesehen werden. Denn wenn die Imame nicht mehr aus der Türkei kommen und die Gemeinden u. a. durch Förderungen weniger an die internen Strukturen gebunden wären, würden weitere Einflussmöglichkeiten wegfallen, und zwar aus einem wichtigen Grund: Der identitätsstiftende ideelle Rahmen der DITIB ist nicht so stark wie bei Gemeinschaften, z. B. der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG) oder dem Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ). Die besagte Förderung ist laut Seehofer bereits im Haushalt eingeplant und laut Kerber vorerst mit einer kleinen, einstelligen Millionensumme dotiert.

An dieser Stelle sei auf zwei Schieflagen in der Argumentation bez. der DITIB und anderer Gemeinschaften hingewiesen: Die DITIB wird stark kritisiert und teilweise kriminalisiert, während gleichzeitig immer wieder betont wird, dass die DITIB-Gemeinden gute Arbeit leisten und geleistet haben. Das erinnert an den Islam-Satz Seehofers, wonach der Islam nicht zu Deutschland gehöre, die Muslime aber schon. Außerdem wird die innere Vielfalt der islamischen Religionsgemeinschaften komplett ausgeblendet. Es wird übersehen, dass die „neuen“ kleineren Gemeinschaften wie z. B. die der Bosniaken oder Marokkaner, die zuvor Mitglied in einer oder mehrerer Religionsgemeinschaften waren (oder noch sind) ein Produkt der Vielfalt der muslimischen Community sind. Sie als „neuen“ Player den Religionsgemeinschaften entgegen zu stellen, trägt aus innermuslimischer Sicht mehr zu Abgrenzung bei als zu Pluralisierung.


Vielfalt durch Liberale und Säkulare?

Ein weiteres Thema, das in jedem Panel der DIK zur Sprache kam bzw. von der Moderatorin immer wieder eingebracht wurde, sind „liberale Muslime“ bzw. ein „liberaler Islam“ und die überraschend vor der DIK gegründete „Initative säkularer Islam“. Die Teilnahme dieser – wie auf dem Podium deutlich wurde – auch untereinander sehr zerstrittenen marginalen Gruppierungen war im Vorfeld der DIK recht strittig. Bis einige Wochen vor der DIK war nicht klar, ob sie eingeladen werden.

Ihre Einbindung dürfte zwei Gründe haben. Erstens möchte man wohl der Kritik vom rechten Rand entgegnen, aus der immer wieder moniert wurde, man würde – wie in der dritten DIK – nur mit den „Verbänden“ konferieren. Zum anderen möchte man, so scheint es, den islamischen Gemeinschaften etwas entgegensetzen. Das Zusammentreffen dieser Gruppen mit den islamischen Religionsgemeinschaften wird jedoch unweigerlich zu Streit führen. Das wurde in der Auftaktveranstaltung auch deutlich. Das BMI ist dann in der moderierenden Position des Schlichters.

Der inhaltliche Beitrag vonseiten der Vertreter eines „liberalen“ und „säkularen“ Islams scheint auf einige wenige Themenfelder begrenzt zu sein. Die ersteren haben in ihren bisherigen Redebeiträgen und schriftlichen Statements nicht viel mehr thematisiert als mehr Akzeptanz für „queere Muslime“, gleichgeschlechtliche Ehe und die Abkehr von einem Absolutheitsanspruch. Alle drei Forderungen dürften in der muslimischen Gesamtbevölkerung keinen großen Anklang finden. Entsprechendes gilt für das Konstrukt eines „säkularen Islams“, das allein dem Wortlaut schon ein Paradox ist, weil „säkular“ im strengen Wortsinn „religionsneutral“ bedeutet. Die säkulare Islam-Initiative ist nicht viel mehr als der Versuch, mit dem Label Islam Eingang in den Islamdiskurs zu finden. Auch hier lassen die lautstarken und bühnenreifen Redebeiträge der üblichen Verdächtigen nicht viel erwarten. Wer ihnen folgt, findet nichts als eine „religionsneutrale Religion“.


Innermuslimischer Ausblick

Aus innermuslimsicher Perspektive war die Veranstaltung aus zweierlei Hinsicht aufschlussreich. Die erste Beobachtung betrifft die kritiklose Verinnerlichung vorgegebener Begrifflichkeiten. Muslimische Vertreter und sonstige Akteure haben sich gegenseitig darin überboten, deutlich zu machen, dass sie „gute, deutsche Muslime“ seien. Damit haben sie – entgegen ihrer Absicht – zur Verfestigung der Gräben zwischen muslimischen Gruppierungen beigetragen und Ausgrenzungsmechanismen bestärkt. Innerhalb einiger Monate wurde neben den zurecht kritisierten Labels „liberal“ und „säkular“ nun das Label „deutsch“ übernommen und verinnerlicht – ohne eine vorherige inhaltliche Auseinandersetzung. Dieses neue Label, das in erster Linie an Muslime mit Migrationshintergrund gerichtet ist, macht mehrdimensionale Identitäten unmöglich, indem es alles unter „deutsch“ subsumiert. Doch wieso sollte und muss sich ein Muslim mit z. B. türkischen und deutschen Wurzeln, der in Deutschland seinen Lebensmittelpunkt sieht, allein oder zuerst als „deutsch“ sehen (müssen)? In einer pluralistischen Gesellschaft ist und sollte nicht nur möglich, sondern normal sein. In diesem Sinne waren auf der Konferenz auch kritisch Stimmen zu hören. Einen Konsens gibt es diesbezüglich jedenfalls nicht.

Zweitens war oftmals die Aussage zu hören, man würde ja gerne mehr tun, aber man hat keine Finanzmittel. Am deutlichsten wurde dies auf dem Panel der Auftaktveranstaltung, wo der Minister und der Vorsitzende des ZMD darüber feilschten, wie viele Imame im Jahr 2019 in Deutschland ausgebildet werden sollten. Bei anderen Themen wie z. B. Flüchtlingshilfe oder Seelsorge, also klassischen sozialen Diensten, die auch bei anderen Religionsgemeinschaften gefördert werden, ist staatliche Hilfe angebracht und oft notwendig. Anders bei der Imamausbildung. Diese ist zu bedeutend als dass sie in irgendeiner Weise unter staatlichen Einfluss geraten sollte, zumal der Staat sich als neutral versteht. Die Gefahr der Vereinnahmung ist zu groß. Bei so etwas Wichtigem wie der Vermittlung des Glaubens sollte der Staat sich nicht einmischen (müssen). Außerdem wird die Imamausbildung schon in Eigenregie durchgeführt, z. B. von der VIKZ oder der IGMG. Und auch die DITIB fördert seit 2006 in Deutschland sozialisierte junge Muslime, die ein Theologiestudium in der Türkei absolvieren möchten, um anschließen wieder in Deutschland z. B. als Imam aktiv zu werden.

Fazit des DIK-Starts ist: Vielfalt ist gut, wenn sie zusammen ein großes Ganzes ergibt. Streit ist gut, wenn am Ende etwas Konstruktives entsteht. Die DIK hat bisher aber mehr zu Profilierung und Polemik geführt als zu Dialog und Empathie. So jedenfalls auf der Auftaktveranstaltung. Das liegt an dem als fluide Diskussion gepriesenen Format, aber auch an den unzähligen und kaum auf einen Nenner zu bringenden Teilnehmern. Ob nun in den geplanten Arbeitsgruppen der DIK etwas Konstruktives entstehen kann, bleibt abzuwarten.

 

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