Einer der herausragendsten Forscher der Islamstudien im Westen John Esposito starb am Mittwoch in der Stadt Philadelphia im Alter von 86 Jahren an den Folgen einer Herzoperation. Esposito, der als einer der einflussreichsten nichtmuslimischen Islamforscher galt, widmete mehr als fünf Jahrzehnte seines wissenschaftlichen Lebens dem Studium des Islam, muslimischen Gesellschaften und Untersuchung der Beziehungen zwischen Islam und Westen.

Die Georgetown University betonte in ihrer Mitteilung, dass er eine entscheidende Rolle bei der Herausbildung moderner Islamstudien an den Universitäten der USA spielte.
Der Tod Espositos löste in den wissenschaftlichen Kreisen der Welt breite Reaktionen aus.
Der Gastprofessor am Lehrstuhl für Islamische Studien der Islamischen Internationalen Universität Indonesien Yahya Jahangiri Sohravardi sagte im Interview mit IQNA unter Hinweis auf Espositos Tod: Der herausragende amerikanische Islamwissenschaftler und emeritierte Professor der Georgetown University John Esposito starb am 15. Juli 2026 in Philadelphia infolge von Komplikationen nach einer Herzoperation im Alter von 86 Jahren. Neben seiner Lehrtätigkeit in den Bereichen Religion, Internationale Beziehungen und Islamische Studien war er Gründer des Zentrums „Verständnis zwischen Islam und Christentum“ und einer der Mitbegründer des Forschungsprojekts „Bridge“ zur Bekämpfung der Islamfeindlichkeit; eine Persönlichkeit die auch die Georgetown University als eine der einflussreichsten Figuren bei der Entstehung moderner Islamstudien und der Studien über muslimische Gemeinschaften bezeichnet.
Jahangiri sagte mit einem Rückblick auf Espositos wissenschaftliches Leben: Er wurde 1940 in Brooklyn / New York in eine Familie italienischer Herkunft und katholischen Glaubens geboren. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er in einem tief religiösen Umfeld und dachte sogar eine Zeit lang daran Priester zu werden. Er setzte sein Studium im Fach Theologie fort und erhielt schließlich 1974 seinen Doktortitel von der Temple University.
Der Einstieg Espositos in die Islamstudien war, anders als viele meinten von Anfang an nicht geplant. Er hatte wiederholt berichtet, dass er auf Vorschlag des Leiters der Lehrgruppe bei dem palästinensisch-amerikanischen Denker Ismail Raji al-Faruqi studierte. Obwohl er diesen Vorschlag zunächst mit Skepsis annahm, veränderte Faruquis Lehrweise seinen Blick auf den Islam und islamische Zivilisation und änderte den Verlauf seines wissenschaftlichen Lebens.
Der Universitätsprofessor fügte unter Hinweis auf eine der wichtigsten intellektuellen Grundlagen Espositos hinzu: Er war der Ansicht, dass der Islam an westlichen Universitäten nicht bloß neben östlichen Religionen wie Hinduismus und Buddhismus gelehrt werden darf, sondern historisch und theologisch als Teil der abrahamitischen Tradition und in Beziehung zu Judentum und Christentum untersucht werden muss.
Er betonte: Genau diese Sichtweise bildete eine der wichtigsten Grundlagen des wissenschaftlichen Projekts Espositos; eines Projekts das den Islam nicht als dem Westen fremde Religion, sondern eine der drei großen monotheistischen Traditionen vorstellen wollte.
Jahangiri sagte mit Hinweis auf die Bedingungen unter denen Esposito seine wissenschaftliche Tätigkeit ausübte: Er wandte sich den Islamstudien in einer Zeit zu in der der Islam in der US-Politik und Medien noch keinen ausgeprägten Stellenwert hatte; doch die Islamische Revolution im Iran, Entwicklungen in Afghanistan, Wachstum islamischer Bewegungen und später die Ereignisse des 11. September machten den Islam zu einem der wichtigsten medialen und politischen Themen der Welt.
Er fuhr fort: In einem solchen Umfeld wandte sich Esposito gegen zwei verbreitete Ansätze; erstens gegen die Sicht der Islam sei seinem Wesen nach gewalttätig sei udn somit unvereinbar mit Demokratie und Feind der westlichen Zivilisation darstellte und zweitens gegen eine Haltung die alle muslimischen Gesellschaften und Bewegungen als gleich ansah.
Jahangiri stellte klar: Aus Espositos Sicht ist der Islam keine einheitliche Realität ohne Vielfalt und das Verhalten einer extremistischen Gruppe oder Aktionen eines muslimischen Staates können nicht dem Koran, dem Propheten Gottes (s) oder allen Muslimen zugeschrieben werden.
Er fügte hinzu: Esposito hatte wiederholt davor gewarnt die Aktionen einer kleinen extremistischen Minderheit auf die gesamte islamische Welt zu übertragen; dies ist nicht nur wissenschaftlich falsch, sondern bereitet auch dem Ausufern von Diskriminierung und Islamfeindlichkeit den Boden.
Jahangiri betonte mit Hinweis auf Espositos wissenschaftliche Bilanz: Der Umfang der Forschungsaktivitäten dieses US-Islamwissenschaftlers war außergewöhnlich. Nach Angaben der Georgetown University veröffentlichte er mehr als 55 Bücher und über hundert wissenschaftliche Artikel; Werke, die in Dutzende Sprachen übersetzt wurden und von denen viele zu Lehrmaterialien an Universitäten in verschiedenen Teilen der Welt wurden. Darüber hinaus übernahm Esposito auch die Aufgabe des Chefredakteurs und wissenschaftlichen Herausgebers mehrerer der wichtigsten Oxford-Enzyklopädien im Bereich Islamstudien.
Er sagte, dass sich Espositos Werke nicht nur auf die Vorstellung des Islam beschränkten und fügte hinzu: Das Buch „Islam; der gerade Weg“ gilt als eines seiner bekanntesten Werke, das seit seiner Veröffentlichung im Jahr 1988 zu einem der authentischsten Einführungsbücher über den Islam wurde. In diesem Werk beginnt Esposito mit dem Leben des Propheten Gottes (s) und dem Koran und untersucht dann die Geschichte der islamischen Gesellschaften die Glaubensvorstellungen, Rituale, Reformströmungen und Fragen der zeitgenössischen islamischen Welt.
Jahangiri fügte hinzu: Auch in dem Buch „Islam und Politik“ bemühte sich Esposito ein realitätsnahes Bild vom Verhältnis von Religion und Politik in der islamischen Welt zu zeichnen. Bei der Untersuchung der Beziehung zwischen Religion und Staat betonte er das Entstehen islamischer Bewegungen, Auswirkungen des Kolonialismus und Erfahrung der Staaten nach der Unabhängigkeit und hob hervor, dass politischer Islam nicht einfach mit Gewalt und Extremismus gleichgesetzt werden kann und dass zwischen reformorientierten, wahlorientierten, revolutionären und gewaltorientierten Strömungen unterschieden werden muss.
Er fuhr fort: Auch in dem Buch „Die islamische Bedrohung; Mythos oder Wirklichkeit?“ ging Esposito der Frage nach ob der Islam nach Zerfall der Sowjetunion zum neuen Feind des Westens geworden sei oder nicht. Obwohl er das Vorhandensein gewaltorientierter Strömungen anerkannte war er der Ansicht, dass die Darstellung des Islam als eines einzigen Feindes die komplexe Realität der islamischen Welt verfälscht.
Der Universitätsprofessor sagte mit Hinweis auf das Buch „Was jeder über den Islam wissen sollte“: In diesem Werk erklärte Esposito in einfacher Sprache und Frage-und-Antwort-Form Themen wie Koran, Prophet Gottes (s), Stellung von Jesus (a) und Maria (s) im Islam, Dschihad, Scharia, Frauen, Demokratie und Beziehungen der Muslime zum Westen für ein westliches Publikum; ein Buch das für viele Leser die erste geordnete und fern von der Medienatmosphäre entstandene Bekanntschaft mit dem Islam war.
Jahangiri wies unter Bezug auf Espositos Werke nach den Ereignissen des 11. September darauf hin: In dem Buch „Unheiliger Krieg; Terror im Namen des Islam“ unterschied er zwischen dem Begriff Dschihad in der islamischen Tradition und ideologischen Ausnutzung dieses Begriffs durch terroristische Gruppen und zeigte, dass sich Extremismus nicht allein mit Verweis auf religiöse Texte erklären lässt, sondern dass man bei seiner Analyse auch politische Faktoren, militärische Besatzung, innere Unterdrückung, Krisen der Staaten sowie Gefühle von Diskriminierung und Demütigung berücksichtigen muss.
Er verwies außerdem auf das Buch „Wer spricht für den Islam? Wie denken eine Milliarde Muslime wirklich?“ und sagte: In dieser Untersuchung stützte sich Esposito nicht auf die Erzählungen von Staaten oder Medien, sondern auf Ergebnisse umfangreicher Umfragen unter Muslimen und zeigte, dass ein erheblicher Teil der Muslime trotz ihrer religiösen Bindung Gerechtigkeit, Entwicklung, politische Teilhabe und respektvolle Beziehungen zum Westen wünscht; daher stimmt die Gegenüberstellung von Islam und Demokratie nicht mit der Wirklichkeit der Sichtweisen der Muslime überein.
Jahangiri fuhr unter Hinweis auf Espositos Rolle bei der Erstellung von Referenzwerken der Islamwissenschaft fort: Seine Dienste beschränkten sich nicht auf das Verfassen eigener Bücher, sondern spielte durch Herausgeberschaft und wissenschaftliche Bearbeitung von Reihen wie der Oxford-Enzyklopädie der islamischen Welt, Oxford-Enzyklopädie der zeitgenössischen islamischen Welt, Oxford-Geschichte des Islam, Oxford-Wörterbuch des Islam und der dreibändigen Reihe „Die islamische Welt; Vergangenheit und Gegenwart“ eine wichtige Rolle bei der Organisation der wissenschaftlichen Quellen dieses Fachgebiets. Seine Werke und Artikel wurden zudem in 35 Sprachen der Welt übersetzt.
Er fügte hinzu: Die Bedeutung Espositos lag weniger im Verfassen der Einträge dieser Werke als vielmehr in der Rolle eines „wissenschaftlichen Architekten“; eines Forschers der versuchte in großen Islamwissenschaftsprojekten eine vielfältige Sammlung von Standpunkten, Fachkenntnissen und wissenschaftlichen Ansätzen zusammenzubringen und ein umfassenderes Bild des Islam und muslimischen Gesellschaften zu vermitteln.
Jahangiri stellte mit Hinweis auf Espositos Blick auf den Schiismus klar: Obwohl er im traditionellen Sinne kein Spezialist für schiitische Theologie oder Rechtswissenschaft war, nahm der Schiismus und insbesondere die politische und soziale Erfahrung der Schiiten im Iran in seinen Studien einen wichtigen Platz ein.
Er fügte hinzu: Die Veröffentlichung des Buches „Die iranische Revolution; ihre weltweiten Auswirkungen“ im Jahr 1990 sowie Herausgabe des Buches „Iran am Scheideweg“ zählen zu seinen wichtigsten Werken auf diesem Gebiet; Werke die die Islamische Revolution und Entwicklungen der Islamischen Republik Iran nicht nur als innere Angelegenheit betrachteten, sondern auch deren regionale und internationale Folgen untersuchten.
Er fuhr fort: In den unter Espositos Aufsicht veröffentlichten Referenzwerken wurden dem Schiismus, schiitischen politischen Denken, Islamischen Revolution, Imam Khomeini (r), der schiitischen Geistlichkeit sowie politischen und sozialen Entwicklungen Irans eigene Einträge gewidmet; ein Schritt der dazu führte, dass der Schiismus in den westlichen Universitätsstudien als eigenständige historische, intellektuelle und soziale Tradition und nicht bloß im Rahmen zeitgenössischer politischer Entwicklungen Beachtung fand.
Jahangiri fügte unter Hinweis auf Espositos Rolle bei der Entwicklung des interreligiösen Dialogs hinzu: Eine seiner wichtigsten bleibenden Leistungen war Gründung des Zentrums „Verständnis zwischen Islam und Christentum“ an der Georgetown University im Jahr 1993. Die Bedeutung dieses Schrittes lag darin, dass Georgetown eine Universität mit christlich-jesuitischem Hintergrund ist und die Schaffung eines ständigen Zentrums zur Erforschung des Islam sowie Beziehungen zwischen Muslimen und Christen als wirksamer Schritt zur Institutionalisierung des interreligiösen Dialogs gilt.
Er fügte hinzu: Dieses Zentrum entwickelte sich allmählich zu einem der wichtigsten Forschungszentren der Welt für die Beziehungen zwischen Islam und Westen, politischen Islam, Muslime in USA und Europa, interreligiösen Dialog und Islamfeindlichkeit. Mit dem Forschungsprojekt „Bridge“ setzte Esposito außerdem die wissenschaftliche Untersuchung von Netzwerken, Literatur und sozialen Folgen der Islamfeindlichkeit auf die Agenda. Dieser Gastprofessor am Lehrstuhl für Islamstudien der Internationalen Islamischen Universität Indonesiens betonte, dass der Dialog zwischen Islam und Christentum aus Espositos Sicht nicht auf symbolische Treffen zwischen Religionsoberhauptn beschränkt bleiben darf, sondern zu einer Verbesserung der Inhalte von Lehrbüchern, einer Veränderung der medialen Sprache, Ausbildung von Diplomaten, Ausweitung des gegenseitigen Verständnisses unter Wissenschaftlern und Bekämpfung sozialer Diskriminierung führen muss.
Jahangiri sagte mit Hinweis auf weitere wissenschaftliche Eigenschaften Espositos: Er gehörte zu den wenigen Forschern denen es gelang eine wirksame Verbindung zwischen Universität und Gesellschaft herzustellen. Neben seiner akademischen Tätigkeit beriet Esposito auch Regierungen, internationale Organisationen, Medien und politische Denkzentren was dazu führte, dass seine Werke und Ansichten nicht auf universitären Raum beschränkt blieben.
Er fügte hinzu: Esposito war der einzige Forscher, der sowohl Vorsitz der Middle East Studies Association of North America als auch der American Academy of Religion innehatte. Darüber hinaus erhielt er sieben Ehrendoktorwürden und zahlreiche wissenschaftliche Auszeichnungen im Bereich der Islamstudien, Bildung und des öffentlichen Religionsverständnisses was seine herausragende Stellung in den internationalen wissenschaftlichen Kreisen belegt.
Der Forscher für Islamstudien erklärte, dass Espositos Ansatz nicht immer einhellig begrüßt wurd und sagte: Einige Kritiker waren der Ansicht, er sei bei der Bewertung bestimmter islamistischer Bewegungen zu optimistisch oder habe im Bemühen der Islamfeindlichkeit entgegenzutreten die autoritären Seiten mancher islamischer Strömungen weniger beachtet.
Gleichzeitig betonte er: Trotz dieser Kritik kann selbst von Espositos Gegnern seine entscheidende Rolle dabei nicht übersehen werden die Studien zum zeitgenössischen Islam im Bereich der US-Universität, Medien und Politikberatung einzuführen.
Jahangiri fasste am Ende Espositos wissenschaftliches Vermächtnis zusammen und sagte: Er war weder ein Koranexegese-Spezialist im eigentlichen Sinne des Wortes, noch Rechtsgelehrter und auch kein Forscher für Handschriften; sein Hauptarbeitsfeld war vielmehr das Studium des zeitgenössischen Islam, Verhältnisses von Religion und Politik, Beziehungen zwischen Islam und Westen, islamischer Bewegungen, Demokratie, Islamfeindlichkeit und interreligiösen Dialog.
Er fuhr fort: Das bleibende Vermächtnis Espositos lasse sich in einem Grundsatz zusammenfassen; nämlich dass Islam und Muslime mit derselben Genauigkeit, Vielfalt und Komplexität untersucht werden muss, mit der auch der Westen, Christentum und westlichen Gesellschaften erforscht werden. Seiner Ansicht nach ist eine richtige Erkenntnis des Islam nur dann möglich wenn man sich von Stereotypen, Vorurteilen und vereinfachenden Erzählungen distanziert.
Der Universitätsprofessor stellte klar: In einer Zeit in der das vorherrschende Bild des Islam in den westlichen Medien mit Krieg, Terror, Revolution und Krise verknüpft war bemühte sich Esposito den Lesern einen anderen Horizont zu eröffnen; einen Horizont in dem auch der Koran, islamische Zivilisation, alltägliche Leben der Muslime, Vielfalt der Glaubensrichtungen, Intellektuellen, Frauen, sozialen Akteure und vielfältigen Realitäten der islamischen Welt sichtbar werden.
Jahangiri sagte abschließend mit Hinweis auf das geistige Vermächtnis dieses amerikanischen Islamwissenschaftlers: Der Tod von John Louis Esposito ist der Verlust eines Forschers der weder Muslim war noch anmaßte anstelle der Muslime zu sprechen, der jedoch stets darauf bestand, dass die Welt den Islam richtig kennen muss bevor sie irgendein Urteil über ihn fällt.
Seiner Ansicht nach war Espositos vielleicht größte Leistung der Bau einer Brücke aus Wissen und Dialog zwischen einer Welt die viel über den Islam sprach und Menschen die nur selten die Gelegenheit hatten sich unmittelbar selbst vorzustellen.
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