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Warum ein libanesischer Christ den Iran versteht

15:40 - July 21, 2026
Nachrichten-ID: 3015117
IQNA- Aus der Feder des des libanesischen Schriftstellers und Denkers Rony Alfa

Jeden Morgen frage ich mich nicht, ob ich zuerst Christ oder zuerst Kind des Orients bin. Ich stelle mir eine einfachere Frage: Wenn der Schrei eines Unterdrückten zum Himmel aufsteigt an wessen Seite steht mein Gewissen? Meine Identität beginnt genau dort und alle kleinen Identitäten enden dort.

 

Warum ein libanesischer Christ den Iran versteht

 

Das Christentum lehrte mich nicht den Mächtigsten nachzueifern! Es lehrte mich den am meisten Verwundeten zu suchen. Es lud mich nicht an die Tafeln der Caesaren ein sondern führte mich in die Gassen von Galiläa! Dorthin wo Christus sanft die Schultern der Vergessenen berührte, den einfachen Menschen die Füße wusch und jedes Mal wenn Macht zur Peitsche wurde dagegen aufstand. Deshalb bin ich nicht verwundert, dass mein politisches Gewissen eine Erweiterung meines Glaubens ist und nicht von ihm getrennt. Für mich ist das Evangelium nicht nur ein Gebetsbuch; es ist auch ein Buch der Positionierung.

Von hier aus habe ich keine Scham zu sagen, dass ich als orientalischer Christ im Iran etwas jenseits der Politik fand. Ich fand eine Erzählung die besagt, dass Unabhängigkeit nicht nur ein Slogan ist, dass Widerstand gegen Dominanz kein Verbrechen ist und dass Würde manchmal wertvoller als Wohlstand ist. Ich sah Menschen die immer noch daran glauben, dass Nationen das Recht haben „Nein!“ zu sagen, auch wenn der Preis dafür Jahre der Blockade, Druck und Isolation ist.

Viele mögen Meinungsverschiedenheiten mit der Islamischen Republik haben und das ist ihr Recht. Vielleicht kritisieren sie die Politik, Art der Verwaltung oder Stand der Freiheiten und auch das ist ihr Recht. Aber ich kann es nicht nur mit einem Auge betrachten! Denn der Orient lehrte mich, dass ein einzelnes Auge nur die Hälfte der Wahrheit sieht.

Aus meiner Sicht ist der Iran nicht das Bild, das die koloniale Propaganda über Jahrzehnte hinweg zeichnete. Es ist nicht das verschlossene Land das man in der Vorstellung der Menschen verankern will. Der Iran ist ein Land das in seinem Gedächtnis schichtweise Zivilisationen, vielfältige Menschen, vielfältige Sprachen und vielfältige Religionen trug. In seinen Kirchen hallen alte Gebete wider, in seinen Kultstätten ist eine uralte Erinnerung lebendig, in seinen Moscheen fließt der Puls einer islamischen Gemeinschaft und in seinen Bergen verbirgt sich eine Geschichte, die in keine Schlagzeile passt. Aus diesem Grund sehe ich es eher als ein Land der Vielfalt, anstatt es als Symbol für Konflikte zu betrachten.

Ich bin ein Kind des Libanon. Ich weiß sehr gut wie Bilder konstruiert werden, wie sie verkauft werden und wie sie selbst zu einem Gefängnis für die Wahrheit werden. Ich weiß wie Nationen auf eine Karikatur reduziert werden und wie Lügen durch ständige Wiederholung für diejenigen die die Wahrheit nicht mit eigenen Augen sahen zur Gewissheit werden. Deshalb akzeptiere ich es nicht ein ganzes Volk auf einen Nachrichtenbeitrag, eine politische Rede oder Wirtschaftssanktion zu reduzieren.

Die Islamische Republik macht mir keine Angst, denn ich messe Menschen nicht an ihren Slogans, sondern messe sie an ihren Positionen. Ich fürchte jede Macht die den Menschen auf eine leblose Zahl reduziert. Ich habe Angst vor jedem Plan der sein eigenes Gedeihen auf Zerstörung anderer aufbaut. Mehr als Differenzen fürchte ich die Besatzung und ich glaube, dass ein Unterschied in der Überzeugung niemals die Komplizenschaft des Gewissens mit Unterdrückung rechtfertigen kann.

Das Christentum wurde im Orient geboren! Nicht unter dem Schutz von Flotten. Kriegsschiffe brachten es nicht mit sich; die Armen trugen es auf ihren Schultern. Die Märtyrer trugen es. Jene die wussten, dass das Kreuz kein Schmuck um den Hals ist, sondern Verantwortung auf den Schultern; es ist kein Holz zum Prahlen, sondern Zeichen für Opfer.

Deshalb ist mein Christentum von Natur aus widerstandsfähig; widerstandsfähig gegenüber Unterdrückung noch bevor es gegenüber Personen ist; widerstandsfähig gegenüber Tyrannei noch bevor Feindseligkeit gegenüber Staaten. Dieser Glaube fragt nicht nach Identität des Unterdrückten, sondern fragt nach seinem Leid! Er fragt nicht nach Religion des Mörders, sondern fragt nach dem Verbrechen selbst. Er ergreift nicht die Partei des Blutes, sondern die Partei des Rechts! Nicht die Partei des Stammes, sondern Partei des Menschen.

Je näher ich dem Evangelium komme, desto weiter entferne ich mich vom Fanatismus. Je mehr ich die Bergpredigt lese desto kleiner werden in meinen Augen die Grenzen die der Fanatismus zwischen den Menschen zog. Und wenn ich lese: „Selig sind die Friedensstifter“ so verstehe ich dies nicht als Ruf zur Kapitulation, sondern als Ruf zur Errichtung einer Gerechtigkeit die vor dem Frieden kommt; denn ein Frieden der aus Angst geboren wird ist nur ein vorübergehender Waffenstillstand, aber ein Frieden aus Gerechtigkeit gewachsen ist das Leben selbst.

Ich weiß, dass diese Worte viele unglücklich machen. Ich weiß manche wollen, dass der orientalische Christ ein Gefangener seiner Angst bleibt und seine Freundschaften nicht auf Basis von Werten, sondern auf Basis der Konfession definiert. Sie wollen, dass er mehr Angst vor seinem Nachbarn hat als vor dem Besatzer; dass er mit jemandem der religiös anders ist Feindschaft pflegt auch wenn dieser im Kampf zur Verteidigung von Land und Würde in derselben Schützengraben-Reihe steht. Sie wollen, dass er in der Mauern der Konfession lebt, während Christus mit jedem Schritt Mauern einriss.

Aber ich kann nicht in einem solchen Käfig leben! Ich suche nicht nach einem Verbündeten der mir in Riten ähnelt; ich bin auf der Suche nach einem Begleiter der im Widerstand gegen Unterdrückung mit mir einig ist. Denn Gerechtigkeit hat keine Religion, Freiheit hat keine Kirche und Würde bedarf weder eines Taufscheins noch einer konfessionellen Identität.

Vielleicht verstehe ich deshalb den Iran auf eine andere Weise! Ich sehe den Iran nicht als einen Engel der frei von Fehlern ist, genauso wenig wie ich irgendein Land als solches sehe. Aber aus meiner Sicht steht der Iran in einem Kampf der über seine eigenen Grenzen hinausgeht; ein Kampf dessen Titel Unabhängigkeit in der Entscheidungsfindung ist, Ablehnung von Diktat und Aufzwingen und Glaube daran, dass die Nationen dieser Region es verdienen ihre Zukunft mit eigenen Händen zu schreiben, nicht der Feder anderer. Und das ist aus meiner Sicht eine Position über die man mit Vernunft sprechen sollte, nicht mit Aufregung darüber urteilen.

Vielleicht irrte ich mich in meiner politischen Einschätzung; Politik ist das Feld von Irrtum und Richtigkeit. Aber ich akzeptiere nicht, dass meine Position auf eine billige, konfessionelle Gleichung reduziert wird! Denn das Christentum das ich kenne ist größer als alle Konfessionen, weiter als alle Grenzen und tiefer als alle Frontenbildungen. Sein Wert wird nicht an der Zahl der Verbündeten gemessen, sondern an Aufrichtigkeit der Prinzipien.

Und wenn mich jemand fragt: Wie kann es sein, dass ein libanesischer Christ den Iran liebt?

Lächle ich!

Dann antworte ich, dass Christus selbst mich lehrte den Menschen an der Gerechtigkeit zu messen die er erschafft, nicht an dem Namen den er trägt und dass Liebe keine Auszeichnung ist die den Gleichgesinnten gegeben wird, sondern eine Brücke zwischen den Verschiedenen gebaut ist.

Deshalb habe ich nicht das Gefühl mich von meinem Christentum entfernt zu haben, wenn ich meine Hand in Richtung Orient ausstrecke.

Ich habe das Gefühl zu ihm zurückgekehrt zu sein.

Zu jenem Christentum, das seinen Platz nicht an den Höfen der Mächtigen sucht, sondern im Gewissen der Unterdrückten; ein Christentum das keine Angst davor hat allein an der Seite des Rechts zu stehen, wenn dieses allein gelassen wird und das nicht zögert die Hand eines anderen Menschen zu drücken, wenn dieser zwar anders ist, aber im Herzen mit ihm übereinstimmt bei Verteidigung der Menschenwürde. Denn ein Glaube der keinen Mut hervorbringt wird zu einer seelenlosen Gewohnheit und ein Glaube der nicht zur Hilfe für die Menschenwürde aufsteht reduziert sich nur auf zeremonielle Riten. Aber ich möchte, dass mein Christentum so bleibt wie ich es vor zweitausend Jahren kennenlernte: ein Brot für die Bedürftigen, eine Stimme für die Unterdrückten und ein Licht das Dunkelheit vertreibt bevor es sie fragt welche Identität sie hat.

 

Übersetzung ins Persische: Iranischer Schriftsteller, Forscher und Journalist Abbas Khamehyar 

Übertragen vom Persischen ins Deutsche: Stephan Schäfer

 

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Stichworte: Der Iran ، widerstand ، Christentum
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