
IQNA: Koranübersetzungen ins Polnische stehen gewöhnlich mit dem Erbe der polnisch-litauischen Tataren in Verbindung, doch in den letzten Jahren ereigneten sich neue und bemerkenswerte Entwicklungen. (Quelle: Global Quran)
Zum Beispiel wurde im Jahr 2021 eine Übersetzung des Korans von der „Vereinigung der Einheit der Muslime“ („Stowarzyszenie jedności muzułmańskiej“, die im Folgenden SJM genannt wird) veröffentlicht. Der Übersetzer dieses Werkes war Rafał Berger (geboren 1963), ein polnischer Schriftsteller und Journalist, ist derzeit Vorsitzender und Hauptimam der SJM.
Sein Übersetzungsprojekt war kein individuelles, denn er nennt einige Personen die ihm bei der Korrektur und Bearbeitung seines Textes halfen, darunter zwei weitere Mitglieder des Vorstandes der SJM: Arkadiusz Miernik (geboren 1981), in Großbritannien lebender Gemeindeimam polnischer Abstammung und Mahmud Taha Żuk (geboren 1939), polnischer Forscher und Aktivist, der eine der herausragenden Persönlichkeiten der Bewegung zur Wiederbelebung der islamischen Identität in Polen in der postsocialistischen Zeit ist. Erwähnenswert ist, dass Mahmud Taha Żuk, der als Hauptredakteur des Korans bekannt ist, bereits im Jahr 1990 seine eigene polnische Übersetzung verfasst hatte, die vollständig auf der englischen Koranübersetzung von Sher Ali (1965) beruhte, die in London veröffentlicht worden war.
Das Übersetzungsprojekt von Berger wurde von der in Großbritannien ansässigen Weltföderation der Khoja-Zwölfer-Schiiten-Muslimgemeinschaften (KSIMC) finanziert. Diese Organisation ist eine schiitische Einrichtung, die hauptsächlich im Westen tätig ist und eine Khoja-schiitische Gruppe innerhalb der zwölfer-schiitischen Gemeinschaft repräsentiert.
Diese Gruppe besteht aus Angehörigen einer ethnisch-religiösen Minderheit aus Gujarat in Indien, deren Vorfahren ursprünglich im 15. Jahrhundert zum nizārītisch-ismaʿilitischen Islam übertraten und sich dann im 19. Jahrhundert dem Zwölfer-Schiitentum zuwandten. Auf der theologischen Ebene haben die Khoja-Schiiten eine enge Verbindung zu irakischen schiitischen Führern wie Großajatollah al-Sistani, wodurch sie in das globale Netzwerk schiitischer Gemeinschaften eingebunden sind.
Die Weltföderation KSIMC ist wegen ihrer verlegerischen Tätigkeiten bemerkenswert: So druckte und verbreitete diese Organisation im Jahr 2015 eine kurze englische Übersetzung der Koranauslegung des iranischen Marjaʿ at-Taqlīd Ajatollah Naser Makarem Shirazi unter dem Titel „The Message of the Qur'an: Thematic Exegesis of the Holy Qur'an“. Abgesehen von Bergers polnischer Koranübersetzung wurde jedoch noch keine andere Übersetzung des Korans in slawische Sprachen (oder allgemein in Mittel- und Osteuropa) von der Weltföderation KSIMC veröffentlicht, daher ist nicht klar, in welchem Maß diese Gemeinschaft an der Förderung neuer Koranübersetzungen interessiert ist.
Diese Übersetzung unterscheidet sich durch zwei Hauptmerkmale von anderen polnischen Koranübersetzungen: erstens durch die Tatsache, dass der Autor und alle, die ihm bei diesem Projekt halfen, Neubekehrte sind und zweitens durch die Tatsache, dass sie alle dem Schiitentum anhängen.
Während die meisten Muslime Polens der Gemeinschaft der polnisch-litauischen Tataren angehören oder aus dem Nahen Osten oder der Türkei eingewandert sind, zeigt die Khoja-schiitische Gemeinschaft eine Art Minderheitenpräsenz gegenüber der sunnitischen Mehrheit, die genügend Mut besitzt eine andere Lesart des Korans vorzulegen. Daher eröffnet dieses schiitische Werk, indem es die bestehenden Übersetzungen erweitert, die von Nichtmuslimen verfasst wurden (wie die Übersetzung von J. Bielawski, veröffentlicht im Jahr 1986) oder sunnitische Übersetzungen (wie die 2018 von M. Czachorowski veröffentlichte Übersetzung), seinen Lesern neue Auslegungshorizonte.
Bezüglich des Übersetzungstextes kann gesagt werden, dass die vom Übersetzer und seinen Mitarbeitern verfassten einleitenden Materialien vollkommen aufschlussreich sind. Nachdem sie über die Bedeutung des Korans für die Muslime sprachen, geben sie eine kurze Geschichte der Koranübersetzung ins Polnische und erwähnen die Vor- und Nachteile anderer Übersetzungen.
Es scheint, dass das Endziel darin bestand eine Übersetzung vorzulegen, die in modernem, flüssigem Polnisch und ohne jede Verwendung veralteter Sprache gelesen werden kann, für jede Art von Leser lesbar ist und viele kurze erklärende Fußnoten bietet.
Dieses Ziel ist im Allgemeinen erfolgreich verwirklicht worden, obwohl einige Punkte vom Leser sorgfältig hinterfragt werden können. Zum Beispiel bietet die Auslegung des Anfangsverses der Sure al-Baqara, die die „abgetrennten Buchstaben“ (Alif, Lam, Mim), die den Auftakt der Sure bilden, behandelt, folgende Erklärung: „Viele Suren des Korans beginnen mit dem Herabsenden dieser drei arabischen Buchstaben. Es gibt viele Deutungen ihrer Bedeutungen, aber alle sind lediglich Vermutungen.“
Diese Art der Auslegung kann für diejenigen, die zuvor noch nie etwas über den Koran lasen, etwas verwirrend sein. Im Allgemeinen beruht diese Übersetzung nahezu vollständig auf schiitischen Quellen wie der zwölfer-schiitischen Hadith-Sammlung „al-Kāfī“ von al-Kulaini (gestorben 941), „Nahdsch al-Balāgha“ von Scharif Radi (gestorben 1015), dem Tafsir von al-ʿAyyāschī (gestorben 932) und anderen Quellen. Viele Verse sind mit Anmerkungen versehen, die eine völlig schiitische Lesart anbieten, wie etwa der Hinweis auf die Ghadir-Predigt des Propheten, in der er Ali ibn Abi Talib als Fürst der muslimischen Gemeinschaft bestimmte.
Der Haupttext der Übersetzung selbst weist jedoch weniger Anzeichen eines schiitischen Ansatzes auf (mit Ausnahme einer schiitischen Lesart von Vers 6 der Sure al-Māʾida). Dies mag zumindest teilweise daran liegen, dass dieses Werk vollständig auf anderen Auslegungen beruht, darunter russische, deutsche, tschechische und englische Übersetzungen, die fast alle sunnitische Lesarten sind (mit Ausnahme des „Clear Quran“ von Talal Itani, das vom Autor als „ein Werk weder sunnitisch noch schiitisch“ bezeichnet worden ist).
Berger sagt, dass er auch das arabische Original benutzte, obwohl nicht ganz klar ist, wo er den Haupttext und wo andere auslegende Texte verwendete. Bergers Gebrauch verschiedener anderer Übersetzungen kann einige der Unstimmigkeiten erklären, die in seinen Übersetzungen einiger wichtiger theologischer Verse vorhanden sind, sogar aus der Sicht der schiitischen Hauptströmung: Zum Beispiel ist in Vers 1 der Sure 67 der Ausdruck „bi-yadihi al-mulk“ („die Herrschaft wurde in seiner Hand“) metaphorisch mit „derjenige, der alle Macht hat“ übersetzt worden, während Vers 5 der Sure Tāhā (الرَّحْمَنُ عَلَى الْعَرْشِ اسْتَوَى) für „istiwāʾ ʿalā al-ʿarsch“ das Äquivalent „derjenige, der sich auf den erhabenen Thron setzte“ bietet.
Obwohl diese Koranübersetzung im Jahr 2021 veröffentlicht worden ist, war sie bereits zuvor online auf einer verhältnismäßig benutzerfreundlichen Website (e-koran.pl) veröffentlicht worden und einige Suren sind in Form von Audiodateien verfügbar.
Insgesamt entspricht diese Übersetzung in mehrfacher Hinsicht den Bedürfnissen zeitgenössischer Leser: In diesem Werk wird moderne Sprache verwendet, hat viele kurze und gut lesbare Fußnoten und kann die Aufmerksamkeit von Konvertiten auf sich ziehen, die mit keiner der traditionellen islamischen ethnischen Gruppen verbunden sind, die Polen als ihre Heimat betrachten (wie Tataren, Einwanderer aus dem Nahen Osten usw.). Es scheint, dass diese Übersetzung eine der umfassendsten Quellen für die schiitische Koranauslegung ist, die nicht nur in Polen, sondern in ganz Mittel- und Osteuropa hervorgebracht wurde.
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