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Möglichkeit der Unmöglichkeit

18:31 - June 30, 2026
Nachrichten-ID: 3014991
Teheran (IQNA)- Abgestufte Unmöglichkeit: Warum Reinkarnation der Gerechtigkeit Gottes widerspricht – und die Mathematik die Allmacht Gottes bestätigt. Imaginäre Zahlen als Hinweis auf Möglichkeit der Unmöglichkeit.

 

1. Die drei Ebenen der Möglichkeit (Modalitäten)

In der philosophischen Theologie muss strikt zwischen drei Modalitäten unterschieden werden, deren Verwechslung oft in die Irre führt:

Typ A (ontologisch möglich, aber nicht geschehend): Ein Ereignis ist an sich denkbar, wird aber aus freiem Willen oder Zufall nicht verwirklicht (z.B. Regen oder Nicht-Regen morgen).

Typ B (ontologisch möglich, aber kausal durch Gottes Handeln verhindert): Gott könnte es tun, aber Seine Weisheit (Ḥikma) und Gerechtigkeit (ʿAdl) schließen es als tatsächliches Ereignis aus.

Typ C (absolut unmöglich / muḥāl dhātī): Ein Widerspruch in sich selbst (z.B. 2+2=5), der nicht einmal der Allmacht Gottes zugänglich ist.

 

2. Die Reinkarnation (Tanāsukh) – ontologisch möglich, aber kausal unmöglich

Die Reinkarnation, also die Rückkehr der Seele in einen neuen irdischen Körper nach dem Tod, ist ontologisch möglich (Typ A). Ein allmächtiger Gott könnte theoretisch eine Seele in einen neuen Körper versetzen. Dennoch ist sie in der schiitischen Theologie entschieden verworfen – nicht aus ontologischen, sondern aus kausal-moralischen Gründen (Typ B) [1], [3], [8].

Gott handelt nicht willkürlich, sondern nach strenger Gerechtigkeit. Die Reinkarnation würde bedeuten, dass der Mensch mehrere Versuche hätte – was den einmaligen Prüfungscharakter (Ibtilāʾ) des Lebens zerstört. Der Koran stellt klar: „Der den Tod und das Leben erschuf um euch zu prüfen wer von euch am besten handelt“ (Koran 67:2). Eine Prüfung mit unendlichen Wiederholungen ist keine ernsthafte Prüfung.

 

3. Hedonistische Missbrauch und Entwertung der Verantwortung

Die gefährlichste Konsequenz der Reinkarnationslehre ist ihre moralische Sprengkraft. Ein Verbrecher könnte argumentieren: „Ich genieße jetzt die Beute; im nächsten Leben zahle ich halt mit Leid.“ Dies würde die Grenze zwischen Gut und Böse aufweichen, die Reue (Tawba) entwertet und das Jenseits (Paradies/Hölle) von einer finalen Gerechtigkeit zu einer bloßen „Reinigungsstation“ degradieren [2], [6].

 

4. Widerlegung durch die schiitischen Gelehrten

Die klassische schiitische Theologie lehnt Tanāsukh ausdrücklich ab. Shaykh al-Mufīd (gest. 413/1022) akzeptiert das Konzept der Seelenwanderung niemals und negiert sogar die Ewigkeit der Seele, die als Grundlage für deren Wiederverkörperung dienen könnte – er verweigert jede Interpretation der Texte, die eine Wanderung stützen könnte [1], [4], [8].

Auch der bedeutendste Exeget des modernen Schīʿentums ʿAllāmah Ṭabāṭabāʾī (gest. 1981) weist die Reinkarnation in seinem Tafsīr al-Mīzān zurück. In seiner Analyse des Urbundes (Mīthāq) stellt er klar, dass die Vorstellung einer präexistenten, in verschiedene Körper wandernden Seele „null und nichtig“ (bāṭil) ist [5].

 

5. Koranische Untermauerung der finalen Einmaligkeit

Der Koran versperrt den Rückkehr-Wunsch explizit: „Wenn der Tod zu einem von ihnen kommt, sagt er: ‚Mein Herr, bringt mich zurück! Vielleicht tue ich dann Gutes.‘ Nein! Es ist nur ein Wort... und hinter ihnen ist eine Barriere bis zu dem Tag, an dem sie auferweckt werden“ (Koran 23:99-100). Gott verweigert die Rückkehr nicht, weil Er es nicht könnte, sondern weil er es kraft Seiner Weisheit nicht zulässt [6].

 

6. Theologische Einordnung in der Encyclopaedia of Islam

Das akademische Standardreferenzwerk Encyclopaedia of Islam (Brill) behandelt Tanāsukh als eine Lehre die von der mainstream-islamischen Orthodoxie – sowohl sunnitisch als auch schiitisch – konsequent abgelehnt wird, da sie mit dem koranischen Konzept der einmaligen Auferstehung (Maʿād) unvereinbar ist [7].

 

7. Fazit der ersten Teile: Rettung durch abgestufte Unmöglichkeit

Die Irregeleiteten berufen sich auf die ontologische Möglichkeit (Typ A) und argumentieren: „Warum sollte Gott das nicht tun?“ – Sie übersehen die entscheidende kausale Unmöglichkeit (Typ B). Gottes Allmacht ist an Seine Gerechtigkeit gebunden. Er kann zwar alles ontologisch Mögliche, aber tut nur was seiner Gerechtigkeit entspricht. Daher ist die Reinkarnation nicht unmöglich, weil sie einen Selbstwiderspruch enthielte, sondern weil sie der von Gott selbst gesetzten moralischen Ordnung widerspricht [3], [6], [8].

 

8. Mathematische Bestätigung: „Kun Fayakūn“ als Brücke zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit

Die bisherige Analyse zeigte, dass die Unterscheidung zwischen ontologischer Möglichkeit (Typ A), kausal verhinderter Möglichkeit (Typ B) und absoluter Unmöglichkeit (Typ C) für das Verständnis der Schöpfungsordnung Gottes unerlässlich ist. Ein weiterer, oft übersehener Beweis für diese Struktur liegt in der Mathematik selbst – jener Disziplin, die der menschliche Verstand (ʿAql) als reinste Form der Erkenntnis hervor brachte.

 

8.1 Hierarchie der Zahlen als Abbild der Seinsmöglichkeiten

Die Geschichte der Mathematik zeigt eine schrittweise Erweiterung des Zahlenbegriffs, die frappierend der abgestuften Unmöglichkeit entspricht:

Zahlenbereich

Beschreibung

Ontologischer Status

ℕ₀ (natürliche Zahlen ohne Null)

Einfaches Zählen

Typ A – möglich, aber unvollständig

(natürliche Zahlen mit Null)

Der eigentliche Anfang des Zählens

Typ A – Erweiterung des Möglichen

(ganze Zahlen)

Beschreibung von Wegnehmen und Schulden

Typ A – neue Operationen werden möglich

(rationale Zahlen)

Bestimmung von Teilen und Brüchen

Typ A – feinere Unterteilung der Wirklichkeit

(reelle Zahlen)

Beschreibung kontinuierlicher Größen (inkl. irrationaler Zahlen wie √2)

Typ A – Abbildung der messbaren Welt

(komplexe Zahlen mit der imaginären Einheit i)

Lösung der Gleichung x·x = −1

Typ A → Typ B – scheinbare Unmöglichkeit wird durch neue Dimension real

 

Die entscheidende Wende kommt mit den imaginären Zahlen. In der Welt der reellen Zahlen (ℝ) ist die Gleichung x² = −1 eine absolute Unmöglichkeit (Typ C) – sie widerspricht den Axiomen der reellen Arithmetik. Doch die Mathematik ging einen Schritt weiter: Sie spannte eine neue Zahlenebene senkrecht zur reellen Achse auf und schuf damit den Raum der komplexen Zahlen (ℂ). Was zuvor als „unmöglich“ galt, wurde durch die Erweiterung des Denkraums zu einer ontologischen Möglichkeit (Typ A).

 

8.2 Physikalische Realität der „imaginären“ Zahlen

Noch bemerkenswerter ist, dass diese scheinbar „unmöglichen“ Zahlen in der Physik reale Phänomene beschreiben. Die imaginäre Einheit i ist unverzichtbar für:

Die Beschreibung von Phasenverschiebungen elektromagnetischer Wellen (z.B. in der Wechselstromlehre: U(t) = U₀ · e^(iωt))

Die Quantenmechanik, wo die Schrödinger-Gleichung die imaginäre Einheit enthält: iℏ ∂ψ/∂t = Ĥψ

Die Relativitätstheorie, wo die Wick-Rotation (t → it) die Raumzeit in eine vierdimensionale euklidische Geometrie überführt und damit Zustände ohne lineare Zeit beschreibbar macht.

Die Quantenphysik kommt nicht ohne imaginäre Zahlen aus – Experimente der vergangenen Jahre bestätigten, dass sie ein unverzichtbarer Bestandteil der physikalischen Realität sind [12] .

Was bedeutet das für die Theologie? Die menschliche Phantasie ersann nicht etwas „Falsches“ als sie die Quadratwurzel aus −1 definierte. Sie nahm eine höhere Dimension der Realität vorweg, die Gott in Seiner Schöpfung tatsächlich verankerte. Das, was im ersten Moment wie blanker Unsinn erschien, ist die präzise Beschreibung dafür wie Gott die oszillierende Bewegung des Lichts und Struktur der Quantenwelt erschuf.

 

8.3 Achtfache Wiederholung von „Kun Fayakūn“ als ontologisches Prinzip

Der Koran verwendet die Formel „Kun Fayakūn“ (كن فيكون) – „Sei! Und es ist!“ – an acht Stellen [9]. Diese achtfache Wiederholung ist kein Zufall, sondern unterstreicht die fundamentale Bedeutung des Prinzips:

Sure 2:117 – Schöpfung der Himmel und der Erde

Sure 3:47 – Geburt Jesu (a.s.) ohne Vater

Sure 3:59 – Gleichnis Jesu mit Adam (a.s.)

Sure 6:73 – Allmacht Gottes

Sure 16:40 – Auferstehung

Sure 19:35 – Gott ist frei von einem Sohn

Sure 36:82 – Der Befehl Gottes ist „Sei, und es ist“

Sure 40:68 – Schöpfung und Wiederbelebung

Die Gelehrten lesen das Partikel „Fa“ (das "und") in zwei Weisen. Die erste von den meisten Theologen vertreten, betont die unmittelbare, mühelose Verwirklichung des Willens Gottes. Die zweite, die sich aus der hier entwickelten Analyse ergibt, lautet:

„Kun Fayakūn“ besagt: Alles, was nicht in sich widersprüchlich ist (d.h. alles mathematisch und ontologisch Mögliche), kann sein – aber das, was tatsächlich ist, ist das, was Gott will [10] .

 

8.4 Verbindung zur abgestuften Unmöglichkeit

Diese Lesart fügt sich nahtlos in die zuvor entwickelte triadische Modalitätenlehre ein:

Typ C (absolut unmöglich): Mathematische Widersprüche (z.B. ein „viereckiger Kreis“) – sie sind nicht von „Kun Fayakūn“ umfasst, weil sie in sich selbst unsinnig sind.

Typ A (ontologisch möglich, aber nicht geschehend): Alle unendlichen mathematischen und physikalischen Potentiale – sie existieren im Wissen Gottes als reine Möglichkeiten. Die Quantenfeldtheorie kennt unendlich viele mögliche Welten; die komplexen Zahlen öffnen einen unendlichen Raum mathematischer Strukturen.

Typ B (ontologisch möglich, aber durch Gottes Weisheit verhindert oder verwirklicht): HIER greift „Kun Fayakūn“. Gott bestimmt aus diesem Ozean der Möglichkeiten, welche tatsächlich in die Realität treten. Die Reinkarnation wird verhindert (weil sie der Gerechtigkeit Gottes widerspricht), die Gezeitenreibung wird real (weil sie Teil der geschaffenen Ordnung ist), die Nabelschnur wird zum Anhängsel der Alaqa (weil es der embryonalen Wirklichkeit entspricht).

 

8.5 Wissenschaftliche Dimension: „Kun Fayakūn“ als Erklärung des Ursprungs

Die moderne Naturwissenschaft hat keine Erklärung für den Ursprung der Existenz selbst. Sie beschreibt wie sich das Universum nach dem Urknall entwickelte, aber sie kann nicht erklären warum es überhaupt etwas gibt statt nichts. Die Gesetze der Physik beschreiben Muster; sie initiieren keine Realität [10].

In wissenschaftlicher Sprache entspricht „Kun Fayakūn“ einer nicht-materiellen Kausalität, der Initiierung von Realität ohne vorexistierende physikalische Komponenten. Es ist nicht anti-wissenschaftlich, sondern vor-wissenschaftlich – es beschreibt die Bedingung unter der Wissenschaft selbst möglich wird.

Die schiitische Theologie betont, dass die Macht von „Kun Fayakūn“ ausschließlich Gott zukommt. Gott erschafft aus seinem Willen heraus ohne Materie, ohne Vorbild und ohne Präzedenz – mit dem Befehl „Sei!" und es ist. Diese exklusive Zuschreibung verhindert jeden Versuch die Schöpfungsmacht Gottes zu anthropomorphisieren oder zu okkultistischen Zwecken zu instrumentalisieren [11].

 

8.6 Fazit: Mathematik als Zeuge der Ordnung Gottes

Die Entdeckung der imaginären Zahlen und ihre physikalische Bewährung ist der lebende Beweis, dass der menschliche Verstand in seiner reinsten Form – der Mathematik – die Schöpfung Gottes durchdringen kann, bevor die Experimente sie bestätigen. Was heute als „unmöglich“ erscheint, kann morgen Grundlage der Physik sein [12].

Daher ist es unzulässig eine wörtliche Koran-Bedeutung (wie die Reibung der Erde bei Dulūk, Anhaften der Nabelschnur bei Alaqa oder Zeitlosigkeit der Bewegung) vorschnell als „unmöglich“ zu verwerfen. Die Mathematik lehrt uns: Die Grenze zwischen dem Möglichen und dem Wirklichen ist nicht die Grenze des Denkbaren – sie ist der Ort an dem der Wille Gottes entscheidet.

„Kun Fayakūn“ bedeutet: Alles ist ontologisch möglich, aber die tatsächliche Existenz hängt ausschließlich vom entscheidenden Willen Gottes ab [9] , [10].

Quellenverzeichnis (vollständige Liste)

1.    https://doi.org/10.5356/ORIENT.44.105Transmigration of Soul (tanāsukh) in Shaykh al-Mufīd and Mullā Ṣadrā, Orient (2009) – peer-reviewed mit DOI.

2.    https://doi.org/10.5281/ZENODO.1488657Reincarnation (Tanāsukh) According to Islam: Comparative, Historical and Contemporary Analyses (2018) – mit DOI.

3.    https://dergipark.org.tr/tr/pub/ulum/article/425054 – ULUM Journal (Dergipark) – türkische, peer-reviewte Zeitschrift.

4.    https://www.academia.edu/85861573/ – Detaillierte Analyse von Shaykh al-Mufīds Ablehnung der Seelenwanderung.

5.    https://almizan.org/Tafsīr al-Mīzān von ʿAllāmah Ṭabāṭabāʾī (klassisches schiitisches Referenzwerk).

6.    https://www.academia.edu/37169573/ – Ausführliche Studie zur Unvereinbarkeit von Reinkarnation mit islamischer Eschatologie.

7.    https://referenceworks.brillonline.com/entries/encyclopaedia-of-islam-2/tanasukh-SIM_7385Encyclopaedia of Islam, Zweite Auflage, Brill (akademischer Standard).

8.    https://www.academia.edu/85861573/ – Zusätzliche Studie zu Mufīd und der Widerlegung von Tanāsukh.

9.    https://seekersguidance.org/answers/quran/what-is-the-meaning-of-kun-fa-yakun-be-and-it-is/ – Shaykh Faraz Rabbani, What is the Meaning of Kun Fa-Yakun (“Be, and It Is”)? (2026) – fundierte theologische Erklärung der acht Qur'an-Stellen.

10.                        https://communities.springernature.com/posts/understanding-kun-faya-kun-in-the-age-of-science – Dr. Ashraf Zainabi, Understanding “Kun Faya Kun” in the age of Science, Springer Nature Community (2025) – wissenschaftstheoretische Einordnung.

11.                        [https://thr.araku.ac.ir/article_719736.html?lang=en]Evaluation of «عَبْدِی أَطِعْنِی أَجْعَلْکَ مِثْلِی» based on theological beliefs, Arak University (2024) – akademische Studie zur exklusiven Zuschreibung von „Kun Fayakūn“ an Gott.

12.                        https://www.spektrum.de/news/quantenphysik-kommt-nicht-ohne-imaginaere-zahlen-aus/2261767Die Quantenphysik ist einfacher als befürchtet, Spektrum der Wissenschaft (2026) – Beleg für die physikalische Notwendigkeit imaginärer Zahlen.

 

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