Sein Bart wurde weiß. Er ist höchstens vielleicht 38 Jahre alt, aber die Linien seines Gesichts kündigen einen tiefen Schmerz an. Er sitzt in einer Ecke auf dem Betonsaum des Bürgersteigs und wischt sich unaufhörlich mit dem Handrücken die Tränen ab. Seine Schultern zittern mit jedem Schluchzen. Ich gehe zu ihm. Unter dem Atem, als ob er mit sich selbst oder mit einem abwesenden Anwesenden spricht sagt er: „Wer hätte gedacht, dass das zweite Mal wenn ich in meinem Leben ein Totengebet sprechen möchte es Ihr Gebet sein wird? ... Das erste Gebet war das Gebet meines blutigen Vaters und das zweite ... wurde mein Gebet für den gesamten Vater der islamischen Gemeinschaft.“ Sein Schluchzen bricht aus und verbirgt seinen Kopf zwischen seinen Händen. Dies ist nicht nur das Bild einer einzelnen Person! Dies ist die Gestaltwerdung des Zustands aller Menschen heute, die die Straßen von Teheran ein grenzenloses Trauerhaus verwandelten.
Seit der letzten Nacht hatte ich die Uhr gestellt um zum Gebet in der Musalla zu gelangen. Ich wusste, dass ein seltsamer Tag bevorstand! Ein Tag an dem die üblichen Gleichungen des Verkehrs keine Gültigkeit haben werden. Ich musste einige Stunden früher aufbrechen. Um 4:30, vielleicht auch 5:00 Uhr morgens! Es war noch dämmerig als ich das Haus verließ. Ich dachte mit diesem sicheren zeitlichen Puffer würde ich sicher einen Platz in den hinteren Reihen oder zumindest im Haupthof finden. Dennoch sah die Realität der Straßen ganz anders aus. Als der Metrozug um 6:30 Uhr morgens die Station Teatr-e Shahr erreichte, drückte die Menschenwelle so stark gegen die Türen, dass das Atmen schwerfiel. Man konnte nicht einmal den Weg für den Linienwechsel freimachen. Die Rolltreppen waren außer Betrieb und die Metrotunnel drückten die Menschen wie ein überschwemmender Fluss in Richtung der Ausgänge zurück. Es gab keine andere Wahl! Wir mussten zu Fuß in Richtung Musalla gehen.

Der Weg war lang und mein Herz war unruhig in meiner Brust. Ständig sagte ich zu mir selbst: „Gott! Was, wenn ich es nicht schaffe? Was, wenn die Tore der Musalla geschlossen werden und ich zurückbleibe mit der Sehnsucht nach dem Gebet unseres Märtyrer-Oberhhaupts?“ Ich beschleunigte meine Schritte und sprach leise Dhikr (Gedenkgebete), aber die Flut der Menschenmenge erlaubte es nicht schneller als ein gewisses Tempo zu gehen. Alle gingen gemeinsam in einem langsamen und trauernden Rhythmus.
Eines der Grundprinzipien des Journalismus und Berichte schreiben ist nicht zu übertreiben! Dass deine Worte ein genauer Spiegel der Realität sind und keine poetischen Exaggerationen. Aber bei der Ehre dieser Feder schwöre ich, dass es keine Übertreibung ist wenn ich sage, dass der Weg randvoll war. Man konnte keine Nadel fallen lassen. Der Asphalt der Straße war unter den Füßen von Millionen von Trauernden verschwunden. Eine Frau die ihr Tschador fest unter dem Kinn hielt und außer Atem war sagte zu mir: „Ich erinnere mich an das Gebet von Nasr... an jenem Tag mussten wir auch vor der Musalla stehen und dem Seyyed folgen. Könnten wir jetzt auch wieder hinter dem Seyyed beten... Ich kann immer noch nicht glauben, dass sie nicht mehr da sind.“ Sie sprach das Wort „sind nicht mehr da“ so aus als wäre ein Stück ihrer Seele herausgerissen worden.

Aus der Ferne sehe ich die Kuppel und die Minarette der Musalla. Mein Herz wird hell. Ich sage zu mir selbst, Gott sei Dank, zumindest erreiche ich das Gebet. Aber diese Freude hält nicht an. Je näher wir kommen, desto mehr drückt die Personendichte gegen die Ziegelwand der Musalla. Es gibt keinen Platz! Es gibt überhaupt keine Möglichkeit zum Eintreten. Eineinhalb Stunden legte ich vom Teatr-e Shahr bis hierher zu Fuß zurück, Schritt für Schritt mit einer Menge die in jedem Moment an Ausdehnung gewann. Die umliegenden Straßen sind voller Menschen. Polizeikräfte und Zeremonienhelfer verkünden mit Handlautsprechern: „Die Kapazität im Inneren ist erschöpft! Bitte gehen Sie in Richtung Qanbarzadeh-Straße.“
Mit Mühe erreichen wir Qanbarzadeh. Auch Qanbarzadeh ist überfüllt. Die Welle der Stimmen der Menge sagt: „Gehen Sie in die nächste Straße!“ und die Geschichte geht so weiter. Resalat, Beheshti, Sohrwardi... alle Adern die zur Musalla führen sind durch Menschen blockiert. Ich bleibe in einer Ecke stehen. Ich habe keine Kraft mehr weiterzugehen. Hier, genau an diesem Punkt an dem ich stehe ist nun der Startpunkt der Liebenskunde.
Einige Minuten vor dem Beginn des Gebets hallen die Lautsprecher in der Straße wider. Mahmoud Karimi beginnt zu singen. Seine Stimme mit jener vertrauten Melancholie und Traurigkeit die so wirkt als käme sie aus Jahrhunderten vor legt sich schwer auf die Menge. Jeder der in einer Ecke sitzt oder steht schlägt sich auf die Brust und weint bitterlich. Die Schultern zittern und die Hände sind zum Himmel erhoben. Ein junges Mädchen neben mir und dessen Augen vor lauter Weinen rot sind sagt inmitten ihres Schluchzens: „Gestern sagte jemand: Ich weiß nicht wie diese Größe in diesen Sarg passt... Ich weiß es auch nicht... Ich weiß nur, dass die Neider kein Glück sehen werden... Deine Größe wurde vom bösen Blick getroffen, Seyyed...“ Bevor ihr Satz endet geht ihr Schluchzen schon wieder im Klang der Trauergesänge unter.

Dieser Weg, diese Tage, diese Menschen… alles hat ganz stark die Atmosphäre von Karbala und dem Weg der Mashaya (Arba'in-Pilgerung) an sich. Wenn Sie nach Karbala gingen, wenn Sie den Geschmack dieser süßen Müdigkeit und jenes beispiellosen Mitgefühls unter Fremden schmeckten, verstehen Sie genau was ich sage. Hier kennt niemand niemanden, aber alle sind miteinander Bruder und Schwester. Wasserflaschen werden von Hand zu Hand gereicht, alte Männer werden auf Klappstühle gesetzt und jeder gibt was er hat um einen anderen zu trösten. Ein riesiger Trauer-Moukab (Pilgerstation) von der Ausdehnung der Hauptstadt.
Der Ruf des Takbir hallt laut auf. „Allahu Akbar“. Das Gebet wird vollzogen. Eine seltsame und schwere Stille zusammen mit leisem Geräusch unterdrückter Schluchzer erfüllt die Atmosphäre. Mitten im Gebet wenn der Vorbeter die Gedenkformeln (Dhikr) rezitiert, erreicht das Schluchzen der Menge ihren Höhepunkt. Die Schultern eines Mannes der vor mir steht zittern heftig. Wenn das Gebet endet scheint es als würden die Tränenerstickungen gerade erst wieder aufbrechen. Die Menge beginnt sich langsam in Bewegung zu setzen, aber niemand hat das Herz zu gehen. Inmitten des Gedränges spreche ich mit verschiedenen Menschen. Eine Frau mit dem süßen Dialekt aus Gilan sagt, dass sie gestern Abend mit dem Bus aus Rasht aufgebrachen und nur aus Liebe zu diesen wenigen Raka'at des Gebets kamen. Ein Stück weiter sitzen eine Familie aus Qazvin und sind dabei ein Stück Brot mit Käse zu essen.

Mein Auge fällt auf ein kleines Mädchen, das einen kleinen schwarzen Tschador trägt und ein Foto des Märtyrer-Oberhhaupts fest an ihre Brust presste. Ich setze mich neben sie und frage mit einem Lächeln: „Wie alt bist du, Liebes?“ Mit ihrer zarten und kindlichen Stimme sagt sie: „12 Jahre“. Ich frage: „Sahst du das Oberhhaupt jemals aus der Nähe? Hattest du eine Begegnung?“ Bevor meine Frage zu Ende ist zittern ihre kleinen Lippen. Ihre großen Augen füllen sich mit Tränen und sie sagt mit einer Sehnsucht die für ihr Alter viel zu groß ist: „Nein… es war nie mein Schicksal. Ich betete so viel, um zum Haus (des Herrn) zu gehen, aber es wurde nichts. Jetzt bleibt die Begegnung für die jenseitige Welt übrig… Ich hoffe das Oberhhaupt erkennt mich dort, ich hoffe er wird für uns Fürbitter sein…“.
Die Tränen des Mädchens zerreißen mein Herz. Ich streiche ihr über den Kopf und stehe auf. Die Sonne Anfang Juli ging nun voll auf und die Hitze der Sonne breite sich auf dem Asphalt der Straßen von Teheran aus. Aber im Herzen dieser Straßen, im Herzen dieser Millionen von Menschen, Schulter an Schulter schreitend, schlug die Kälte eines großen Verlustes ihr Lager auf; ein Verlust dessen Ausfüllung allein in der Hand der Zeit und dem Gott der Zeit liegt und in diesem Moment denke ich an unser neues Oberhhaupt und sage zu mir selbst: „Gott! Möge ich sterben… Ich meine, wo ist unser geschätztes Oberhhaupt jetzt? Von wo aus betrachtet seine große Seele diese Zeremonie, diesen unendlichen Ozean aus Menschen? Gott! Gib ihm Geduld, Mann! … Gott! Gib uns allen Geduld!“.
Maryam Homaie
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