IQNA

Spannungen im zionistischen Regime; von Zimmern der Rabbiner bis Straßenkonflikten

15:47 - July 02, 2026
Nachrichten-ID: 3015000
IQNA- In der Gesellschaft der besetzten Gebiete Palästinas wurde seit den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts die Kluft zwischen religiösen und säkularen Strömungen zu einer der wichtigsten Achsen politischer und gesellschaftlicher Auseinandersetzungen.

Verfasst vom Forscher im Bereich Zionismus und Judentum Ali Marufi Arani,

In der Gesellschaft der besetzten Gebiete Palästinas wurde seit den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts die Kluft zwischen religiösen und säkularen Strömungen zu einer der wichtigsten Achsen politischer und gesellschaftlicher Auseinandersetzungen.

Die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen im besetzten Palästina in den letzten Jahrzehnten spiegeln eine grundlegende Krise bei der Definition der Identität des zionistischen Regimes wider; eine Konfrontation zwischen zwei gegensätzlichen Paradigmen: säkularer Zionismus und religiöser Zionismus. Was äußerlich als parteipolitische Konflikte zwischen Strömungen wie Likud und Schas oder Spaltung zwischen säkularistischen Parteien und religiösen Hardlinern erscheint hat in Wirklichkeit seine Wurzeln in einer Neudefinition des Wesens des Staates. Einerseits besteht eine Strömung auf Bewahrung der zivilen Struktur und Trennung von Religion und Politik, andererseits streben aufsteigende religiös‑nationalistische Strömungen (von Gusch Emunim bis zum Jüdischen Heim) durch die Verknüpfung des Begriffs „Land“ mit dem „göttlichen Gesetz“ danach das israelische Regime in einen religiösen Staat zu verwandeln. Diese Verbindung zwischen territorialem Expansionismus und religiösem Fundamentalismus gestaltete nicht nur die grundlegenden Politiken des Landes neu, sondern schuf durch Kontrolle lebenswichtiger Institutionen wie des Familiensystems und öffentlicher religiöser Praktiken durch Rabbiner auch eine tiefe und unüberwindbare Kluft zwischen den Bürgern.

Tatsächlich sind die Straßenkonflikte über Fragen wie Einhaltung des Sabbats oder Kleidung der Frauen nur oberflächliche Anzeichen eines weitergehenden Kampfes um die Aneignung der eigentlichen Bedeutung des „jüdischen Staates“.

 

Zionistisches Regime im Griff des Extremismus; wenn Rabbiner über Leben der Bürger bestimmen

In den 1980er Jahren betraten Säkularisten als neuere religiöse Konkurrenten in der zionistischen Gesellschaft die politische Bühne; die Partei „Schas“ als Hauptvertreter der „Mizrachi“-Juden sowie der extremistische Flügel mit Neigung zu „Gusch Emunim“, der aus der Partei „National‑Religiös“ hervorging. Dieser extremistische Flügel war stark für territoriale Expansion, Siedlungsbau und Besatzung.

Im Jahr 2008 wurde die Partei „National‑Religiös“ aufgelöst und teilte sich in die Parteien „Jüdisches Heim“ und „Nationale Union“. In der Zwischenzeit führten säkulare und nationalistische Parteien wie Likud, die auf Ausweitung von Gebieten und Siedlungsbau bestanden zu einer Annäherung dieser Partei an „Gusch Emunim“. Seit diesem Zeitpunkt beobachten wir eine Annäherung der beiden religiösen und nationalistischen Strömungen sowie ihren politischen Einfluss in der zionistischen Gesellschaft und die Spaltung zwischen den zionistischen Bürgern.

Angesichts des Einflusses der Strömung des religiösen Zionismus in diesem Regime werden einige soziale Angelegenheiten von ihnen verwaltet. So ist es, dass ein Oberrabbiner alle Angelegenheiten von Ehe, Scheidung, Festlegung von Ritualen usw. übernimmt und wenn diese Bestimmungen entgegen den Regeln des Judentums durchgeführt werden, so werden sie von staatlicher Seite nicht als gültig anerkannt.

Dies führte zum Auftreten von Streitigkeiten und Auseinandersetzungen auf den Straßen und in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit zwischen Religiösen, Säkularen und zionistischen Bürgern. Allerdings werden die meisten dieser Konflikte von religiösen Juden begonnen. Beispielsweise belästigen Haredi‑Juden diejenigen, die den Sabbat nicht respektieren.

Derzeit gehören die meisten politischen Führer des israelischen Regimes wie „Kadima“, „Arbeitspartei“, „Likud“ sowie kleinere Parteien wie „Israel Beitenu“ und der „Jahad‑Meretz‑Block“ zu säkularen Parteien und vertreten die Trennung von Religion und Politik.

 

Vorherrschaft der Religion über Politik; wie religiöser Extremismus die zionistische Gesellschaft entzwei schnitt

In einem anderen Fall im Jahr 2013 protestierten religiöse Juden dagegen, dass Frauen während des Gebets einen Schal trugen und warfen Steine, Plastik und andere Gegenstände nach ihnen. Denn fanatische Juden betrachten das Tragen eines Schals durch Frauen und ihr lautes Beten als schlecht.

Die meisten dieser Auseinandersetzungen ereignen sich in Jerusalem wo der größte religiöse Bevölkerungsanteil lebt. So erlebte diese Stadt beispielsweise im Jahr 2011 Straßenkonflikte und Demonstrationen zwischen Religiösen und zionistischen Bürgern. Denn fanatische religiöse Zionisten forderten die Trennung von Frauen und Männern in Bildungs‑ und Freizeiteinrichtungen. Die Auseinandersetzungen eskalierten so stark, dass Netanjahu als Premierminister dieses Regimes Stellung beziehen musste und die Aufteilung der Stadt in zwei religiöse und säkulare Bereiche versprach.

Als schlimmster möglicher Fall kann auf die Ermordung des ehemaligen Premierminister des zionistischen Regimes Jitzchak Rabin verwiesen werden. Sein Mörder war ein religiöser extremistischer Student, der diese Tat aufgrund einer Fatwa seiner religiösen Führer beging, die Soldaten dazu aufrief die Räumung von Siedlungen zu verweigern. Ein weiteres Beispiel, das sogar Todesopfer forderte sind die Zusammenstöße zwischen Homosexuellen und Religiösen während der jährlichen Homosexuellenparaden in Tel Aviv und im besetzten Jerusalem.

Das zionistische Regime ist eines der Regime in denen die Religion (natürlich nicht die Lehren der Propheten Gottes, sondern die die im Laufe der Jahrhunderte in diese Religion eingebrachten Verfälschungen) eine tiefe Verbindung mit der Regierung hat. Nicht nur der Staat dieses usurpatorischen Regimes, sondern auch alle seine Strukturen sind auf einer verfälschenden Lesart der Religion und Geschichte des Judentums aufgebaut.

Es ist ein erstaunlicher Punkt, dass in einer Zeit in der alle internationalen und großen Medien der Welt für den Säkularismus (Trennung von Religion und Regierung) werben und die Mehrheit dieser Medien entweder im Besitz von Zionisten ist oder unter ihrem Einfluss steht, das israelische Regime selbst eine Regierung hat die auf religiösen und talmudischen Lehren basiert.

Wir müssen wissen, dass wenn die Regierung mit der Religion verbunden wird diese Verbindung sicherlich zur Quelle von Macht und Autorität wird. Gemeint ist jedoch eine Religion die nicht verfälscht wurde, im Gegensatz zu dem was in der Beziehung zwischen Kirche und Regierungen im Mittelalter geschah. Dort wurde die Kirche vielleicht manchmal zu einem Hindernis für den wissenschaftlichen Fortschritt, doch genau in derselben Zeit waren in den islamischen Ländern die Moscheen Zentren von Wissen, Bildung und Fortschritt.

 

Tiefe Spaltung im Herzen des besetzten Palästinas; Krieg zwischen Religion und Säkularismus auf der Straße

Laut Berichten hebräischsprachiger Medien sind arabische Bürger mit struktureller Diskriminierung konfrontiert. In diesem Zusammenhang erklärte die staatliche Kontrollbehörde in einem Bericht im Monat Juni dieses Jahres, dass die Diskriminierung der arabischen Gesellschaft im Bildungswesen kein Fehler, sondern Politik ist. In allen Altersgruppen und in allen fünf Bildungsindikatoren erhält ein arabischer Schüler im Vergleich zu einem jüdischen Schüler etwa 20 Prozent weniger Budget.

Auch in Bezug auf die Sicherheit unter den Arabern zeigte ein Bericht von Israel Hayom, dass 70 Prozent der Mordopfer im besetzten Palästina arabische Bürger sind, obwohl sie 21 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. Der Grund für diese Probleme sind weit verbreitete Arbeitslosigkeit, Fehlen geeigneter Sicherheitsstrukturen, Wohnungsmangel und das Fehlen sozialer Infrastrukturen, die zu einer Verbesserung der Kultur und natürlich Sicherheit führen könnten.

Daher können diese Faktoren als Grundlage für das Auftreten der städtischen Aufstände der Araber gegen Juden im Monat Mai 2024 und während des Krieges „Saif al‑Quds“ (Wächter der Mauern) betrachtet werden, der in seiner Art einzigartig war und bei den zionistischen Behörden ernsthafte Sorgen über eine Wiederholung dieses Ereignisses auslöste. Diese Umstände führten dazu, dass die Araber gegenüber dem vom zionistischen Regime vorgelegten Justizgesetzentwurf und anhaltenden Protesten dagegen keine Reaktion zeigen.

In diesem Zusammenhang schrieb Israel Hayom in einem Bericht: Die Gleichgültigkeit der arabischen Bürger hat ihre Wurzeln in einem fortlaufenden Prozess der Entfremdung und ihrer Distanz zur Wahl der Regierung und ihrer Institutionen. Beispielsweise nahmen sie an den Knesset‑Wahlen nur in geringem Maße teil. Es scheint als ob das besetzte Palästina wirklich nicht ihr Land ist und als ob die Regierung von Tel Aviv – sei es die Regierung Bennett‑Lapid oder die Regierung Netanjahu – eine ausländische Regierung wäre; daher haben die genannten Bedingungen das Potenzial sich in einen legitimen und gerechten zivilen Kampf für Gleichheit und Rechte gegen den Staat zu verwandeln. (1)

Derzeit sieht sich die zionistische Gesellschaft mit Problemen wie einem Rückgang des inneren Sicherheitsgefühls, steigenden Trend der Lebenshaltungskosten und verschärften Konfrontation zwischen Säkularen und Haredim konfrontiert, wobei diese Themen auch Teile der militärischen Struktur erfassten; doch trotz der anhaltenden Demonstrationen von mehreren tausend Menschen auf den Straßen und Drohung von Reservisten der Armee im Falle der Verabschiedung des Justizreformgesetzes den Dienst zu verweigern, deuten die Hinweise darauf hin, dass das radikale Kabinett Netanjahus nicht bereit ist von den Justizänderungen abzusehen.

Derzeit steht Netanjahu an der Spitze eines Kabinetts mit 64 Sitzen und einer völlig einheitlichen Koalition eine Erfahrung, die er zuvor nicht hatte. Wenn also der Gesetzentwurf zur Justizreform und das Auftreten von Straßenprotesten als ein seltenes Beispiel in der politischen Geschichte Israels gelten, stellt auch eine solche Unterstützung im Kabinett für Netanjahu eine Ausnahme in seiner politischen Laufbahn dar.

 

Fazit

Die zeitgenössische Geschichte des zionistischen Besatzungsregimes kann als Erzählung eines Übergangs von der Vorherrschaft säkularer Eliten hin zur Dominanz religiös‑nationalistischer Strömungen verstanden werden. Dieser Prozess, der mit dem Aufstieg und der Festigung der Rolle von Parteien wie „Schas“ und Wiederaufbau extremistischer Strukturen in der „national‑religiösen“ Partei an Dynamik gewann, bedeutet über eine bloße Veränderung der Machtverteilung hinaus ein tiefes Eindringen religiöser Ideologie in den Körper der Herrschaft. Die Konvergenz der Interessen zwischen säkularen Nationalisten (wie Likud) und religiösen Strömungen im Bereich territorialer Expansion und Siedlungsbau schuf ein Umfeld in dem der religiöse Zionismus vom Bereich der Religion in den Bereich von Gesetz und Herrschaft eindringen konnte.

Heute ist der Konflikt zwischen säkularen Bürgerrechten und religiösen Verpflichtungen, vom Ignorieren der Rechte der Frauen bis Vorgehen gegen Gegner religiöser Praktiken zu einer sozial‑politischen Krise geworden, die die innere Stabilität des Regimes mit ernsthaften Herausforderungen konfrontiert.

Quelle:

1- Nasim Hosseini, Master der Internationalen Beziehungen und Forscher am Institut für Studien der zeitgenössischen Welt

 

4360818/

captcha